Zwischenbilanz

Das Halbjahr neigt sich seinem Ende zu – Zeit, um nach fast 5 Monaten Unterricht (in 4 Fächern) in der  Tabletklasse  eine erste Bilanz zu ziehen und über den „didaktischen Mehrwert“ des digitalen Unterrichts zu reflektieren:

1. Transparenz

Sie hat mich selbst am meisten verwundert: Die Arbeit z.B. auf unserem Schulwiki ist „brutal“ transparent:  Dokumentationen, Reflexionen, usw.: Alles ist von jedem und jederzeit einsehbar. Das Heft (im Ranzen der analogen Schule) konnte, musste die Hausaufgabe aber nicht enthalten. Das blieb mindestens zeitweise verborgen. Von daher ist die digitale Schule „brutal“ transparent, denn auch die nicht erbrachten Leistungen werden schonungslos offengelegt. Wer seine Aufgaben nicht (termingerecht) erledigt, wird ebenso von allen wahrgenommen wie auch diejenigen, die sie gut oder besonders gut erledigen. Den 10% Schülerinnen und Schülern, die sich in die erste Kategorie einordnen und für die deshalb Schulerfolg in weitere Ferne rückt, stehen 90% gegenüber, die sich gegenseitig mitziehen. Die (offensichtliche) Tatsache, dass XY seine Aufgaben schon erledigt hat (und wie!), erinnert und motiviert andere ebenfalls dazu. Dabei tritt ein weiterer Effekt in Kraft: Aus dem bisher schon von anderen (und einsehbaren) Geleisteten kann ich selbst lernen, Impulse ableiten, Ideen gewinnen.

2. Kollaboration/Kommunikation

Womit ich beim 2. Punkt wäre. Als Schüler habe ich Gruppenarbeit nicht gerade gemocht: Meistens erledigte einer in der Gruppe die Arbeit für (fast) alle anderen, bewertet wurden aber alle gleich. Um dieser (auch aktuellen) Erfahrung entgegenzuwirken, bestehen die „Gruppen“ in der digitalen Schule aus 2 Personen, die nebeneinander sitzen und sich somit auf den Bildschirm schauen und miteinander reden können. Apropos: Die veränderte Sitzordnung im Raum führt zu lebhaften Gesprächen.

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Während in dieser von mir in der analogen Schule bevorzugten Sitzordnung („großes U“) in der Jgst. 8 meistens Schweigen herrschte …

 

 

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… löste es sich wie von selbst auf, als die Schüler an Gruppentischen miteinander arbeiteten – und sich intensiv austauschten!

 

Die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Projekt in der digitalen Schule geht weit über die in der analogen hinaus. Zahlreiche Tools (u.a. GoogleDocs, GooglePräsentationen) ermöglichen – das erweist sich gerade im ländlichen Raum als sehr vorteilhaft – zeitgleiches Arbeiten an unterschiedlichen Orten. Auch Gruppenarbeiten (am besten nicht mehr als 6 Personen, sonst wird es zu unübersichtlich) können so angefertigt und das Ergebnis kann (anschließend) projiziert werden. Ich habe mal drei Jungs aus der Klasse nach ihren Erfahrungen mit der Erstellung analoger und im Vergleich dazu digitaler MindMaps gefragt. Ihre Antworten beziehen sich u.a. auch auf die Möglichkeit der Kollaboration.

3. Motivation

Ich kenne keine Unterrichtsstörungen mehr: Seit Beginn des Schuljahres erlebe ich motivierte, konzentrierte und fokussierte Schülerinnen und Schüler. Vom Tablet geht eine ungeheure Faszination aus, die sich auf das weite, scheinbar unbegrenzte und zu entdeckende Land bezieht, zu dem es den Zugang gewährt. Manchmal muss ich einige aus ihrer Fokussierung lösen – es besteht durchaus die Gefahr, dass Mensch und Maschine verschmelzen, ohne noch den Nachbarn zu bemerken. Darauf habe ich z.B. mit den Arbeitsaufträgen für Paare reagiert, sodass ein reger Austausch einsetzte. Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass Motivation lernförderlich ist.

4. Leistungsniveau

Im Fach Deutsch haben wir zwei digitale Klassenarbeiten geschrieben: Die erste war im Grunde lediglich die digitale Abbildung einer analogen Arbeit (Analyse einer Kurzgeschichte), die zweite (Thema Medien, hier: Leitmedium Internet) bestand aus der Erstellung  und dem Vortrag einer 20-minütigen Präsentation sowie der schriftlichen Dokumentation und Reflexion des Arbeitsprozesses. Diese zweite KA war aufgeteilt in 13 (selbst gewählte bzw. vorgeschlagene) Unterthemen, die jeweils max. 2 Personen in einem vorgegebenen Zeitrahmen erarbeiteten. Beide Klassenarbeiten fielen durchschnittlich fast eine Note besser aus als alle anderen Deutsch-Arbeiten im vorherigen (analogen) Schuljahr. Abzüge in der Bewertung der zweiten KA ergaben sich fast ausschließlich durch fehlende Arbeitsorganisation, die in den Reflexionen erkannt und benannt wurden. Die Präsentationen offenbarten vielfältiges Hintergrundwissen, abgesehen von erworbener Medienkompetenz. Hier zwei Beispiele:

