Moderne Gedichte visualisieren – Lyrik in der Q2

 

Die Schülerinnen und Schüler meiner Kurse in der Oberstufe sind die Arbeit mit digitalen Medien gewohnt. Ein Thinglink oder ein Video zu produzieren, ist für sie nichts Neues, die kooperative Arbeitsplattform Wiki ist ihnen ebenso geläufig.

Im Anschluss an die klassische Textanalyse von Gedichten im Rahmen der Unterrichtsreihe „Unterwegs sein – Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart“ hatten die SuS zwei Wochen Zeit, die Hauptaussagen eines der vorgelegten Gedichte des 21. Jahrhunderts (Nick: Hinterlassenschaft, Roher: Glaubensbekenntnis, Gintrowski: bist du sahne, Maas: waffenschau, Leisten: Am Ende und Verheißung, Crauss.: die angst in person, Dove: Gott gemäß Google, mit den filmischen Möglichkeiten des Mediums Video darzustellen.

Zur Vorbereitung sollten sie zunächst die Hauptaussagen (sowie die formalen Aspekte und rhetorischen Mittel) des ausgewählten Gedichts gemeinsam erarbeiten. Diese sowie die Organisation ihres Arbeitsprozesses und dessen Dokumentation wurden auf einem Pad – einem kooperativ zu erstellenden Text- und Bilddokument – fixiert, das auch Teil der Bewertung war.

Die Bewertung der Videos wurde von allen Schülerinnen und Schülern, die sich in ihren Arbeitsgruppen abstimmten, vorgenommen, wobei im Vorhinein die individuellen Arbeitsanteile angegeben wurden.

Das vorliegende 1. Beispiel eines gut gelungenen Videos (Crauss.: die angst in person) habe ich aus datenschutzrechtlichen Gründen um die erste Hälfte, die Aussagen von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern zum Thema Angst enthielten, gekürzt. Es war eindrucksvoll mitzuerleben, wie engagiert, mit wie viel Herzblut und wie motiviert die Schülerinnen (es handelte sich ausschließlich um -innen) die Umsetzung (Inhalte, Location, Licht, Ton, Symbolik, Betonung des Textes, usw.) der von ihnen erarbeiteten Aussagen des Gedichts diskutierten und schließlich realisierten.

Im vorliegenden 2. Beispiel (Leisten: Verheißung) gingen die Schülerinnen (auch hier: ausschließlich -innen) anders vor: Zunächst erbaten und erhielten sie das Audio des Autors, der seinen Text selbst vortrug, anschließend visualisierten sie die Ergebnisse ihrer analytischen Vorarbeit auf unterschiedliche Weise.

In der abschließenden Reflexion zeigten sich alle SuS begeistert von dieser kreativen Arbeitsphase. Über die reine Textarbeit, die Zentrum der Lyrik-Unterrichtsreihe war, hinaus ergeben sich folgende erweiterte Lernziele:

  • SuS beschäftigen sich intensiv mit den Textaussagen auf inhaltlicher, formaler und sprachlicher Ebene.
  • SuS elementarisieren ihre Analyseergebnisse.
  • SuS kommunizieren und organisieren ihren Arbeitsprozess von der Planung über die Produktion bis hin zur Präsentation.
  • SuS erlernen und wenden filmische Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten (Medienkompetenzen: Aufnahme – Schnitt – Licht/Ton/Sprache – Recherche – Urheberrechte, Zielgruppenorientierung).
  • SuS entwickeln ihre kreativen Fähigkeiten, ästhetische Wahrnehmungsfähigkeiten und kritisches Bewusstsein gegenüber Medienangeboten.
  • SuS diskutieren und bewerten die Videos anhand vorgegebener Kriterien.
  • SuS reflektieren ihren Lernprozess.
  • MOTIVATION!

Erläuterungen, Materialien, weitere Hinweise in der entsprechenden Fortbildung.

„Nathan“ im Deutschunterricht der Q1 – Kombi klassisch / digital-kreativ

Screenshot (51)

 

Strukturell unterschiedliche Dramen aus unterschiedlichen historischen Kontexten – u.a. Nathan der Weise (G. E. Lessing) – eine obligatorische Vorgabe fürs Zentralabitur NRW Deutsch 2021.

An unserer Schule (Bischöfliches Clara-Fey-Gymnasium Schleiden) steht dieses Thema im 1. Quartal des 1. Halbjahrs der Q1 auf dem Programm.

