Moderne Gedichte visualisieren – Lyrik in der Q2

 

Die Schülerinnen und Schüler meiner Kurse in der Oberstufe sind die Arbeit mit digitalen Medien gewohnt. Ein Thinglink oder ein Video zu produzieren, ist für sie nichts Neues, die kooperative Arbeitsplattform Wiki ist ihnen ebenso geläufig.

Im Anschluss an die klassische Textanalyse von Gedichten im Rahmen der Unterrichtsreihe „Unterwegs sein – Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart“ hatten die SuS zwei Wochen Zeit, die Hauptaussagen eines der vorgelegten Gedichte des 21. Jahrhunderts (Nick: Hinterlassenschaft, Roher: Glaubensbekenntnis, Gintrowski: bist du sahne, Maas: waffenschau, Leisten: Am Ende und Verheißung, Crauss.: die angst in person, Dove: Gott gemäß Google, mit den filmischen Möglichkeiten des Mediums Video darzustellen.

Zur Vorbereitung sollten sie zunächst die Hauptaussagen (sowie die formalen Aspekte und rhetorischen Mittel) des ausgewählten Gedichts gemeinsam erarbeiten. Diese sowie die Organisation ihres Arbeitsprozesses und dessen Dokumentation wurden auf einem Pad – einem kooperativ zu erstellenden Text- und Bilddokument – fixiert, das auch Teil der Bewertung war.

Die Bewertung der Videos wurde von allen Schülerinnen und Schülern, die sich in ihren Arbeitsgruppen abstimmten, vorgenommen, wobei im Vorhinein die individuellen Arbeitsanteile angegeben wurden.

Das vorliegende 1. Beispiel eines gut gelungenen Videos (Crauss.: die angst in person) habe ich aus datenschutzrechtlichen Gründen um die erste Hälfte, die Aussagen von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern zum Thema Angst enthielten, gekürzt. Es war eindrucksvoll mitzuerleben, wie engagiert, mit wie viel Herzblut und wie motiviert die Schülerinnen (es handelte sich ausschließlich um -innen) die Umsetzung (Inhalte, Location, Licht, Ton, Symbolik, Betonung des Textes, usw.) der von ihnen erarbeiteten Aussagen des Gedichts diskutierten und schließlich realisierten.

Im vorliegenden 2. Beispiel (Leisten: Verheißung) gingen die Schülerinnen (auch hier: ausschließlich -innen) anders vor: Zunächst erbaten und erhielten sie das Audio des Autors, der seinen Text selbst vortrug, anschließend visualisierten sie die Ergebnisse ihrer analytischen Vorarbeit auf unterschiedliche Weise.

In der abschließenden Reflexion zeigten sich alle SuS begeistert von dieser kreativen Arbeitsphase. Über die reine Textarbeit, die Zentrum der Lyrik-Unterrichtsreihe war, hinaus ergeben sich folgende erweiterte Lernziele:

  • SuS beschäftigen sich intensiv mit den Textaussagen auf inhaltlicher, formaler und sprachlicher Ebene.
  • SuS elementarisieren ihre Analyseergebnisse.
  • SuS kommunizieren und organisieren ihren Arbeitsprozess von der Planung über die Produktion bis hin zur Präsentation.
  • SuS erlernen und wenden filmische Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten (Medienkompetenzen: Aufnahme – Schnitt – Licht/Ton/Sprache – Recherche – Urheberrechte, Zielgruppenorientierung).
  • SuS entwickeln ihre kreativen Fähigkeiten, ästhetische Wahrnehmungsfähigkeiten und kritisches Bewusstsein gegenüber Medienangeboten.
  • SuS diskutieren und bewerten die Videos anhand vorgegebener Kriterien.
  • SuS reflektieren ihren Lernprozess.
  • MOTIVATION!

Erläuterungen, Materialien, weitere Hinweise in der entsprechenden Fortbildung.

„Nathan“ im Deutschunterricht der Q1 – Kombi klassisch / digital-kreativ

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Strukturell unterschiedliche Dramen aus unterschiedlichen historischen Kontexten – u.a. Nathan der Weise (G. E. Lessing) – eine obligatorische Vorgabe fürs Zentralabitur NRW Deutsch 2021.

An unserer Schule (Bischöfliches Clara-Fey-Gymnasium Schleiden) steht dieses Thema im 1. Quartal des 1. Halbjahrs der Q1 auf dem Programm.

Ich arbeite mit den SchülerInnen überwiegend mit digitalen Geräten (Handy/Tablets im Unterricht, PC/Laptop zu Hause) – Grundlage unserer Arbeit ist ein Projektwiki der ZUM.Diese gemeinsame Arbeitsplattform im Netz kann durch ihre Transparenz Lernen und Lehren stark verändern: weg vom Einzelkämpfertum hin zu projektartigen Lernsettings, die, ganz „nebenbei“, noch zahlreiche Medienkompetenzen vermitteln können. Außerdem habe ich als Lehrer die beste Grundlage zur sachgerechten Beurteilung der SchülerInnenleistungen.

Solange wir uns im Rahmen herkömmlicher Prüfungsbedingungen befinden, die, ungeachtet der „Kultur der Digitalität“ (F. Stalder), wie vor Jahrzehnten (ungeachtet ebenso digitaler, erweiterter didaktischer Möglichkeiten) aus einer individuell, in vorgegebener Zeit, unter Einhaltung klarer Aufgabenstellungen und Regelungen, mit Stift und Papier und auf dem Hintergrund standardisierter Erwartungen zu erbringenden  Leistung besteht, führt kein Weg an der verantwortlichen Vorbereitung der SchülerInnen auf diese Prüfungsform vorbei. M.E. bedeutet das die Anfertigung mindestens mehrerer Analysen (Vereinbarung unserer Fachschaft) in klassischer Form, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, wobei das Wiki den SchülerInnen immerhin kooperative Arbeitsformen, Feedback etc. ermöglicht.

