Schlagwort-Archive: Tabletklasse

Möglichkeiten und Risiken des Unterrichtens mit digitalen Medien – Fazit nach 1 Jahr

Nach einem Jahr Leitung der 1. Tabletklasse am Clara-Fey-Gymnasium  möchte ich ein Fazit in mehreren Thesen, die ich nacheinander veröffentliche, ziehen:

  1. Motivation, Motivation, Motivation! Auch nach einem Schuljahr Unterricht mit einem 2-in-1-Gerät in (fast) allen Fächern bleibt die Motivation der SchülerInnen konstant hoch: Die Lust, mit dem Gerät zu arbeiten, die erweiterten Möglichkeiten digitalen Arbeitens (Links, Fotos, Videos, Standbilder, Textüberarbeitungen, Recherche, usw.) gehören mittlerweile zum selbstverständlichen und unverzichtbaren Repertoire. Die Erfahrung des Netzes als großer, dennoch abrufbarer Wissensspeicher, des Geräts als technische Grundlage eigenen produktiven Arbeitens, die Entdeckung jederzeit möglicher Erweiterungen – dies und vieles mehr hält die SchülerInnen bei der Stange: Niemand möchte mehr zurück in die „Kreidezeit“. Und jede/r LehrerIn weiß um den hohen Wert motivierter SchülerInnen für deren Lernerfolg.

 

2. #zeitgemäße Bildung

 

Den Begriffsvorschlag „zeitgemäße Bildung“ von Dejan Mihajlović verwende ich hier einmal, um auf die Verantwortung von Schule hinzuweisen: Es gibt überhaupt keinen Grund mehr, die „Digitalisierung der Gesellschaft“ auszublenden und so weiterzumachen wie bisher.  Verglichen mit der Erfindung des Buchdrucks – und die Digitalisierung ist mit diesem kulturhistorisch-evolutiven Quantensprung vergleichbar – stehen wir erst am Anfang des 16. Jahrhunderts. Darauf muss Schule reagieren: Neue Arbeitsmittel, neue Arbeitsformen müssen auf veränderte Studien- und berufliche Anforderungen vorbereiten.

 

3. Zentral: die 4 K’s (Kollaboration, Kommunikation, Kreativität, Kritisches Denken)

Sie sollen die Skills des 21. Jahrhunderts sein. Zumindest sind sie zentrale Kompetenzen, die durch die Arbeit mit digitalen Medien in besonderer Weise gefördert werden:

  • Kollaboration (z.B. auf einem Wiki), Lernen mit- und voneinander in einer Weise, wie sie nur mit digitalen Medien möglich ist.
  • Wer meint, es würde nicht mehr miteinander gesprochen, irrt: Der Klassenraum lebt, in den Kleingruppen wird intensiv miteinander kommuniziert. Besonders in der Mittelstufe hilft diese Arbeitsweise SchülerInnen über ihre Scheu, vor großen Gruppen zu sprechen, hinweg. Ergänzend findet die (außerunterrichtliche) Kommunikation über soziale Netzwerke statt.
  • In einer Welt, die  automatisierbare Aufgaben zunehmend den Maschinen überlassen wird, ist menschliche Kreativität  ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Sie ist ein Schlüssel zur selbst bestimmten Autonomie. Zentrum der Digitalisierung muss stets der Mensch sein/bleiben:  Die Maschine soll ihm dienen, nicht umgekehrt.
  • Damit zusammen hängt das kritische Denken: Neben dem Lernen mit Medien gilt es stets, das Lernen über Medien, z.B. durch Reflexionen des Medieneinsatzes, zu unterstützen. Ökonomische, z.T. auch politische Bestrebungen zielen auf den willigen Consumer / Bürger, der Mensch muss aber immer auch seiner Würde gemäß die nötige Distanz zur Maschine durch den Einsatz des eigenen Verstandes wahren: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – hier ist der alte Kant noch heute aktuell.

4. These: Stärkung eigenständigen Lernens

dsc_5082

Den binnendifferenzierten Unterricht, den die „analoge Schule“ stets zu erreichen versuchte, kann die digitale realisieren: Im Extremfall lernt jede/r SchülerIn z.B. in ihrem/seinem eigenen Tempo, ihren/seinen individuellen Fähigkeiten gemäß, auf ihrem/seinem Lernweg, der anders aussieht als der des Nachbarn. Dazu verhelfen u.a. interaktive Videos und Lernapps, die auf die jeweiligen Antworten der SchülerInnen individuell reagieren, Binnendifferenzierung ist aber auch Ausdruck vielfältiger, von der Lehrperson erteilten Aufgaben, die (in der Schule) zur gleichen Zeit von unterschiedlichen SchülerInnen bearbeitet werden können.