Ich arbeite mit den SchülerInnen überwiegend mit digitalen Geräten (Handy/Tablets im Unterricht, PC/Laptop zu Hause) – Grundlage unserer Arbeit ist ein Projektwiki der ZUM.Diese gemeinsame Arbeitsplattform im Netz kann durch ihre Transparenz Lernen und Lehren stark verändern: weg vom Einzelkämpfertum hin zu projektartigen Lernsettings, die, ganz „nebenbei“, noch zahlreiche Medienkompetenzen vermitteln können. Außerdem habe ich als Lehrer die beste Grundlage zur sachgerechten Beurteilung der SchülerInnenleistungen.

Solange wir uns im Rahmen herkömmlicher Prüfungsbedingungen befinden, die, ungeachtet der „Kultur der Digitalität“ (F. Stalder), wie vor Jahrzehnten (ungeachtet ebenso digitaler, erweiterter didaktischer Möglichkeiten) aus einer individuell, in vorgegebener Zeit, unter Einhaltung klarer Aufgabenstellungen und Regelungen, mit Stift und Papier und auf dem Hintergrund standardisierter Erwartungen zu erbringenden  Leistung besteht, führt kein Weg an der verantwortlichen Vorbereitung der SchülerInnen auf diese Prüfungsform vorbei. M.E. bedeutet das die Anfertigung mindestens mehrerer Analysen (Vereinbarung unserer Fachschaft) in klassischer Form, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, wobei das Wiki den SchülerInnen immerhin kooperative Arbeitsformen, Feedback etc. ermöglicht.

In dieser UR habe ich erneut eine Kombination klassischer Textanalyse mit digital-kreativen Elementen versucht:

Lernziele: SuS

  • kennen das Drama (Lektüre, Anfertigen einer Inhaltsangabe, Besprechung), ggf. unter Hinzuziehung der Verfilmung (1967)
  • arbeiten gemeinsam auf einem ZumPad, vergleichen ihre Lösung mit solchen im Netz (Links s. Wiki)
  • analysieren zentrale Textstellen
  • setzen sich mit der Epoche der Aufklärung auseinander, u.a. mit Hilfe eines Audios sowie mit Kants Was ist Aufklärung?
  • erarbeiten Nathan als Drama der Aufklärung
  • geben sich (auf dem Wiki) gegenseitig Peer-Feedback
  • erkennen den Prozesscharakter des Internets (Überarbeitung ihrer Texte mit Hilfe der Feedbacks auf dem Wiki)
  • lernen das Tool Thinglink und seine Funktionen kennen und erwerben die entsprechenden Anwendungskompetenzen (ggf. mithilfe eines Tutorials)
  • wählen aus vorgegebenen Themen sowie möglichen PartnerInnen aus
  • entscheiden sich ggf. für ein selbst gewähltes Thema
  • intensivieren ihre Auseinandersetzung mit dem Thema
  • organisieren ihre Arbeit am Thinglink selbständig auf jeweils einem Pad (Beispiel)
  • produzieren mit Hilfe digitaler Tools Texte, Fotos, Videos, Audios
  • diskutieren und überarbeiten ihre Rechercheergebnisse / Produktionen
  • berücksichtigen vorgegebene Kriterien zur Erstellung des Thinglinks
  • präsentieren ihr Thinglink vor dem Kurs
  • bewerten die Thinglinks gemeinsam online
  • entwickeln ästhetische Wahrnehmungsfähigkeiten und kritisches Bewusstsein gegenüber unterschiedlichen Medienangeboten im Netz

1. Schritt: Vorstellung und Auswahl der Themen / Bewertungskriterien:

  • Lessing: Leben (Biographie) und Zeit (Kultur, Geschichte)
  • Das klassische Drama am Bsp. von „Nathan der Weise“ 
  • Die „Ringparabel“: konkrete aktuelle Bezüge
  • Die Figur Nathan
  • Die Figur des Patriarchen (IV, 2): Deutung/Bewertung
  • Selbst gewähltes Thema 

Bewertungskriterien

2. Schritt: Organisation der dreiwöchigen Arbeit (EA oder PA)

3. Schritt: Recherche – Produktion – Auswahl – Diskussion – Überarbeitung

4. Schritt: Auswertung der Thinglinks – Arbeitsanteile?

Beispiele:

5. Schritt: gemeinsame Bewertung der Thinglinks (online)

6. Schritt: Reflexion der Möglichkeiten der Thinglinks / der UR

Erläuterungen, Materialien, weitere Hinweise in der entsprechenden Fortbildung.

Balladen mit Playmobil in Szene setzen

Playmobilfiguren im DU eines Gymnasiums? Das hätte ich mir bis vor kurzem kaum vorstellen können. Dann las ich von der Verleihung des Grimme Online Awards an Sommers Weltliteratur to go und war so angefixt, dass ich es in meinem DU selbst versuchen wollte. In einer Kombination aus (klassischer) Textanalyse von Balladen und deren medialer Umsetzung in Videos mit SchülerInnen der Kl. 7 (Tabletklasse) gelang eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Texten, die viel mehr bot als bloße Textuntersuchung.

