ANDERS UNTERRICHTEN – DA GEHT WAS!

Zwischen Totalverweigerung und digitalem Hype liegt ein pragmatischer Weg der Umsetzung neuer Arbeitsweisen und Prüfungsformate mit digitalen Medien – und der ist sogar Teil der APO.

Da Lehrer*innen und Schüler*innen meistens vom Ende, d. h. von der anstehenden Prüfung her, denken und den darauf vorbereitenden Unterricht entsprechend konzipieren bzw. Prüfungsrelevantes und -adäquates erwarten, ist eine grundsätzliche Weiterentwicklung aktueller Prüfungsformate, die inhaltlich und formal zum großen Teil schon vor 50 Jahren so aussahen wie heute, unbedingt notwendig, wenn man das im Unterricht mit digitalen Medien Eingeübte entsprechend in das Prüfungsformat integrieren möchte. Weiterreichende, inspirierende und zukunftsweisende Entwürfe, wie sie z.B. Wampfler/Nölte in Eine Schule ohne Noten vorschlagen, sollten als folgerichtige, konsequente Ziele einer zeitgemäßen Didaktik jedem Schulentwicklungsprozess voranstehen.

Insbesondere das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur setzt sich mit diesem Thema auf hohem Niveau auseinander und bietet auf seiner Webseite Einblicke in zeitgemäße Prüfungsformate.

In diesem Beitrag möchte ich an einem konkreten Praxis-Beispiel erläutern, wie schon im aktuellen Rahmen der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sek. I (NRW) alternative Prüfungsformate möglich sind.

§ 6, Abs. 8 der APO-S I:

Einmal im Schuljahr kann pro Fach eine Klassenarbeit durch eine andere, in der Regel schriftliche, in Ausnahmefällen auch gleichwertige nicht schriftliche Leistungsüberprüfung ersetzt werden.

Was ist eine gleichwertige nicht schriftliche Leistungsüberprüfung?

Anstelle einer schriftlichen Leistungsüberprüfung, bei der alle Schüler*innen im Anschluss an eine darauf vorbereitende Unterrichtsreihe an einem Ort zur gleichen Zeit dieselben Aufgaben (mit Stift auf Papier) einzeln bearbeiten, bieten alternative Formate Gestaltungsspielräume:

So können die Lernenden z.B. über einen längeren Zeitraum Portfolios zu unterschiedlichen Themen anlegen, mediale Produkte (z.B. Erklärfilme, Podcasts, Präsentationen, s.u.) erstellen, für die vielfältige Materialien sowie Internetquellen verwendet werden. Dabei liegt der Fokus nicht auf der finalen Abfrage subjektiver Gedächtnisleistungen, sondern auf dem lernbegleitenden Prozess während des gesamten Arbeitsprozesses, der u.a. durch permanentes Feedback der Lehrkraft bzw. der Mitschüler*innen gekennzeichnet ist. Wesentlich für einen solchen Arbeitsprozess sind die Eigenverantwortung der Schüler*innen sowie die 4 K’s (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken), die Motivation und Sinnhaftigkeit des Lernens befördern und sie gleichermaßen für eine zeitgemäße Lernkultur sowie zeitgemäße Arbeitsprozesse in Beruf und Studium sensibilisieren.

Neben Vorgaben der Lehrkraft, die mit zunehmendem Alter der Lerngruppe geringer werden können, ist ein transparenter Austausch im Vorfeld alternativer Leistungsüberprüfung sinnvoll, u.a. durch die gemeinsame Festlegung der Kriterien der Leistungsbewertung. Die Schüler*innen lernen durch den ihnen entgegengebrachten Vertrauensvorschuss, dass sie selbst Gestalter*innen ihres eigenen Lernweges sind und dies nicht durch standardisierte, sondern individualisierte Leistungen belegen dürfen. Durch Formen alternativer Leistungsüberprüfungen erhöht sich zugleich die Möglichkeit für die Lehrer*innen, differenzierter und individueller zu unterstützen, den Lernprozess mit regelmäßigem Feedback zu begleiten und Motivationen sowie Lernerfolge zu fördern, die sich auf den Klassenverband, in dem nicht mehr jeder gegen jeden arbeitet, entlastend auswirken.

Der folgende Vorschlag enthält eine Kombination schriftlicher und nicht schriftlicher Beiträge, die je nach Situation modular verändert werden können. Er bezieht sich auf die Besprechung eines Romans des 20. Jahrhunderts von H. Hesse, Unterm Rad, in der Jahrgangsstufe 8 (GY), und kann leicht an andere epische Texte angepasst werden.

Am Beginn der Besprechung, nach einer (stellenweise gemeinsamen) Lektürephase, steht die von der ganzen Klasse erstellte Inhaltsangabe des Romans mit einem kollaborativen Textdokument (ZumPad, WORD, usw.) zur Sicherung des Inhalts.

Im Anschluss an deren Auswertung wählen die Schüler*innen aus von der Lehrkraft vorgegebenen Möglichkeiten drei (einen Text, zwei digitale Produkte) aus, die sie realisieren möchten oder sie schlagen gerne auch eigene Ideen vor. Während des 4-wöchigen Arbeitsprozesses besprechen wir 3/4 exemplarische Textstellen des Romans gemeinsam. Vor dem Arbeitsprozess erfolgt eine Absprache der Schüler*innen mit der Lehrkraft über die angestrebte Gesamtnote (der drei Beiträge) mit dem Ziel, eigene Verantwortung zu übernehmen.