In dieser UR habe ich erneut eine Kombination klassischer Textanalyse mit digital-kreativen Elementen versucht:

Lernziele: SuS

  • kennen das Drama (Lektüre, Anfertigen einer Inhaltsangabe, Besprechung), ggf. unter Hinzuziehung der Verfilmung (1967)
  • arbeiten gemeinsam auf einem ZumPad, vergleichen ihre Lösung mit solchen im Netz (Links s. Wiki)
  • analysieren zentrale Textstellen
  • setzen sich mit der Epoche der Aufklärung auseinander, u.a. mit Hilfe eines Audios sowie mit Kants Was ist Aufklärung?
  • erarbeiten Nathan als Drama der Aufklärung
  • geben sich (auf dem Wiki) gegenseitig Peer-Feedback
  • erkennen den Prozesscharakter des Internets (Überarbeitung ihrer Texte mit Hilfe der Feedbacks auf dem Wiki)
  • lernen das Tool Thinglink und seine Funktionen kennen und erwerben die entsprechenden Anwendungskompetenzen (ggf. mithilfe eines Tutorials)
  • wählen aus vorgegebenen Themen sowie möglichen PartnerInnen aus
  • entscheiden sich ggf. für ein selbst gewähltes Thema
  • intensivieren ihre Auseinandersetzung mit dem Thema
  • organisieren ihre Arbeit am Thinglink selbständig auf jeweils einem Pad (Beispiel)
  • produzieren mit Hilfe digitaler Tools Texte, Fotos, Videos, Audios
  • diskutieren und überarbeiten ihre Rechercheergebnisse / Produktionen
  • berücksichtigen vorgegebene Kriterien zur Erstellung des Thinglinks
  • präsentieren ihr Thinglink vor dem Kurs
  • bewerten die Thinglinks gemeinsam online
  • entwickeln ästhetische Wahrnehmungsfähigkeiten und kritisches Bewusstsein gegenüber unterschiedlichen Medienangeboten im Netz

1. Schritt: Vorstellung und Auswahl der Themen / Bewertungskriterien:

  • Lessing: Leben (Biographie) und Zeit (Kultur, Geschichte)
  • Das klassische Drama am Bsp. von „Nathan der Weise“ 
  • Die „Ringparabel“: konkrete aktuelle Bezüge
  • Die Figur Nathan
  • Die Figur des Patriarchen (IV, 2): Deutung/Bewertung
  • Selbst gewähltes Thema 

Bewertungskriterien

2. Schritt: Organisation der dreiwöchigen Arbeit (EA oder PA)

3. Schritt: Recherche – Produktion – Auswahl – Diskussion – Überarbeitung

4. Schritt: Auswertung der Thinglinks – Arbeitsanteile?

Beispiele:

5. Schritt: gemeinsame Bewertung der Thinglinks (online)

6. Schritt: Reflexion der Möglichkeiten der Thinglinks / der UR

Erläuterungen, Materialien, weitere Hinweise in der entsprechenden Fortbildung.

Fangt einfach an! – Vom Smartphone zu Tabletklassen

In einem im Kölner Stadtanzeiger erschienenen Interview  bemüht sich der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, wie viele seiner KollegInnen seit Jahren, redlich auf dem Themengebiet des Einsatzes digitaler Medien, bleibt letztlich aber überraschend unsicher. Wir alle wissen, wie viel Zeit investiert werden muss, um sich auf diesem Gebiet souverän bewegen zu können. Gerade deshalb benötigen PolitikerInnen, die sicherlich nicht über diesen Zeitrahmen verfügen, kompetente BeraterInnen.

IMG_0124Abgesehen davon, dass es vielfach PolitikerInnen sind, die über die (technische) Ausstattung und somit die Schulentwicklung staatlicher Schulen entscheiden, geht es vielen LehrerInnen genau so: Die Digitalisierung schreitet voran, die Kultur der Digitalität bestimmt individuelles und gesellschaftliches Leben, und die persönliche „Auseinandersetzung“ mit dem Thema beschränkt sich oft auf die private Kommunikation über WhatsApp und ggf. Facebook.

Gleichzeitig sind mittlerweile alle unsere SchülerInnen mit dem Internet aufgewachsen – das Netz ist ihr selbstverständliches Leitmedium. Sollte es deshalb nicht das Anliegen jeder/jedes Lehrenden sein, sich in und mit diesem Medium auszukennen? Die Welt der SchülerInnen nicht zu kennen, bedeutet, sie auch im Unterricht nur noch schwer erreichen und verstehen zu können. (Das sagte mir im Übrigen schon vor 20 Jahren eine damals vor der Pensionierung stehende Kollegin, da ich mich beharrlich weigerte, PC und Internet im Unterricht einzusetzen – ein für mich wegweisender Hinweis.)

Einige Schulen sind, sowohl was die technische als auch die medienpädagogische Ausstattung und Weiterbildung angeht, voran geschritten. Selbst wenn der technische Rahmen stimmt, bedarf es darüberhinaus inhaltlicher, medienpädagogischer Fortbildungen, so dass die Potentiale digitaler Medien (u.a. Kooperation, Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken) ausgeschöpft werden können.

Die technische Ausstattung – von der medienpädagogischen Weiterbildung mal abgesehen – vieler anderer Schulen ist tief im letzten Jahrhundert stecken geblieben: Kreide, Tafel, Overheadprojektoren, CD-Spieler bestimmen das Bild. Manchmal auch White- oder Smartboards, dazu häufig Einzeltische bzw. Sitzreihen der/dem Lehrenden gegenüber. Wir alle kennen das.