Zielgruppe: SchülerInnen Kl. 7-9

Kontext: Lesen – Umgang mit Texten (hier: Balladen) und Medien

Lernziele:

  • SuS unterscheiden Merkmale epischer, lyrischer und dramatischer Texte.
  • SuS wenden textimmanente Analyseverfahren an und verfügen über die dazu erforderlichen Fachbegriffe.
  • SuS untersuchen Balladen und erarbeiten deren Merkmale und Funktionen sowie die Konstellation der Figuren, deren Charaktere und Verhaltensweisen.
  • SuS verändern unter Verwendung akustischer, optischer und szenischer Elemente Texte und präsentieren ihre Ergebnisse in medial geeigneter Form.
  • SuS kommunizieren mit Hilfe audiovisueller Medien (Kamera, Bild, Ton, Licht, Schnitt) von der Planung und Recherche über die Produktion bis hin zur Präsentation.
  • SuS erlernen und wenden filmische Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten an.
  • SuS entwickeln ästhetische Wahrnehmung und kritisches Bewusstsein gegenüber Medienangeboten.
  • SuS diskutieren und bewerten die Videos anhand vorgegebener Kriterien.
  •  SuS reflektieren ihren Lernprozess.


1. Schritt: Klassische Textanalyse mehrerer Balladen (Schiller: „Der Handschuh“ , Fontane: „Die Brück‘ am Tay„, Goethe: „Der Fischer„, „Erlkönig„). Arbeitsschritte: Bearbeitung (Lesen, Markieren, Gliedern) – Vortrag mit verteilten Rollen – Textproduktion: Einleitung (Themasatz), Hauptteil (Darstellung und Deutung exemplarischer Textstellen inhaltlich, sprachlich und formal)

Beispiele (Lernplattform Wiki)

2. Schritt: Überarbeitung der Analysen – Partner-Feedback 

3. Schritt: Zitierweise einüben

4. Schritt: Gruppenarbeit (4/5 SuS): Bitte erstellt kurze (max. 3 Min.) Videos zu einer ausgewählten Ballade! (Zeit: 3 Wochen)

Arbeitsschritte:

  • Nochmalige Bearbeitung der Texte (analog: Textmarker, Stift/Notizen)
  • Begründung der Auswahl einer Ballade (Wiki)
  • Hauptaussagen der Ballade?
  • Entscheidungen: Was soll gezeigt, was soll nicht gezeigt werden? Warum (nicht)?
  • Entscheidungen: Wie kann die Aussageabsicht des Textes am besten visualisiert werden?
  • Formulierung der zu sprechenden Texte (mindestens Stichwörter)
  • Erstellung des Storyboards (Abfolge des Videos)
  • Aufnahme des Audios
  • Aufnahme des Videos (z.B. mit Handy, Kamera)
  • Schnitt 

Organisiert eure Arbeit sorgfältig, und erstellt einen genauen Arbeitsplan (wer macht wann was?) auf einem ZumPad!

Beispiel zu Fontanes Die Brück‘ am Tay

5. Schritt: Vorstellung der Videos

Beispiel zu Schillers „Der Handschuh“

Beispiel zu Goethes „Der Fischer“

6. Schritt: Gemeinsame Bewertung der Videos (online)

Bewertungsbogen

7. Schritt: Reflexion des Lernprozesses

Biblische Texte bearbeiten und mit Videos aktualisieren

Zielgruppen: SchülerInnen Kl. 8 – Q1

Kontext: Unterrichtsreihe zum Thema JESUS (in vielfältigen Zusammenhängen)

Lernziele:

  • Analyse biblischer Texte
  • Aktualisierung bibl. Texte
  • Vortrag einer Interpretation zu einem bibl. Text
  • Fähigkeit zur Kommunikation mithilfe audiovisueller Medien (Kamera, Bild, Ton, Licht, Schnitt) von der Planung und Recherche über die Produktion bis hin zur Präsentation
  • Erlernen und Anwenden filmischer Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten
  • Entwicklung ästhetischer Wahrnehmung und kritischen Bewusstseins gegenüber unterschiedlichen Medienangeboten


1. Schritt: Die Heilung des Besessenen von Gerasa (Mk 5,1-20)

2. Schritt: Sicherung des Inhalts: Inhaltsangabe als gemeinsames Dokument (ZumPad) in Gruppenarbeit

3. Schritt: Fragen zum Text stellen: Fragen werden erarbeitet und als Grundlage der Weiterarbeit auf der Lernplattform fixiert: Von hier aus sind sie allen zugänglich, exemplarisch werden einige besprochen

4. Schritt: Beantwortung der Fragen: Arbeitsteilige GA auf der Grundlage einschlägiger Materialien

(Auslegung: http://www.lectiobrevior.de/2011/06/zu-mk-51-20-der-besessene-von-gerasa.html)

5. Schritt: Aktualisierung des Bibeltextes: Aufgabe: Produziert ein Video, das eine euch wichtige Aussage aus Mk 5, 1-20 aktualisiert wiedergibt!