„Früher“ arbeitete die gesamte Lerngruppe in der gleichen Zeit mit den gleichen Methoden und Fragestellungen an derselben Aufgabe, die anschließend gemeinsam besprochen wurde. Unterschiedliche Fähigkeiten, Lerntypen und Arbeitsweisen konnten sich kaum entfalten – diese Möglichkeit bietet nun der Einsatz digitaler Medien.

Diese Arbeitsweise erfordert auf der anderen Seite ein deutliches Plus an Eigenverantwortung. Die Transparenz der Arbeit  auf dem Wiki und seine Versionsgeschichte dokumentieren lückenlos die Aktivitäten aller SchülerInnen und ermöglichen mir Einsichten in ihr Arbeitsverhalten. Meine Erfahrungen zeigen, dass diejenigen sich in dieser neuen Lernumgebung schnell wohlfühlen und sie prägen, die sich auch bisher gut organisieren konnten. Ebenso zeigt sich, dass die entgegengesetzt arbeitenden ca. 15 % der SchülerInnen immer wieder aufgefordert und „ermuntert“ werden müssen, und die große dazwischenliegende Gruppe sich durchaus zusätzlich angetrieben fühlt.

Effiziente Techniken zur Organisation der eigenen Arbeit zu entwickeln, besonders in einer Lebensphase, in der sich neben Schule weitere, subjektiv interessantere Perspektiven ergeben, ist für viele SchülerInnen eine Herausforderung. Strukturieren und Organisieren zeigen sich in der digitalen Schule als fundamental wichtige und folgenreiche Kompetenzen. Eine Hausaufgabe fand sich recht schnell im entsprechenden Heft, die Suche nach der Datei kann sich jedoch endlos gestalten, wenn ich nicht organisiert arbeite. Ein Wiki leitet zum strukturierten Arbeiten an: Übersichtliche Listen, eine überschaubare Anzahl an Werkzeugen, Textfokussierung, geringe Ablenkungsmöglichkeiten tragen dazu bei, relativ leicht den Überblick zu gewinnen und durch konsequentes Arbeiten zu behalten. Ständige Auswertung des Lehrers, seine Pflege des Wikis, bleiben weiterhin notwendig und ermöglichen direkte Eingriffe bzw. individuelle Hinweise und Tipps.

5. These: Eltern wollen das.

WP_20170627_12_01_03_Pro

Am Beginn unserer Tabletklassen steht ein Abend gemeinsam mit der Schulleitung, Eltern und Kindern (Siebtklässlern). An diesem Abend wird die Arbeit mit den Tablets vorgestellt und besprochen. Ebenso entscheiden sich die Eltern, ob sie ihren Kindern das Gerät (ca. 200 €) kaufen möchten. Da diese Einwilligung eine Säule unseres Konzepts ist, hat dieser Abend eine entscheidende Bedeutung. Mittlerweile ist es für mich keine Überraschung mehr, dass alle Eltern, bis auf ganz wenige Ausnahmen, dem Einsatz digitaler Medien in der Schule sehr positiv gegenüber stehen. In ihren Berufen sind sie täglich „digital unterwegs“, sie kennen die Bedeutung sachgerechter Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Auch in den meisten Studiengängen sind digitale Medien alltägliches Werkzeug. Somit sind solche Abende erfahrungsgemäß Highlights am Beginn der Tabletklassen: Schulleitung, Eltern, LehrerInnen und Kinder entscheiden sich gemeinsam für eine bestimmte Arbeitsweise in der Schule. Ein starkes Zeichen!

Weiterhin lässt sich, etwa anlässlich von Elternsprechtagen oder Elternabenden, feststellen, dass die Eltern auch nach dieser Entscheidung und im weiteren Verlauf der Arbeit das Projekt „tragen“ und somit einen wesentlichen Beitrag leisten, es erfolgreich zu gestalten.