Doch selbst in diesem Rahmen gibt es LehrerInnen, die einfach anfangen – und dazu möchte ich diejenigen, die Lust haben, den  Graben zwischen Lernen draußen und Lernen drinnen zu überspringen und digitale Medien in ihren Unterricht integrieren wollen, ermuntern:

FANGT EINFACH AN!

Und zwar mit den Smartphones der SchülerInnen. Selbst wenn kein WLAN vorhanden und nicht alle SchülerInnen bereit sind, ihr Datenvolumen zur Verfügung zu stellen: Einige sind es durchaus, und deren Handys können eingesetzt werden.

  1. Recherche

Die Biografie eines Schriftstellers, eine Wortbedeutung, die Einwohnerzahl eines Landes, usw.: Das Netz als Wissensspeicher, das Handy nicht nur als Spiel- und Kommunikationsgerät zu entdecken, kann ein erster Schritt sein. SchülerInnen erfahren zu lassen, wie aktuelle Informationen, z.B. über eben stattgefundene Landtagswahlen, im Netz aufzufinden sind, anschließende Quellenkritik – damit wäre schon ein weiterer Schritt getan. Anschließend könnte man z.B. differenzierte Suchstrategien besprechen.

2. Kooperation

Ebenfalls mit Schülerhandys lassen sich gemeinsame Dokumente, z.B. Texte (u.a. board.net) erstellen.

3. Feedback

Digitales Feedback ist, im Gegensatz zum analogen, einfach und schnell einzuholen und auszuwerten z.B. mit Mentimeter.

An unserer Schule haben wir zwei Jahre lang eine Tabletklasse (Jgst. 8/9) eingerichtet, um selbst Erfahrungen auf dem Gebiet des Einsatzes digitaler Medien zu sammeln. Jede/r SchülerIn arbeitete mit einem eigenen 2-in-1-Gerät, in der Schule und zu Hause.

Das Feedback der Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen fiel sehr überzeugend aus und ermutigte uns, weitere Schritte zu gehen und zusätzliche Tabletklassen einzurichten. Zukünftig werden sie flächendeckend ab der 8. Jgst. angeboten.

Schulexterne und (einjährige) -interne Fortbildungen vermitteln den KollegInnen die Kompetenzen, die sie zum Unterrichten in Tabletklassen benötigen.

Es ist eine Grundsatzfrage, ob und wann eine Diskussion zum Einsatz digitaler Medien im Kollegium stattfinden soll. Wir haben uns dafür entschieden, zunächst eigene Erfahrungen zu sammeln (s.o.), um dann auf deren Hintergrund argumentieren zu können.

Spätestens dann wird es Zeit, externe Unterstützung (z.B. Medienberater, Fachwissenschaftler, fachkundige, erfahrene KollegInnen) in die Schule einzuladen. Um den gesamten Prozess auf mehrere Schultern zu verteilen und dadurch zu einem Gesamtkonzept für die Schule zu gelangen, ist es darüber hinaus wichtig, fachlichen Input (fachbezogene oder fächerübergreifende Fortbildungen) für die weitere Schulentwicklung auf diesem Gebiet durchzuführen. Hier bieten sich z.B. ein Vortrag mit anschließender Diskussion, Barcamp-Sessions erfahrener KollegInnen, die anderen digitale Tools vorstellen, o.Ä. an.

Zeitgemäße Bildung: Warum Lernen ohne digitale Medien anachronistisch ist (2. Ent-grenzung)

Ent-grenzung

Die Arbeit mit dem Netz weitet das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für seine vielfältigen Möglichkeiten als „worldwide web“ und fördert somit den Blick über den Tellerrand und ermöglicht ein weltoffenes, aufgeklärtes Weltbild. (Dass es immer mehr gegenläufige,  ab-grenzende, z.B. nationalistische Tendenzen gibt, ist offensichtlich und ebenso Teil des Netzes. Umso mehr bedarf es hier der Wahrnehmung, Aufklärung und Diskussion.) Nach wie vor bietet das Netz die Möglichkeit weltweiter Verbindungen (in Echtzeit), die in der Schule auf vielfältige Weise realisiert werden können.

„Zur Zeit Gutenbergs entstand mit der Nutzung der typografischen Medien eine ideale Kommunikationsge­meinschaft, die sich selbst als deutsche Nation oder als ‚gemein‘ beschrieb. Der deutsche Nationalstaat einschließlich seiner bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen­den Vorläufer ist ein Kommunikationssystem auf ge­sellschaftlichem Spezifitätsniveau. Je stärker seine Sou­veränität wurde, desto klarer traten die Grenzen des Kommunikationsraums hervor – und die Möglichkei­ten der Ab- und Ausgrenzung von Kommunikatoren wuchsen.“ […]

Diese [digitalen Kommunikationsmittel] haben viele Mütter und Väter nicht nur in Europa, sondern mehr noch in den USA und weiteren Ländern. Sie haben keine besonderen Beziehungen zum Christentum; es sind fast globale und jedenfalls sä­kulare Technologien mit universellen digitalen Kodes.“  

„Und damit verlieren nicht nur alle Nationalsprachen an Bedeutung für die Kommunikation, sondern auch der nationale Kommunikationsraum verliert an Zu­sammenhalt. Die Schwächung der Bedeutung von Na­tionalsprachen trägt zur Erosion der Nationalstaaten als Kommunikationssystem bei. Wir erleben die Kehr­seite jener produktiven Symbiose von Sprachausbau und Nationenbildung, die von so vielen Gelehrten in der Neuzeit in Deutschland gefeiert wurde.“

„Der Punkt, an dem wir 2017 in Deutschland sind, ist der, dass zumin­dest keine Einigkeit mehr darüber besteht, ob es noch eine nationale Kommunikationsgemeinschaft gibt, ob sie anzustreben ist und wie andere Kommunikations­systeme auf gesellschaftlichem Spezifitätsniveau – d.h. auf dem Niveau ihrer sie kennzeichnenden Eigenschaf­ten – aussehen könnten […]“ (M. Giesecke)

Giesecke stellt die beiden Medienrevolutionen in diesem Punkt noch einmal  aussagekräftig gegenüber: Während die Gutenberg-Technologie den Nationalstaat beförderte, trägt das Netz zur Internationalisierung bei.