Erläuterungen, Materialien, weitere Hinweise, insbesondere zur Anfertigung (Aufnahme, Schnitt) des Videos in der Fortbildung!

 

 

 

 

 

Zeitgemäße Bildung: Warum Lernen ohne digitale Medien anachronistisch ist (2. Ent-grenzung)

Ent-grenzung

Die Arbeit mit dem Netz weitet das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für seine vielfältigen Möglichkeiten als „worldwide web“ und fördert somit den Blick über den Tellerrand und ermöglicht ein weltoffenes, aufgeklärtes Weltbild. (Dass es immer mehr gegenläufige,  ab-grenzende, z.B. nationalistische Tendenzen gibt, ist offensichtlich und ebenso Teil des Netzes. Umso mehr bedarf es hier der Wahrnehmung, Aufklärung und Diskussion.) Nach wie vor bietet das Netz die Möglichkeit weltweiter Verbindungen (in Echtzeit), die in der Schule auf vielfältige Weise realisiert werden können.

„Zur Zeit Gutenbergs entstand mit der Nutzung der typografischen Medien eine ideale Kommunikationsge­meinschaft, die sich selbst als deutsche Nation oder als ‚gemein‘ beschrieb. Der deutsche Nationalstaat einschließlich seiner bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen­den Vorläufer ist ein Kommunikationssystem auf ge­sellschaftlichem Spezifitätsniveau. Je stärker seine Sou­veränität wurde, desto klarer traten die Grenzen des Kommunikationsraums hervor – und die Möglichkei­ten der Ab- und Ausgrenzung von Kommunikatoren wuchsen.“ […]

Diese [digitalen Kommunikationsmittel] haben viele Mütter und Väter nicht nur in Europa, sondern mehr noch in den USA und weiteren Ländern. Sie haben keine besonderen Beziehungen zum Christentum; es sind fast globale und jedenfalls sä­kulare Technologien mit universellen digitalen Kodes.“  

„Und damit verlieren nicht nur alle Nationalsprachen an Bedeutung für die Kommunikation, sondern auch der nationale Kommunikationsraum verliert an Zu­sammenhalt. Die Schwächung der Bedeutung von Na­tionalsprachen trägt zur Erosion der Nationalstaaten als Kommunikationssystem bei. Wir erleben die Kehr­seite jener produktiven Symbiose von Sprachausbau und Nationenbildung, die von so vielen Gelehrten in der Neuzeit in Deutschland gefeiert wurde.“

„Der Punkt, an dem wir 2017 in Deutschland sind, ist der, dass zumin­dest keine Einigkeit mehr darüber besteht, ob es noch eine nationale Kommunikationsgemeinschaft gibt, ob sie anzustreben ist und wie andere Kommunikations­systeme auf gesellschaftlichem Spezifitätsniveau – d.h. auf dem Niveau ihrer sie kennzeichnenden Eigenschaf­ten – aussehen könnten […]“ (M. Giesecke)

Giesecke stellt die beiden Medienrevolutionen in diesem Punkt noch einmal  aussagekräftig gegenüber: Während die Gutenberg-Technologie den Nationalstaat beförderte, trägt das Netz zur Internationalisierung bei.

Konkret in der Schule umsetzbar ist sie z.B. durch Skype-Konferenzen mit der jeweiligen Partnerschule z.B. in den USA, Großbritannien oder in Frankreich. Auf diese Weise können die jeweiligen native speaker den Fremdsprachenunterricht  bereichern.

Eine andere Möglichkeit bietet „Mystery Skype“, das „weltweite Ratespiel, das Schülerinnen und Schüler begeistert. Spielerisch lernen sie Geografie und entdecken andere Kulturen, Sprachen sowie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Leben von Kindern auf der ganzen Welt“. Eine japanische Lehrerin, die mich über Twitter ansprach, verband sich (nach mehreren Vorgesprächen und technischen Proben) über Skype mit ihren Schülerinnen und Schülern mit meiner 9. Klasse. Ziel des Spiels ist es, den jeweiligen Aufenthaltsort der anderen Gruppe mit Hilfe von Ja-/Nein-Fragen herauszufinden. 30 Minuten dauerte es, bis meine Klasse den japanischen Ort erriet. Bis dahin wurde nach kurzer, scheuer Anfangsphase engagiert und extrem motiviert mit Atlanten, GoogleMaps, Wikipedia, usw. recherchiert, während andere sich mit der Übersetzung der Fragen ins Englische beschäftigten.
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Selten stand die intrinsische Motivation so sehr im Zentrum einer Stunde. Aus diesem Wettbewerb ergeben sich unter idealen Umständen weitere Kontakte,  umfangreicher vorbereitet, z.B. in den sprachlichen Fächern, ebenso in Erdkunde, Geschichte, Politik, usw.