Der Arbeitsprozess wird im Klassennotizbuch (MS 365) bzw. auf einer entsprechenden digitalen Plattform dokumentiert, sodass Transparenz gewährleistet ist und das Fundament der Arbeit bilden kann. Partner- und Gruppenarbeiten sollen auf kollaborativen Seiten erfolgen. Ein letzter Abgabetermin wird festgelegt. Ausgewählt werden kann aus folgenden Möglichkeiten:

  1. EINEN TEXT VERFASSEN (jeweils in Einzel- oder Partnerarbeit; die Begrenzung der Wortanzahl leitet zum präzisen Formulieren an und entlastet den Korrekturprozess)
  • Innerer Monolog (Wiedergabe der Gedanken, Gefühle und Eindrücke einer Person aus der Ich-Perspektive im Anschluss an eine selbst gewählte Textstelle, max. 500 Wörter)
  • Charakterisierung einer Person (mit Blick auf den ganzen Roman, nur Hauptteil, max. 500 Wörter)
  • Brief an eine Person aus der persönlichen Sicht (im Anschluss an eine selbst gewählte Textstelle oder mit Blick auf den ganzen Roman, max. 500 Wörter)
  • Tagebucheintrag, der persönliche Gedanken, Gefühle und Eindrücke aus der Sicht einer Person detailliert veranschaulicht (im Anschluss an eine Textstelle, max. 500 Wörter)
  • Zusatzinformation, detaillierte Erläuterung, die den Romantext verständlicher werden lässt, z.B. zu einem bestimmten Ort oder Handlungsstrang des Romans (Bilder/Videos, Definition – Links, Quellenangaben (im Anschluss an eine selbst gewählte Textstelle oder mit Blick auf den ganzen Roman,  max. 500 Wörter)
  • Stellungnahme, eigene Meinung zu einer Textstelle begründet formulieren, max. 500 Wörter
  • Rezension, Buchkritik aus der persönlichen Sicht zum Inhalt, zur Sprache oder Form des Romans oder zur Auswahl als Schullektüre in der 8. Kl. (max. 500 Wörter)

Neben dem Inhalt wird die Darstellungsleistung des Textes berücksichtigt.

2. KREATIVE DIGITALE PRODUKTE GESTALTEN (PA oder GA, max. 4 Personen)

  • GA: max. 3-minütiges Video (Darstellung einer selbst gewählten, wichtigen Textstelle – Kriterien: Klarer Bezug zum Text, Verständlichkeit/Ton, Beleuchtung/Licht, Schärfe, Kameraperspektiven, Schnitt – Aufnahme mit einem guten Handy möglich, Schnitt z.B. mit Movie Maker)
  • GA: max. 4-minütiges Hörspiel, in dem eine wichtige Textstelle mit unterschiedlichen Rollen betont vorgetragen (und ggf. eine Geräuschkulisse integriert wird) – Aufnahme mit einem guten Handy möglich, Schnittprogramm z.B. Audacity (Tutorial)
  • GA: Chatverlauf: Teams-oder Signal-Chat, gechattet wird zwischen den Situationen einer selbst gewählten, wichtigen Textstelle – Akteure drücken sich ihrem Charakter und Alter entsprechend aus – Abwechslung: Medium  (Text, Bild, Video, Audio, GIF, Möglichkeiten des Teams-bzw. Signal-Chats) passend zur Nachricht – realistischer Inhalt – formale Korrektheit – Beispiel zu Lk 15,11-32 inkl. Audio, mit kurzem Audio
  • PA/GA: Standbild inkl. Audio (Darstellung einer selbst gewählten, wichtigen Textstelle: Bild- und Tonqualität – Mimik und Gestik passend zur Textstelle – verständliche, passende Betonung des Audios – Beispiel Kap. 5)
  • PA/GA: Audio (mind. 2,5-minütiger, korrekter Vortrag inkl. Deutung einer wichtigen Textstelle: Tonqualität, Verständlichkeit, Betonung, Korrektheit/Stimmigkeit –  Aufnahme mit einem guten Handy möglich, ggf. Schnittprogramm, z.B. Audacity (Tutorial)
  • GA: Thinglink (sorgfältige Vorbereitung (markieren/notieren) der Romantexte! –  Was wird ins TL integriert? – Abwechslung: Videos, Audios, Texte, Bilder, möglichst viel soll selbst produziert werden, keine Kopien! – Diskutiert und überarbeitet die Gestaltung  – Themen zur Auswahl)
  • PA: 3 Memes (wichtige Textstellen betreffende, spezifische Probleme auf mehrdeutige Art und Weise darstellen, Kombination von Bild und Text, inkl. kurzer, schriftlicher Begründung) Meme-Creator
  • EA/PA/GA: eine eigene Idee umsetzen (nach Absprache!)

Zur Bewertung

Im Zentrum des Arbeitsprozesses steht die Lernleistung während des Arbeitsprozesses durch permanentes Feedback, Aufzeigen von Möglichkeiten, besseren Alternativen, Programmen, Tools und deren Umsetzung usw. durch die Lehrkraft sowie die Mitschüler*innen. Dennoch befinden wir uns im klassischen Bewertungssystem und sind verpflichtet, Noten zu geben. Auch hier bieten sich Gestaltungsspielräume:

Die drei Beiträge werden, auch wenn nicht alle 100%-ig miteinander vergleichbar sind, gleich gewichtet und zu einer Gesamtnote zusammengefasst.

  • Während des Bearbeitungszeitraumes holen sich die Schüler*innen permanent Rückmeldungen der Lehrkraft und  der  Mitschüler*innen ein,
  • Fehler sind unsere Freunde, denn nur durch sie, ihre Offenlegung und Überarbeitung, verbessern wir uns,
  • Ziel: Jede/r und jede Beteiligte erzielt die angestrebte Note in eigener Geschwindigkeit und auf eigenem Weg,
  • Wenn es am Ende dazu kommt, dass ein/e Schüler*in die angestrebte Note nicht erreichen konnte, dann wird die Leistung entsprechend bewertet.

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