Konkret in der Schule umsetzbar ist sie z.B. durch Skype-Konferenzen mit der jeweiligen Partnerschule z.B. in den USA, Großbritannien oder in Frankreich. Auf diese Weise können die jeweiligen native speaker den Fremdsprachenunterricht  bereichern.

Eine andere Möglichkeit bietet „Mystery Skype“, das „weltweite Ratespiel, das Schülerinnen und Schüler begeistert. Spielerisch lernen sie Geografie und entdecken andere Kulturen, Sprachen sowie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Leben von Kindern auf der ganzen Welt“. Eine japanische Lehrerin, die mich über Twitter ansprach, verband sich (nach mehreren Vorgesprächen und technischen Proben) über Skype mit ihren Schülerinnen und Schülern mit meiner 9. Klasse. Ziel des Spiels ist es, den jeweiligen Aufenthaltsort der anderen Gruppe mit Hilfe von Ja-/Nein-Fragen herauszufinden. 30 Minuten dauerte es, bis meine Klasse den japanischen Ort erriet. Bis dahin wurde nach kurzer, scheuer Anfangsphase engagiert und extrem motiviert mit Atlanten, GoogleMaps, Wikipedia, usw. recherchiert, während andere sich mit der Übersetzung der Fragen ins Englische beschäftigten.
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Selten stand die intrinsische Motivation so sehr im Zentrum einer Stunde. Aus diesem Wettbewerb ergeben sich unter idealen Umständen weitere Kontakte,  umfangreicher vorbereitet, z.B. in den sprachlichen Fächern, ebenso in Erdkunde, Geschichte, Politik, usw.

Ich selbst werde demnächst mit meiner (neuen) Tabletklasse im Fach Katholische Religion von einem symbolträchtigen christlichen Ort aus mit der japanischen Gruppe „Mystery Skype“ spielen, bevor wir uns dann näher mit deren Religion beschäftigen.

 

 

 

Zeitgemäße Bildung: Warum Lernen ohne digitale Medien anachronistisch ist (1. Prozessorientierung)

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Niedrigschwelliger Beginn: Die Digitalisierung unserer Gesellschaft ist bereits fortgeschritten; trotzdem stehen wir erst am Anfang einer durchgreifenden Umwälzung aller gesellschaftlicher Bereiche, deren Auswirkungen vergleichbar sind mit denen der letzten Medienrevolution, der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg im 15. Jahrhundert.

„Das Internet und seine Nutzung ist vor allem für junge Menschen heute so selbstverständlich wie Essen, Trinken oder Schlafen.“  Dieser zentrale Satz aus der aktuellen JIM-Studie unterstreicht einerseits die Bedeutung des Netztes für die Jugendlichen und rückt das Medium andererseits in den Mittelpunkt schulischen Interesses. Ohne Übertreibung kann das Internet als LEITMEDIUM (i.S. von: das Medium, das die Jugendlichen am stärksten prägt) bezeichnet werden, auch wenn es für viele Lehrerinnen und Lehrer diesen Stellenwert noch nicht erreicht haben sollte.

„Ein Merkmal der Bildung, das nahezu allen modernen Bildungstheorien entnehmbar ist, lässt sich umschreiben als das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bildung).

Es ist das Netz selbst, das unsere Welt und das (pluralistische) Mensch-Sein in ihr widerspiegelt. Souveräne Partizipation daran muss Teil schulischer Bildung sein, will sie die Gegenwart nicht ignorieren. Falls das digitale Medium in Schülerhand nur Stift und Papier ersetzt und somit „analoge Schule“ lediglich digitalisiert, bleiben seine eigentlich bedeutsamen Potenziale für die schulische und persönliche Bildung ungenutzt (vgl. SAMR-Modell ).

(Die folgenden Überlegungen wurden angeregt durch Grundzüge kulturvergleichender medialer Trendforschung – Von den nationalen Kommunikationsräumen des Buchdrucks zu den globalen Netzen der digitalen Medien von Michael Giesecke, in: LOG IN. Heft Nr. 187/188 (2017), S. 20-31 und Kultur der Digitalität von Felix Stalder, Berlin 2016).

Auf diesem Hintergrund möchte ich an einigen Punkten aufzeigen, warum ein zentrales Merkmal „digitaler Schule“ die Arbeit mit dem und die Reflexion über das Internet sein sollte, wenn Schule und zeitgemäße Bildung zusammengehören.