Ich selbst werde demnächst mit meiner (neuen) Tabletklasse im Fach Katholische Religion von einem symbolträchtigen christlichen Ort aus mit der japanischen Gruppe „Mystery Skype“ spielen, bevor wir uns dann näher mit deren Religion beschäftigen.

 

 

 

Digitale Prüfungsformen in der „analogen Schule“ sind möglich

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Viele Kolleginnen und Kollegen machen sich auf den Weg „zeitgemäßer Bildung“ und versuchen mit dem Einsatz digitaler Medien in der Schule ihre SchülerInnen auf die Anforderungen im Studium und im Beruf des 21. Jahrhunderts angemessen vorzubereiten. Das entspricht voll und ganz dem Bildungsauftrag der Schule.

Die Arbeitsweise „digitaler Schule“ und die momentan bestehenden Strukturen prallen oftmals dort aufeinander, wo der freie Gestaltungsraum der LehrerInnen geringer wird: in Klassenarbeiten und Klausuren. Wer regelmäßig digitale Medien (nicht nur) zur Recherche, sondern ebenso z. B. kollaborativ verwendet, wer das Internet als Wissensspeicher kritisch zu nutzen weiß, wer sich in einem Lernnetzwerk befindet, der sieht sich durch die klassischen Prüfungsformen (jeder für sich, ohne Internetzugang, mit Papier und Stift) zurückversetzt in eine Zeit und Lernkultur, die als überwunden galt.

Wie kann man nun trotzdem in dieser, für die meisten Kolleginnen und Kollegen alltäglich-realen Schulumwelt, digitale Prüfungsformen realisieren, um den pädagogischen Mehrwert „digitaler Schule“ auch in Klassenarbeiten bzw. Klausuren hinein zu tragen?

Seit fast zwei Jahren unterrichte ich meine Tabletklasse auch im Fach Deutsch, und seitdem habe ich ausschließlich digitale Klassenarbeiten geschrieben. Wir arbeiten auf einem Wiki, kollaborative Arbeitsformen sind den Schülerinnen und Schülern somit vertraut. Aus datenschutzrechtlichen Gründen muss eine Klassenarbeit/Klausur in einem nichtöffentlichen Raum stattfinden. Deshalb sende ich den SchülerInnen zu Beginn der Arbeitszeit alle nötigen Materialien per (vorbereiteter) Mail zu. Neben offenen Dateien gibt’s zusätzlich immer auch ein PDF, auf das im Notfall zurückgegriffen werden kann. Texte können wahlweise digital oder analog (bei einer Lektüre z.B. im Buch) bearbeitet werden.

In der 8. Klasse stand am Ende der Unterrichtsreihe zu Hermann Hesses „Unterm Rad“ folgende Klassenarbeit:

AUFGABEN:

  1. Welche Aspekte des Romans „Unterm Rad“ hältst du für aktuell? Zur Meinungsbildung kannst du sowohl den Roman als auch die Unterrichtsergebnisse auf dem Wiki zu Hilfe nehmen.
  2. Welche der folgenden Webseiten würdest du MitschülerInnen einer 8. Klasse zur Orientierung über den Roman (nicht) empfehlen? Wähle jeweils eine empfehlenswerte bzw. nicht empfehlenswerte aus und begründe deine Meinung:

2.1http://www.schultreff.de/referate/deutsch/r0820t00.htm

2.2 http://www.dieterwunderlich.de/Hesse_rad.htm#cont

2.3 http://www.lesekost.de/deutsch/nobel/HHLDN04.htm

2.4 http://www.neuewoertlichkeit.de/unterm-rad/

2.5 http://www.dw.shuttle.de/dw/kreisgymftldeu/deutsch2.htm

 

  1. Überarbeite deinen Text noch einmal sorgfältig.

Sende mir deine Lösung spätestens um 8.55 Uhr per Mail zu.

Was üblicherweise in Klassenarbeiten deutscher Gymnasien ausgespart bleibt (WLAN, Internet, Zugriff auf – auch von MitschülerInnen – in der UR Erarbeitetes, Medienkompetenzen zur kritischen Beurteilung von Webseiten), findet in dieser Prüfungsform seinen (während der Unterrichtsreihe vermittelten und geübten) Platz.