5. Medienkompetenz

Die für mich 2. große Überraschung: der rasche und deutliche Zuwachs an Medienkompetenz. Im August letzten Jahres zeigten sich deutliche Unterschiede innerhalb der Klasse hinsichtlich der Bedienung der Tablets, der Kenntnisse über die Arbeitsweisen, der Beherrschung von Programmen, etc.  Diese Unterschiede sind nun deutlich abgeschwächt: Jede/r ist nun in der Lage, das Tablet zielführend zu bedienen und Aufgaben sachgerecht zu bearbeiten. Besonders eindrucksvoll sind die gegenseitigen Hilfestellungen innerhalb der Gruppe, die  auch diejenigen, die vor 5 Monaten noch gar nichts mit dem Tablet anfangen konnten, schnell aufholen ließen. Ein weiterhin breiter Graben liegt zwischen der kleinen Gruppe derjenigen, die sich kritisch mit einzelnen Tools, sozialen Medien u.a. auseinandersetzen können und der Mehrheit, die noch sehr naiv und unkritisch damit umgeht.

6. Lehr-/Lern-Situation

Sie hat sich grundlegend verändert:  Ich setze den (z.B. zeitlichen) Rahmen, informiere über grundlegende Arbeitsweisen, spreche Themen und die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen ab. Dann beginnt eine vielgestaltige Arbeitsphase, in der die Schülerinnen und Schüler weitgehend eigenständig arbeiten. Ich stelle mich auf jede einzelne Situation ein, beantworte Fragen, gebe Tipps, korrigiere. Begleitet wird diese Phase von der Dokumentation des Arbeitsverlaufs und dessen ständiger Reflexion, sodass die Schülerinnen und Schüler sich nicht in den „unendlichen Weiten des Netzes“ verlieren, sondern ihren Arbeitsprozess kritisch im Auge behalten können. Zwar ähnelt der Projektcharakter dieser Phase der analogen Schule, er greift jedoch weit darüber hinaus: Das Internet ermöglicht z.B. die Kooperation und Kommunikation mit außerschulischen Partnern sowie den Zugriff auf gewaltige Wissensbestände und Recherchematerialien – den zielführenden Umgang damit gilt es hier einzuüben. Eine Herausforderung für diejenigen, die auch schon in der analogen Schule ihre Probleme damit hatten, sich selbst zu organisieren, zu disziplinieren und immer wieder einen (distanzierten) Blick auf den Stand ihrer Arbeit zu werfen.

dsc_5092Eine Chance jedoch für die Mehrheit, die sich, frei von standardisierten Erwartungen und einschränkenden Maßnahmen, in ihrem eigenen Lerntempo, auf sie interessierenden Lernwegen, inspiriert durch vielfältige Lernanreize (und in Kooperation mit einem Lernpartner) eigenständig und selbstverantwortlich ihrem Ziel annähern.

 

Ein anderes Beispiel aus dem Sport-Unterricht mag die erweiterten Möglichkeiten illustrieren: Während des Schwimmunterrichts  werden die Schülerinnen und Schüler beim Brustschwimmen gefilmt. Jede/r erhält anschließend das Video, das ihn/sie selbst zeigt. Verglichen mit einem Lehr-Video kann nun selbst erkannt werden, ob der eigene Schwimmstil in Ordnung oder noch verbesserungswürdig ist. Nach Aussagen der Schülerinnen und Schüler hat ihnen dieser Vergleich geholfen, eigene Stärken und Schwächen einzuschätzen. Die nachfolgende Schwimmprüfung fiel übrigens außerordentlich gut aus.

Wer möchte, kann auch im Video Einblicke in die Arbeit der Tabletklasse erhalten und sich Interviews mit Beteiligten anschauen.

7. Ausblick

In immer mehr Schulen wird darüber nachgedacht, wie man die Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen kann. Mit der Veranstaltung Schule.digital in den ersten Monaten dieses Jahres möchten wir einen Beitrag dazu leisten. In dieser Veranstaltung laden wir ein, einen Blick hinter die schulischen Kulissen zu werfen und sich mit interessierten und kompetenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auszutauschen und zu vernetzen. TN können Unterrichtsstunden der Tabletklasse besuchen und anschließend reflektieren, bevor unterschiedliche Sessions (Themen, Fragen, über die diskutiert, zu denen etwas präsentiert wird) angeboten werden.

 

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3 Gedanken zu „Zwischenbilanz

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