  1. Prozessorientierung

„Gutenbergs Technologie ist in ihrer Hardware und den ästhetischen Ansprüchen von Beginn an fertig und vollendet gewesen.“ – „Die neuen elektronischen Kommunikationsmedien sind unfertig auf die Welt gekommen, und man kann den Eindruck gewinnen, dass sie nie fertig wer­den, nicht hardwareseitig und erst recht nicht, was die Software angeht“. (M. Giesecke)

„Auch in der Alltagspraxis […] geht es nicht um Zeitlosigkeit, sondern darum, dass die etablierten Sinnzusammenhänge nach kurzer Zeit meist wieder obsolet geworden sind und sie deswegen kontinuierlich affirmiert, erweitert und verändert werden müssen, um das Feld, das sie definieren, relevant zu halten. Das verleiht der Referentialität einen performativen Charakter, der produktive und reproduktive Dimensionen zusammenführt.“ (F. Stalder)

Während u.a. das Schulbuch alter Prägung im 1. Jahr seiner Nutzung denselben Inhalt aufweist wie im 10. Jahr, ist das Netz andauernder Veränderung unterworfen. Diesen Prozess wahrzunehmen, zu begreifen, ihn, z.B. durch die Arbeit auf einem Wiki, selbst zu gestalten, ermöglicht Teilhabe, die zu souveränem und mündigem Verhalten im Netz führt. Die Kooperation auf einer gemeinsamen Plattform wie z.B. der eines Wikis ermöglicht gegenseitige Bezugnahme, Peer-Feedback, Kommentare, die dann zur Grundlage für die Weiterarbeit werden können. Auch die Gesamtstruktur des Wikis ist stetiger Veränderung unterworfen: Es wächst und erfordert weitere Strukturierungen, die die Schüler*innen live miterleben und selbst (mit-)gestalten können.

„Das »authentische Selbst« wird – anscheinend ganz klassisch – mit Referenz auf die Innenwelt, etwa das persönliche Gewissen, die persönlichen Interessen oder Begehren, entworfen. Diese Innenwelt als Kern der Persönlichkeit stellt jedoch nicht mehr ein unwandelbares Wesensmerkmal, sondern eine temporäre Position dar. Auch die radikale Neuerfindung kann heute als authentisch gelten.  […]  Auch wird keine Kohärenz des Kerns mehr verlangt. Es ist kein Widerspruch, in verschiedenen gemeinschaftlichen Formationen jeweils unterschiedlich als »ich selbst« aufzutauchen, denn jede Formation ist umfassend, das heißt die ganze Person ansprechend, und gleichzeitig partiell, weil nur auf ein bestimmtes Ziel und nicht auf alle Lebensbereiche hin ausgerichtet. Ähnlich wie beim Remix und anderen referentiellen Verfahren geht es hier nicht darum, Authentizität zu bewahren, sondern sie jeweils im Moment herzustellen. Über den Erfolg beziehungsweise Misserfolg dieser Anstrengungen entscheiden die anderen mittels kontinuierlichen Feedbacks. Ein Like nach dem anderen.“ (F. Stalder)

Der für Jugendliche alltägliche Kommunikationsfluss in Social Media (WhatsApp, Instagram, YouTube, Facebook) spiegelt genau die von Stalder analysierte Prozesshaftigkeit der (eigenen) Persönlichkeit in ihnen wider. Sie sollte somit (unverzichtbarer) Bestandteil des Unterrichts, der zur persönlichen Bildung durch Wahrnehmung und Reflexion dieser jeweiligen Spiegelungen des Selbst beiträgt, sein.

Medienkompetenzen zertifizieren

Schule vermittelt Kompetenzen, bewertet und zertifiziert sie. Somit entsteht auch im Bereich „digitaler Schule“ die Notwendigkeit, die Medienkompetenzen der SchülerInnen  erkennen, bewerten und zertifizieren zu können.

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Vergleicht man die Medienkompetenzen solcher SchülerInnen mit denen derjenigen, die die herkömmliche „analoge Schule“ absolvieren, sind in den meisten Fällen deutliche Unterschiede festzustellen:  Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind diejenigen, die täglich mit dem Tablet (und dem Netz) arbeiten, jenen meilenweit voraus. Selbstverständlich sollten die betreffenden Kompetenzen auch zertifiziert (und beispielsweise dem Zeugnis beigefügt) werden.

Der lesenswerte Beitrag der Forschungsgruppe Lehrerbildung Digitaler Campus Bayern  listet die zu vermittelnden Schülerkompetenzen (inkl. anschaulicher Erläuterungen) klar und deutlich auf:

Zielkompetenzen

der Schülerinnen und Schüler

Bedienen und Anwenden

digitaler Medien

 

Suchen und Verarbeiten von Informationen

mithilfe digitaler Medien

 

Kommunizieren und Kooperieren

mit digitalen Medien

 

Produzieren und Präsentieren

mit digitalen Medien

 

Erkennen von Lernpotenzialen und Entwickeln von Lernstrategien

mit digitalen Medien

Erwerben und Anwenden von Wissen

über digitale Medien

Analysieren, Reflektieren und Diskutieren

über digitale Medien

 

Selbstreguliertes und verantwortungs-bewusstes Handeln

mit digitalen Medien

 

Um diese Kompetenzen differenziert vermitteln, erkennen und bewerten zu können, bedarf es selbstverständlich ihrer ebenso auf der Seite der LehrerInnen. Auch darauf geht der Beitrag dezidiert ein (ich komme später darauf zurück).

Da weit und breit diesbezügliche LehrerInnenfortbildung  nicht (oder kaum) stattfindet, haben wir jetzt schulintern damit begonnen.

Zwei Welten

„Digitale Schule“ stellt Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer vor unerwartete Herausforderungen.