Nach meiner Korrektur (mit der Kommentarfunktion von Word bzw. LibreOffice) sende ich sie den SchülerInnen zu Beginn einer Präsenzstunde wieder per Mail zu.

Digitale Medien bieten zahlreiche Möglichkeiten der individuellen Förderung. Dies zeigt sich besonders in der Korrekturphase der Klassenarbeit/Klausur, die wiederum auf dem Wiki stattfindet.  Zunächst erstellt jede/r SchülerIn eine Statistik ihrer/seiner Fehler (nach Fehlerarten), sodass sie/er sprachliche Stärken und Schwächen unmittelbar reflektieren kann und abhängig davon anschließend ihre/seine persönlichen Schwächen mit interaktiven Übungen, die ich als Links zur Verfügung stelle, beheben kann. Im Extremfall ergibt sich hier eine Situation, in der jede/r SchülerIn ihren/seinen eigenen Lernweg verfolgt. Folgende Links (Übungen zur Rechtschreibung und Grammatik)

sind brauchbar:

https://www.learningsnacks.de/share/551/

http://bit.ly/2mJZfOG

http://www.online-lernen.levrai.de/index.htm

https://ivi-education.de/

 

Weiterhin wird die korrigierte Klassenarbeit auf das Wiki hochgeladen und hier (etwa vom Tischnachbarn) wiederum korrigiert, z. B. durch Fettmarkierung der (inhaltlichen und sprachlichen) Fehler. Nach einem erläuternden Gespräch darüber gilt das Feedback dem einzelnen Schüler als Grundlage zur erneuten Korrektur seines Textes. Ggf. erfolgt eine weitere Korrektur/ein weiteres Feedback, bis ein zufriedenstellender Erfolg erzielt ist.

 

Möglichkeiten und Risiken des Unterrichtens mit digitalen Medien – Fazit nach 1 Jahr

Nach einem Jahr Leitung der 1. Tabletklasse am Clara-Fey-Gymnasium  möchte ich ein Fazit in mehreren Thesen ziehen.

1. These: Motivation, Motivation, Motivation!

Auch nach einem Schuljahr Unterricht mit einem 2-in-1-Gerät in (fast) allen Fächern bleibt die Motivation der SchülerInnen konstant hoch: Die Lust, mit dem Gerät zu arbeiten, die erweiterten Möglichkeiten digitalen Arbeitens (Links, Fotos, Videos, Standbilder, Textüberarbeitungen, Recherche, usw.) gehören mittlerweile zum selbstverständlichen und unverzichtbaren Repertoire. Die Erfahrung des Netzes als großer, dennoch abrufbarer Wissensspeicher, des Geräts als technische Grundlage eigenen produktiven Arbeitens, die Entdeckung jederzeit möglicher Erweiterungen – dies und vieles mehr hält die SchülerInnen bei der Stange: Niemand möchte mehr zurück in die „Kreidezeit“. Und jede/r LehrerIn weiß um den hohen Wert motivierter SchülerInnen für deren Lernerfolg.

 

2. These: #zeitgemäße Bildung

Den Begriffsvorschlag „zeitgemäße Bildung“ von Dejan Mihajlović verwende ich hier einmal, um auf die Verantwortung von Schule hinzuweisen: Es gibt überhaupt keinen Grund mehr, die „Digitalisierung der Gesellschaft“ auszublenden und so weiterzumachen wie bisher.  Verglichen mit der Erfindung des Buchdrucks – und die Digitalisierung ist mit diesem kulturhistorisch-evolutiven Quantensprung vergleichbar – stehen wir erst am Anfang des 16. Jahrhunderts. Darauf muss Schule reagieren: Neue Arbeitsmittel, neue Arbeitsformen müssen auf veränderte Studien- und berufliche Anforderungen vorbereiten.

 

3. These: Zentral: die 4 K’s (Kollaboration, Kommunikation, Kreativität, Kritisches Denken)

Sie sollen die Skills des 21. Jahrhunderts sein. Zumindest sind sie zentrale Kompetenzen, die durch die Arbeit mit digitalen Medien in besonderer Weise gefördert werden:

