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Was kommen muss: digitale Prüfungsformen

Einmal gesetzt den Fall, dass Prüfungsformen (wie z.B. Klassenarbeiten bzw. Klausuren) nicht generell abgeschafft werden, da zumindest ein großer Teil ihrer Zielsetzungen als relevant eingestuft wird: Jetzt ist es an der Zeit, digitale Prüfungsformen einzuführen.

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Mehr und mehr machen sich LehrerInnen auf den Weg der „digitalen Schule“ und unterrichten (wo es passt/überwiegend/ausschließlich) mit digitalen Medien. Im Unterricht (und außerunterrichtlich) werden also selbstverständlich z.B.:

  • Internetnutzung
  • Binnendifferenzierung
  • Kooperation/Kollaboration
  • Kommunikation

Meine 8. Klasse arbeitet seit Beginn des Schuljahrs in den meisten Fächern täglich mit Tablets (2-in-1-Geräte, BYOD). Im Klassenraum wird durch einen Access-Point WLAN hergestellt, die SchülerInnen können über einen Beamer ihr Display auf die große Leinwand projizieren, ein Soundsystem sorgt für guten Ton.

Im Fach Deutsch besprechen wir seit 4 Wochen Hesses „Unterm Rad“. Der Roman wurde kapitelweise mit Hilfe eines Lesetagebuchs bearbeitet, wobei den SchülerInnen unterschiedliche Aufgabenformate vorgelegt und mit unterschiedlichen Methoden gearbeitet wurde. So konnten sie in dieser Zeit u.a.

  • einzelne Kapitel kurz zusammenfassen oder nacherzählen
  • an geeigneten Stellen den Text verändern oder weiterschreiben
  • einen Brief an eine Person schreiben
  • aus der Sicht einer Person eine Tagebucheintragung formulieren
  • aufschreiben, was ihnen gut oder nicht so gut gefällt
  • aus einzelnen Textstellen eine kreativ gestaltete Geschichte (Video, Standbild, Audio, Foto, Collage, MindMap, Sway, usw.) entwerfen
  • ihren Text mit http://www.schreiblabor.com/ überprüfen lassen

Alle Produkte wurden auf unser Wiki hochgeladen, wo sie für jede/n jederzeit sicht- und rezipierbar sind. Schon zur Gewohnheit geworden ist uns dabei das Peer-Feedback: Jeder gibt seinem Tischnachbarn ein FB, dessen Kriterien von mir vorgegeben sind und das möglichst präzise und konkret formuliert sein soll, damit es Grundlage effizienter nochmaliger Überarbeitungen sein kann. Leicht erkennbar ist, dass uns wesentliche Merkmale digitaler Schule (s.o.) dabei zu ständigen Begleitern geworden sind.

Gerade im Falle dieser Unterrichtsreihe erübrigt sich m.E. eigentlich die an ihrem Ende obligatorische Klassenarbeit – das erarbeitete Lesetagebuch umfasst so viele Facetten der SchülerInnenleistungen, es könnte ohne weiteres als Lernportfolio die Klassenarbeit ersetzen.

Traditionelle Klassenarbeiten überprüfen u.a. die individuelle Lernleistung mit Hilfe meistens einer vorgegebenen Aufgabe in einer festgesetzten Zeit, die mit Stift und Papier und dem Hilfsmittel eines Wörterbuchs bearbeitet werden soll.  Die einschränkenden Anachronismen zur Arbeit in der digitalen Schule sind dabei mit Händen zu greifen, wenn man einmal die für die SchülerInnen in den letzten Wochen gewohnte Arbeit (s.o.)damit vergleicht.

Noch deutlicher werden die Differenzen beim Blick auf zentrale Abschlussprüfungen, z.B. das Zentralabitur: Ganz traditionell bilden sich hier die üblichen Prüfungsformen, unabhängig jeglichen Einsatzes digitaler Medien, überdeutlich als anachronistisch ab.

Es bedarf, wollen wir unsere SchülerInnen innerhalb der für die Notenvergabe  relevanten Prüfungssituationen nicht wieder in vorzeitige Rituale zurückversetzen, jetzt alternativer Prüfungsformen, die die für zeitgemäßes Lehren und Lernen angemessenen Grundlagen berücksichtigen und z.B. die o.g. Arbeitsmethoden integrieren. So ist z.B. vorstellbar, dass Klassenarbeiten ersetzt werden durch Lernportfolios (s.o.), dass kooperative Elemente integriert werden, dass das Internet (z.B. als Wissensspeicher) selbstverständlicher Bestandteil der Arbeit wird, dass Texte mit Bildern, Videos, Audios, Podcasts, Links usw. angereichert werden, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Webinhalten stattfindet. Erst dann können – neben dem Unterricht – auch die Prüfungsformate als zeitgemäß anerkannt werden.