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Die vielfältigen Möglichkeiten der Binnendifferenzierung in der „digitalen Schule“ fördern eigenständiges Lernen und die Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler für ihren Lernweg und Lernerfolg.  Unsere Arbeit auf einem Wiki setzt durch ihre Transparenz neue Maßstäbe im Vergleich zur „analogen Schule“ und ist für alle Beteiligten, die diese Arbeitsweise, die auf präziser Arbeitsorganisation, Verlässlichkeit, fairer Arbeitsteilung, Kooperation und Engagement beruht, aus der „analogen Schule“ nicht gewohnt sind, eine unerwartete Herausforderung. Besonders auffällig gestaltet sich diese Erfahrung bei Schülerinnen und Schülern, die nur zweitweise, z.B. in nur einem Fach,  mit digitalen Medien arbeiten. Während diese Herausforderungen spontan von etwa 25% erfolgreich gemeistert werden, ist die Mehrheit (bisher) nur ansatzweise in der Lage, diese neuen Arbeitsgrundlagen (und ihre Konsequenzen)  wahrzunehmen und erfolgreich in ihre Lernwelt zu integrieren.

War die „analoge Schule“ stets nur in der Lage, punktuelle Leistungsüberprüfungen einzuholen, ist die digitale Welt öffentlich für jeden jederzeit einsehbar.  Stand bisher die Lehrperson vorne und stellte gleiche Aufgaben für alle, ist jetzt mehr eigenverantwortliches Lernen möglich. Das bedeutet für viele einen kompletten Paradigmenwechsel vom fremdbestimmten geleitet Werden zu eigenverantwortlichem, selbst bestimmtem Lernen.

Diese Beobachtung lässt sich in gewissem Rahmen verallgemeinern: Sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet „digitale Schule“, recht verstanden (z. B. 4 K’s), die Veränderung der bisherigen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit.

Möchte man das? Wünscht man sich das? Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage nicht durch die Realitäten überholt werden wird. Aber eins scheint mir klar zu sein: Diejenigen, die sich in dieser „digitalen Umwelt“ auskennen und  deren Möglichkeiten als Chance betrachten, ihre Lern- und Arbeitsbedingungen unter modernen Bedingungen weiter zu entwickeln,  werden den anderen weit voraus sein: Ihnen stehen viele Türen offen.

 

Digitale Prüfungsformen in der „analogen Schule“ sind möglich

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Viele Kolleginnen und Kollegen machen sich auf den Weg „zeitgemäßer Bildung“ und versuchen mit dem Einsatz digitaler Medien in der Schule ihre SchülerInnen auf die Anforderungen im Studium und im Beruf des 21. Jahrhunderts angemessen vorzubereiten. Das entspricht voll und ganz dem Bildungsauftrag der Schule.

Die Arbeitsweise „digitaler Schule“ und die momentan bestehenden Strukturen prallen oftmals dort aufeinander, wo der freie Gestaltungsraum der LehrerInnen geringer wird: in Klassenarbeiten und Klausuren. Wer regelmäßig digitale Medien (nicht nur) zur Recherche, sondern ebenso z. B. kollaborativ verwendet, wer das Internet als Wissensspeicher kritisch zu nutzen weiß, wer sich in einem Lernnetzwerk befindet, der sieht sich durch die klassischen Prüfungsformen (jeder für sich, ohne Internetzugang, mit Papier und Stift) zurückversetzt in eine Zeit und Lernkultur, die als überwunden galt.

Wie kann man nun trotzdem in dieser, für die meisten Kolleginnen und Kollegen alltäglich-realen Schulumwelt, digitale Prüfungsformen realisieren, um den pädagogischen Mehrwert „digitaler Schule“ auch in Klassenarbeiten bzw. Klausuren hinein zu tragen?

Seit fast zwei Jahren unterrichte ich meine Tabletklasse auch im Fach Deutsch, und seitdem habe ich ausschließlich digitale Klassenarbeiten geschrieben. Wir arbeiten auf einem Wiki, kollaborative Arbeitsformen sind den Schülerinnen und Schülern somit vertraut. Aus datenschutzrechtlichen Gründen muss eine Klassenarbeit/Klausur in einem nichtöffentlichen Raum stattfinden. Deshalb sende ich den SchülerInnen zu Beginn der Arbeitszeit alle nötigen Materialien per (vorbereiteter) Mail zu. Neben offenen Dateien gibt’s zusätzlich immer auch ein PDF, auf das im Notfall zurückgegriffen werden kann. Texte können wahlweise digital oder analog (bei einer Lektüre z.B. im Buch) bearbeitet werden.

In der 8. Klasse stand am Ende der Unterrichtsreihe zu Hermann Hesses „Unterm Rad“ folgende Klassenarbeit:

AUFGABEN:

  1. Welche Aspekte des Romans „Unterm Rad“ hältst du für aktuell? Zur Meinungsbildung kannst du sowohl den Roman als auch die Unterrichtsergebnisse auf dem Wiki zu Hilfe nehmen.
  2. Welche der folgenden Webseiten würdest du MitschülerInnen einer 8. Klasse zur Orientierung über den Roman (nicht) empfehlen? Wähle jeweils eine empfehlenswerte bzw. nicht empfehlenswerte aus und begründe deine Meinung:

2.1http://www.schultreff.de/referate/deutsch/r0820t00.htm

2.2 http://www.dieterwunderlich.de/Hesse_rad.htm#cont

2.3 http://www.lesekost.de/deutsch/nobel/HHLDN04.htm

2.4 http://www.neuewoertlichkeit.de/unterm-rad/

2.5 http://www.dw.shuttle.de/dw/kreisgymftldeu/deutsch2.htm

 

  1. Überarbeite deinen Text noch einmal sorgfältig.

Sende mir deine Lösung spätestens um 8.55 Uhr per Mail zu.

Was üblicherweise in Klassenarbeiten deutscher Gymnasien ausgespart bleibt (WLAN, Internet, Zugriff auf – auch von MitschülerInnen – in der UR Erarbeitetes, Medienkompetenzen zur kritischen Beurteilung von Webseiten), findet in dieser Prüfungsform seinen (während der Unterrichtsreihe vermittelten und geübten) Platz.