  • Kollaboration (z.B. auf einem Wiki), Lernen mit- und voneinander in einer Weise, wie sie nur mit digitalen Medien möglich ist.
  • Wer meint, es würde nicht mehr miteinander gesprochen, irrt: Der Klassenraum lebt, in den Kleingruppen wird intensiv miteinander kommuniziert. Besonders in der Mittelstufe hilft diese Arbeitsweise SchülerInnen über ihre Scheu, vor großen Gruppen zu sprechen, hinweg. Ergänzend findet die (außerunterrichtliche) Kommunikation über soziale Netzwerke statt.
  • In einer Welt, die  automatisierbare Aufgaben zunehmend den Maschinen überlassen wird, ist menschliche Kreativität  ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Sie ist ein Schlüssel zur selbst bestimmten Autonomie. Zentrum der Digitalisierung muss stets der Mensch sein/bleiben:  Die Maschine soll ihm dienen, nicht umgekehrt.
  • Damit zusammen hängt das kritische Denken: Neben dem Lernen mit Medien gilt es stets, das Lernen über Medien, z.B. durch Reflexionen des Medieneinsatzes, zu unterstützen. Ökonomische, z.T. auch politische Bestrebungen zielen auf den willigen Consumer / Bürger, der Mensch muss aber immer auch seiner Würde gemäß die nötige Distanz zur Maschine durch den Einsatz des eigenen Verstandes wahren: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – hier ist der alte Kant noch heute aktuell.

 

4. These: Stärkung eigenständigen Lernens

Den binnendifferenzierten Unterricht, den die „analoge Schule“ stets zu erreichen versuchte, kann die digitale realisieren: Im Extremfall lernt jede/r SchülerIn z.B. in ihrem/seinem eigenen Tempo, ihren/seinen individuellen Fähigkeiten gemäß, auf ihrem/seinem Lernweg, der anders aussieht als der des Nachbarn. Dazu verhelfen u.a. interaktive Videos und Lernapps, die auf die jeweiligen Antworten der SchülerInnen individuell reagieren, Binnendifferenzierung ist aber auch Ausdruck vielfältiger, von der Lehrperson erteilten Aufgaben, die (in der Schule) zur gleichen Zeit von unterschiedlichen SchülerInnen bearbeitet werden können.

„Früher“ arbeitete die gesamte Lerngruppe in der gleichen Zeit mit den gleichen Methoden und Fragestellungen an derselben Aufgabe, die anschließend gemeinsam besprochen wurde. Unterschiedliche Fähigkeiten, Lerntypen und Arbeitsweisen konnten sich kaum entfalten – diese Möglichkeit bietet nun der Einsatz digitaler Medien.

Diese Arbeitsweise erfordert auf der anderen Seite ein deutliches Plus an Eigenverantwortung. Die Transparenz der Arbeit  auf dem Wiki und seine Versionsgeschichte dokumentieren lückenlos die Aktivitäten aller SchülerInnen und ermöglichen mir Einsichten in ihr Arbeitsverhalten. Meine Erfahrungen zeigen, dass diejenigen sich in dieser neuen Lernumgebung schnell wohlfühlen und sie prägen, die sich auch bisher gut organisieren konnten. Ebenso zeigt sich, dass die entgegengesetzt arbeitenden ca. 15 % der SchülerInnen immer wieder aufgefordert und „ermuntert“ werden müssen, und die große dazwischenliegende Gruppe sich durchaus zusätzlich angetrieben fühlt.

Effiziente Techniken zur Organisation der eigenen Arbeit zu entwickeln, besonders in einer Lebensphase, in der sich neben Schule weitere, subjektiv interessantere Perspektiven ergeben, ist für viele SchülerInnen eine Herausforderung. Strukturieren und Organisieren zeigen sich in der digitalen Schule als fundamental wichtige und folgenreiche Kompetenzen. Eine Hausaufgabe fand sich recht schnell im entsprechenden Heft, die Suche nach der Datei kann sich jedoch endlos gestalten, wenn ich nicht organisiert arbeite. Ein Wiki leitet zum strukturierten Arbeiten an: Übersichtliche Listen, eine überschaubare Anzahl an Werkzeugen, Textfokussierung, geringe Ablenkungsmöglichkeiten tragen dazu bei, relativ leicht den Überblick zu gewinnen und durch konsequentes Arbeiten zu behalten. Ständige Auswertung des Lehrers, seine Pflege des Wikis, bleiben weiterhin notwendig und ermöglichen direkte Eingriffe bzw. individuelle Hinweise und Tipps.