Nach meiner Korrektur (mit der Kommentarfunktion von Word bzw. LibreOffice) sende ich sie den SchülerInnen zu Beginn einer Präsenzstunde wieder per Mail zu.

Digitale Medien bieten zahlreiche Möglichkeiten der individuellen Förderung. Dies zeigt sich besonders in der Korrekturphase der Klassenarbeit/Klausur, die wiederum auf dem Wiki stattfindet.  Zunächst erstellt jede/r SchülerIn eine Statistik ihrer/seiner Fehler (nach Fehlerarten), sodass sie/er sprachliche Stärken und Schwächen unmittelbar reflektieren kann und abhängig davon anschließend ihre/seine persönlichen Schwächen mit interaktiven Übungen, die ich als Links zur Verfügung stelle, beheben kann. Im Extremfall ergibt sich hier eine Situation, in der jede/r SchülerIn ihren/seinen eigenen Lernweg verfolgt. Folgende Links (Übungen zur Rechtschreibung und Grammatik)

sind brauchbar:

https://www.learningsnacks.de/share/551/

http://bit.ly/2mJZfOG

http://www.online-lernen.levrai.de/index.htm

https://ivi-education.de/

 

Weiterhin wird die korrigierte Klassenarbeit auf das Wiki hochgeladen und hier (etwa vom Tischnachbarn) wiederum korrigiert, z. B. durch Fettmarkierung der (inhaltlichen und sprachlichen) Fehler. Nach einem erläuternden Gespräch darüber gilt das Feedback dem einzelnen Schüler als Grundlage zur erneuten Korrektur seines Textes. Ggf. erfolgt eine weitere Korrektur/ein weiteres Feedback, bis ein zufriedenstellender Erfolg erzielt ist.

 

Zwischenbilanz

Das Halbjahr neigt sich seinem Ende zu – Zeit, um nach fast 5 Monaten Unterricht (in 4 Fächern) in der  Tabletklasse  eine erste Bilanz zu ziehen und über den „didaktischen Mehrwert“ des digitalen Unterrichts zu reflektieren:

1. Transparenz

Sie hat mich selbst am meisten verwundert: Die Arbeit z.B. auf unserem Schulwiki ist „brutal“ transparent:  Dokumentationen, Reflexionen, usw.: Alles ist von jedem und jederzeit einsehbar. Das Heft (im Ranzen der analogen Schule) konnte, musste die Hausaufgabe aber nicht enthalten. Das blieb mindestens zeitweise verborgen. Von daher ist die digitale Schule „brutal“ transparent, denn auch die nicht erbrachten Leistungen werden schonungslos offengelegt. Wer seine Aufgaben nicht (termingerecht) erledigt, wird ebenso von allen wahrgenommen wie auch diejenigen, die sie gut oder besonders gut erledigen. Den 10% Schülerinnen und Schülern, die sich in die erste Kategorie einordnen und für die deshalb Schulerfolg in weitere Ferne rückt, stehen 90% gegenüber, die sich gegenseitig mitziehen. Die (offensichtliche) Tatsache, dass XY seine Aufgaben schon erledigt hat (und wie!), erinnert und motiviert andere ebenfalls dazu. Dabei tritt ein weiterer Effekt in Kraft: Aus dem bisher schon von anderen (und einsehbaren) Geleisteten kann ich selbst lernen, Impulse ableiten, Ideen gewinnen.

2. Kollaboration/Kommunikation

Womit ich beim 2. Punkt wäre. Als Schüler habe ich Gruppenarbeit nicht gerade gemocht: Meistens erledigte einer in der Gruppe die Arbeit für (fast) alle anderen, bewertet wurden aber alle gleich. Um dieser (auch aktuellen) Erfahrung entgegenzuwirken, bestehen die „Gruppen“ in der digitalen Schule aus 2 Personen, die nebeneinander sitzen und sich somit auf den Bildschirm schauen und miteinander reden können. Apropos: Die veränderte Sitzordnung im Raum führt zu lebhaften Gesprächen.

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Während in dieser von mir in der analogen Schule bevorzugten Sitzordnung („großes U“) in der Jgst. 8 meistens Schweigen herrschte …

 

 

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… löste es sich wie von selbst auf, als die Schüler an Gruppentischen miteinander arbeiteten – und sich intensiv austauschten!

 

Die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Projekt in der digitalen Schule geht weit über die in der analogen hinaus. Zahlreiche Tools (u.a. GoogleDocs, GooglePräsentationen) ermöglichen – das erweist sich gerade im ländlichen Raum als sehr vorteilhaft – zeitgleiches Arbeiten an unterschiedlichen Orten. Auch Gruppenarbeiten (am besten nicht mehr als 6 Personen, sonst wird es zu unübersichtlich) können so angefertigt und das Ergebnis kann (anschließend) projiziert werden. Ich habe mal drei Jungs aus der Klasse nach ihren Erfahrungen mit der Erstellung analoger und im Vergleich dazu digitaler MindMaps gefragt. Ihre Antworten beziehen sich u.a. auch auf die Möglichkeit der Kollaboration.

3. Motivation

Ich kenne keine Unterrichtsstörungen mehr: Seit Beginn des Schuljahres erlebe ich motivierte, konzentrierte und fokussierte Schülerinnen und Schüler. Vom Tablet geht eine ungeheure Faszination aus, die sich auf das weite, scheinbar unbegrenzte und zu entdeckende Land bezieht, zu dem es den Zugang gewährt. Manchmal muss ich einige aus ihrer Fokussierung lösen – es besteht durchaus die Gefahr, dass Mensch und Maschine verschmelzen, ohne noch den Nachbarn zu bemerken. Darauf habe ich z.B. mit den Arbeitsaufträgen für Paare reagiert, sodass ein reger Austausch einsetzte. Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass Motivation lernförderlich ist.

4. Leistungsniveau

Im Fach Deutsch haben wir zwei digitale Klassenarbeiten geschrieben: Die erste war im Grunde lediglich die digitale Abbildung einer analogen Arbeit (Analyse einer Kurzgeschichte), die zweite (Thema Medien, hier: Leitmedium Internet) bestand aus der Erstellung  und dem Vortrag einer 20-minütigen Präsentation sowie der schriftlichen Dokumentation und Reflexion des Arbeitsprozesses. Diese zweite KA war aufgeteilt in 13 (selbst gewählte bzw. vorgeschlagene) Unterthemen, die jeweils max. 2 Personen in einem vorgegebenen Zeitrahmen erarbeiteten. Beide Klassenarbeiten fielen durchschnittlich fast eine Note besser aus als alle anderen Deutsch-Arbeiten im vorherigen (analogen) Schuljahr. Abzüge in der Bewertung der zweiten KA ergaben sich fast ausschließlich durch fehlende Arbeitsorganisation, die in den Reflexionen erkannt und benannt wurden. Die Präsentationen offenbarten vielfältiges Hintergrundwissen, abgesehen von erworbener Medienkompetenz. Hier zwei Beispiele:

5. Medienkompetenz

Die für mich 2. große Überraschung: der rasche und deutliche Zuwachs an Medienkompetenz. Im August letzten Jahres zeigten sich deutliche Unterschiede innerhalb der Klasse hinsichtlich der Bedienung der Tablets, der Kenntnisse über die Arbeitsweisen, der Beherrschung von Programmen, etc.  Diese Unterschiede sind nun deutlich abgeschwächt: Jede/r ist nun in der Lage, das Tablet zielführend zu bedienen und Aufgaben sachgerecht zu bearbeiten. Besonders eindrucksvoll sind die gegenseitigen Hilfestellungen innerhalb der Gruppe, die  auch diejenigen, die vor 5 Monaten noch gar nichts mit dem Tablet anfangen konnten, schnell aufholen ließen. Ein weiterhin breiter Graben liegt zwischen der kleinen Gruppe derjenigen, die sich kritisch mit einzelnen Tools, sozialen Medien u.a. auseinandersetzen können und der Mehrheit, die noch sehr naiv und unkritisch damit umgeht.

6. Lehr-/Lern-Situation

Sie hat sich grundlegend verändert:  Ich setze den (z.B. zeitlichen) Rahmen, informiere über grundlegende Arbeitsweisen, spreche Themen und die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen ab. Dann beginnt eine vielgestaltige Arbeitsphase, in der die Schülerinnen und Schüler weitgehend eigenständig arbeiten. Ich stelle mich auf jede einzelne Situation ein, beantworte Fragen, gebe Tipps, korrigiere. Begleitet wird diese Phase von der Dokumentation des Arbeitsverlaufs und dessen ständiger Reflexion, sodass die Schülerinnen und Schüler sich nicht in den „unendlichen Weiten des Netzes“ verlieren, sondern ihren Arbeitsprozess kritisch im Auge behalten können. Zwar ähnelt der Projektcharakter dieser Phase der analogen Schule, er greift jedoch weit darüber hinaus: Das Internet ermöglicht z.B. die Kooperation und Kommunikation mit außerschulischen Partnern sowie den Zugriff auf gewaltige Wissensbestände und Recherchematerialien – den zielführenden Umgang damit gilt es hier einzuüben. Eine Herausforderung für diejenigen, die auch schon in der analogen Schule ihre Probleme damit hatten, sich selbst zu organisieren, zu disziplinieren und immer wieder einen (distanzierten) Blick auf den Stand ihrer Arbeit zu werfen.

dsc_5092Eine Chance jedoch für die Mehrheit, die sich, frei von standardisierten Erwartungen und einschränkenden Maßnahmen, in ihrem eigenen Lerntempo, auf sie interessierenden Lernwegen, inspiriert durch vielfältige Lernanreize (und in Kooperation mit einem Lernpartner) eigenständig und selbstverantwortlich ihrem Ziel annähern.

 

Ein anderes Beispiel aus dem Sport-Unterricht mag die erweiterten Möglichkeiten illustrieren: Während des Schwimmunterrichts  werden die Schülerinnen und Schüler beim Brustschwimmen gefilmt. Jede/r erhält anschließend das Video, das ihn/sie selbst zeigt. Verglichen mit einem Lehr-Video kann nun selbst erkannt werden, ob der eigene Schwimmstil in Ordnung oder noch verbesserungswürdig ist. Nach Aussagen der Schülerinnen und Schüler hat ihnen dieser Vergleich geholfen, eigene Stärken und Schwächen einzuschätzen. Die nachfolgende Schwimmprüfung fiel übrigens außerordentlich gut aus.

Wer möchte, kann auch im Video Einblicke in die Arbeit der Tabletklasse erhalten und sich Interviews mit Beteiligten anschauen.

7. Ausblick

In immer mehr Schulen wird darüber nachgedacht, wie man die Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen kann. Mit der Veranstaltung Schule.digital in den ersten Monaten dieses Jahres möchten wir einen Beitrag dazu leisten. In dieser Veranstaltung laden wir ein, einen Blick hinter die schulischen Kulissen zu werfen und sich mit interessierten und kompetenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auszutauschen und zu vernetzen. TN können Unterrichtsstunden der Tabletklasse besuchen und anschließend reflektieren, bevor unterschiedliche Sessions (Themen, Fragen, über die diskutiert, zu denen etwas präsentiert wird) angeboten werden.