 

5. These: Eltern wollen das.

Am Beginn unserer Tabletklassen steht ein Abend gemeinsam mit der Schulleitung, Eltern und Kindern (Siebtklässlern). An diesem Abend wird die Arbeit mit den Tablets vorgestellt und besprochen. Ebenso entscheiden sich die Eltern, ob sie ihren Kindern das Gerät (ca. 200 €) kaufen möchten. Da diese Einwilligung eine Säule unseres Konzepts ist, hat dieser Abend eine entscheidende Bedeutung. Mittlerweile ist es für mich keine Überraschung mehr, dass alle Eltern, bis auf ganz wenige Ausnahmen, dem Einsatz digitaler Medien in der Schule sehr positiv gegenüber stehen. In ihren Berufen sind sie täglich „digital unterwegs“, sie kennen die Bedeutung sachgerechter Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Auch in den meisten Studiengängen sind digitale Medien alltägliches Werkzeug. Somit sind solche Abende erfahrungsgemäß Highlights am Beginn der Tabletklassen: Schulleitung, Eltern, LehrerInnen und Kinder entscheiden sich gemeinsam für eine bestimmte Arbeitsweise in der Schule. Ein starkes Zeichen!

Weiterhin lässt sich, etwa anlässlich von Elternsprechtagen oder Elternabenden, feststellen, dass die Eltern auch nach dieser Entscheidung und im weiteren Verlauf der Arbeit das Projekt „tragen“ und somit einen wesentlichen Beitrag leisten, es erfolgreich zu gestalten.

6. These: gerechtere Bewertungen

Zunächst mal kurz zu den Leistungen selber: Lernen die SchülerInnen der „digitalen Schule“ genauso gut und viel wie die in der „analogen“? Oder halten sie sich so viel mit technischen und medienpädagogischen Fragen und Hindernissen auf, dass das Fachliche darunter leiden muss? Unterschiedliche Studien belegen unterschiedliche, sich widersprechende Ergebnisse. Meine Erfahrung ist eindeutig: Im Vergleich mit den früheren Leistungen derselben SchülerInnen in der „analogen“ Schule sind die Leistungen in den Fächern Deutsch, kath. Religion und Politik – hier stehen vor allem Texte im Vordergrund – besser geworden. (Natürlich hinkt der Vergleich: Es handelt sich zwar um dieselben SchülerInnen, aber nicht um dieselben Themen und Prüfungen, usw.) In diesem Bereich sind eindeutige Aussagen auch kaum erwartbar. Aber der Trend ist nach meiner Erfahrung klar erkennbar: Die kollaborative Arbeit auf dem Wiki, das permanente Peer-Feedback, die Aktivierung der Schülerkompetenzen zur Verbesserung etwa von Texten im Deutschunterricht hinterlassen Spuren, die sich in besseren Leistungen widerspiegeln.

Nun zur Bewertung: Die Arbeit auf unserem Wiki erlaubt allen, auch mir, den permanenten Zugriff auf alle Schülerleistungen. Bewertungen erfolgen demnach nicht mehr nur punktuell, etwa in den Präsenzstunden, sondern können flächendeckend jederzeit und von überall aus erfolgen. Das ermöglicht mir eine deutlich gerechtere Bewertung der Schülerleistungen.

 

7. These: Risiko Oberflächlichkeit 

Der Bildschirm leuchtet, flimmert. Verschiedene Reize melden sich. Bilder, Videos, Bewegung, Werbung. Da fällt es schwer, sich zu fokussieren, zu konzentrieren. Der nächste Reiz: nur einen Klick weit entfernt. Fördern digitale Medien den ohnehin grassierenden Trend zur Oberflächlichkeit, zur schnellen Kost, zum bequemen Konsum? Ohne Zweifel: Ja. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich den Zugang zum Internet oder ein Textblatt vor mir habe. Und wenn ich die (digitalen) Deutsch-Arbeiten meiner Schüler*innen lese, fallen mir fehlende Konzentration, Flüchtigkeit, mangelnde Sorgfalt auf.  Parallel unterrichte ich auch noch „analog“, und diese Arbeiten sind, was die Fehlerhäufigkeit angeht, nicht immer besser, sodass ich mindestens von sehr ähnlichen Ergebnissen sprechen kann.

Ist die Beherrschung der Rechtschreibung und Grammatik in 10 Jahren überhaupt noch ein Thema? Oder erledigt diese Aufgabe Technik, der wir die Sätze diktieren?

Selbst wenn wir zukünftig standardisierbare Arbeiten an Maschinen delegieren werden: Die uns eigene Kreativität, Originalität und Flexibilität kann nur dann vielfältige, komplexe Ausdrucksformen erlangen, wenn wir, möglichst viele von uns, Rechtschreibung, Grammatik, alle sprachlichen Ausdrucksformen so gut wie möglich beherrschen.  Deshalb ist sorgfältige, entschleunigte, tief gehende Arbeit an und mit Sprache notwendig, z.B. im Deutschunterricht.  Manchmal geht es dabei bis ins Komma, bis in den Laut, bis in den Buchstaben hinein. Wenn wir diese (sprachlichen) Fähigkeiten vermitteln, wird auch zukünftig der (mündige) Mensch mit der Technik umgehen und nicht umgekehrt.