 

6. These: gerechtere Bewertungen

Zunächst mal kurz zu den Leistungen selber: Lernen die SchülerInnen der „digitalen Schule“ genauso gut und viel wie die in der „analogen“? Oder halten sie sich so viel mit technischen und medienpädagogischen Fragen und Hindernissen auf, dass das Fachliche darunter leiden muss? Unterschiedliche Studien belegen unterschiedliche, sich widersprechende Ergebnisse. Meine Erfahrung ist eindeutig: Im Vergleich mit den früheren Leistungen derselben SchülerInnen in der „analogen“ Schule sind die Leistungen in den Fächern Deutsch, kath. Religion und Politik – hier stehen vor allem Texte im Vordergrund – besser geworden. (Natürlich hinkt der Vergleich: Es handelt sich zwar um dieselben SchülerInnen, aber nicht um dieselben Themen und Prüfungen, usw.) In diesem Bereich sind eindeutige Aussagen auch kaum erwartbar. Aber der Trend ist nach meiner Erfahrung klar erkennbar: Die kollaborative Arbeit auf dem Wiki, das permanente Peer-Feedback, die Aktivierung der Schülerkompetenzen zur Verbesserung etwa von Texten im Deutschunterricht hinterlassen Spuren, die sich in besseren Leistungen widerspiegeln.

Nun zur Bewertung: Die Arbeit auf unserem Wiki erlaubt allen, auch mir, den permanenten Zugriff auf alle Schülerleistungen. Bewertungen erfolgen demnach nicht mehr nur punktuell, etwa in den Präsenzstunden, sondern können flächendeckend jederzeit und von überall aus erfolgen. Das ermöglicht mir eine deutlich gerechtere Bewertung der Schülerleistungen.

 

7. These: Risiko Oberflächlichkeit 

WP_20170222_08_03_23_Pro

Der Bildschirm leuchtet, flimmert. Verschiedene Reize melden sich. Bilder, Videos, Bewegung, Werbung. Da fällt es schwer, sich zu fokussieren, zu konzentrieren. Der nächste Reiz: nur einen Klick weit entfernt. Fördern digitale Medien den ohnehin grassierenden Trend zur Oberflächlichkeit, zur schnellen Kost, zum bequemen Konsum? Ohne Zweifel: Ja. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich den Zugang zum Internet oder ein Textblatt vor mir habe. Und wenn ich die (digitalen) Deutsch-Arbeiten meiner Schüler*innen lese, fallen mir fehlende Konzentration, Flüchtigkeit, mangelnde Sorgfalt auf.  Parallel unterrichte ich auch noch „analog“, und diese Arbeiten sind, was die Fehlerhäufigkeit angeht, nicht immer besser, sodass ich mindestens von sehr ähnlichen Ergebnissen sprechen kann.

Ist die Beherrschung der Rechtschreibung und Grammatik in 10 Jahren überhaupt noch ein Thema? Oder erledigt diese Aufgabe Technik, der wir die Sätze diktieren?

Selbst wenn wir zukünftig standardisierbare Arbeiten an Maschinen delegieren werden: Die uns eigene Kreativität, Originalität und Flexibilität kann nur dann vielfältige, komplexe Ausdrucksformen erlangen, wenn wir, möglichst viele von uns, Rechtschreibung, Grammatik, alle sprachlichen Ausdrucksformen so gut wie möglich beherrschen.  Deshalb ist sorgfältige, entschleunigte, tief gehende Arbeit an und mit Sprache notwendig, z.B. im Deutschunterricht.  Manchmal geht es dabei bis ins Komma, bis in den Laut, bis in den Buchstaben hinein. Wenn wir diese (sprachlichen) Fähigkeiten vermitteln, wird auch zukünftig der (mündige) Mensch mit der Technik umgehen und nicht umgekehrt.

Advertisements

Zwischenbilanz

Das Halbjahr neigt sich seinem Ende zu – Zeit, um nach fast 5 Monaten Unterricht (in 4 Fächern) in der  Tabletklasse  eine erste Bilanz zu ziehen und über den „didaktischen Mehrwert“ des digitalen Unterrichts zu reflektieren:

1. Transparenz

Sie hat mich selbst am meisten verwundert: Die Arbeit z.B. auf unserem Schulwiki ist „brutal“ transparent:  Dokumentationen, Reflexionen, usw.: Alles ist von jedem und jederzeit einsehbar. Das Heft (im Ranzen der analogen Schule) konnte, musste die Hausaufgabe aber nicht enthalten. Das blieb mindestens zeitweise verborgen. Von daher ist die digitale Schule „brutal“ transparent, denn auch die nicht erbrachten Leistungen werden schonungslos offengelegt. Wer seine Aufgaben nicht (termingerecht) erledigt, wird ebenso von allen wahrgenommen wie auch diejenigen, die sie gut oder besonders gut erledigen. Den 10% Schülerinnen und Schülern, die sich in die erste Kategorie einordnen und für die deshalb Schulerfolg in weitere Ferne rückt, stehen 90% gegenüber, die sich gegenseitig mitziehen. Die (offensichtliche) Tatsache, dass XY seine Aufgaben schon erledigt hat (und wie!), erinnert und motiviert andere ebenfalls dazu. Dabei tritt ein weiterer Effekt in Kraft: Aus dem bisher schon von anderen (und einsehbaren) Geleisteten kann ich selbst lernen, Impulse ableiten, Ideen gewinnen.

2. Kollaboration/Kommunikation

Womit ich beim 2. Punkt wäre. Als Schüler habe ich Gruppenarbeit nicht gerade gemocht: Meistens erledigte einer in der Gruppe die Arbeit für (fast) alle anderen, bewertet wurden aber alle gleich. Um dieser (auch aktuellen) Erfahrung entgegenzuwirken, bestehen die „Gruppen“ in der digitalen Schule aus 2 Personen, die nebeneinander sitzen und sich somit auf den Bildschirm schauen und miteinander reden können. Apropos: Die veränderte Sitzordnung im Raum führt zu lebhaften Gesprächen.

win_20160929_07_58_36_pro

 

Während in dieser von mir in der analogen Schule bevorzugten Sitzordnung („großes U“) in der Jgst. 8 meistens Schweigen herrschte …

 

 

win_20161207_10_44_45_pro

… löste es sich wie von selbst auf, als die Schüler an Gruppentischen miteinander arbeiteten – und sich intensiv austauschten!

 

Die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Projekt in der digitalen Schule geht weit über die in der analogen hinaus. Zahlreiche Tools (u.a. GoogleDocs, GooglePräsentationen) ermöglichen – das erweist sich gerade im ländlichen Raum als sehr vorteilhaft – zeitgleiches Arbeiten an unterschiedlichen Orten. Auch Gruppenarbeiten (am besten nicht mehr als 6 Personen, sonst wird es zu unübersichtlich) können so angefertigt und das Ergebnis kann (anschließend) projiziert werden. Ich habe mal drei Jungs aus der Klasse nach ihren Erfahrungen mit der Erstellung analoger und im Vergleich dazu digitaler MindMaps gefragt. Ihre Antworten beziehen sich u.a. auch auf die Möglichkeit der Kollaboration.

3. Motivation

Ich kenne keine Unterrichtsstörungen mehr: Seit Beginn des Schuljahres erlebe ich motivierte, konzentrierte und fokussierte Schülerinnen und Schüler. Vom Tablet geht eine ungeheure Faszination aus, die sich auf das weite, scheinbar unbegrenzte und zu entdeckende Land bezieht, zu dem es den Zugang gewährt. Manchmal muss ich einige aus ihrer Fokussierung lösen – es besteht durchaus die Gefahr, dass Mensch und Maschine verschmelzen, ohne noch den Nachbarn zu bemerken. Darauf habe ich z.B. mit den Arbeitsaufträgen für Paare reagiert, sodass ein reger Austausch einsetzte. Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass Motivation lernförderlich ist.

4. Leistungsniveau

Im Fach Deutsch haben wir zwei digitale Klassenarbeiten geschrieben: Die erste war im Grunde lediglich die digitale Abbildung einer analogen Arbeit (Analyse einer Kurzgeschichte), die zweite (Thema Medien, hier: Leitmedium Internet) bestand aus der Erstellung  und dem Vortrag einer 20-minütigen Präsentation sowie der schriftlichen Dokumentation und Reflexion des Arbeitsprozesses. Diese zweite KA war aufgeteilt in 13 (selbst gewählte bzw. vorgeschlagene) Unterthemen, die jeweils max. 2 Personen in einem vorgegebenen Zeitrahmen erarbeiteten. Beide Klassenarbeiten fielen durchschnittlich fast eine Note besser aus als alle anderen Deutsch-Arbeiten im vorherigen (analogen) Schuljahr. Abzüge in der Bewertung der zweiten KA ergaben sich fast ausschließlich durch fehlende Arbeitsorganisation, die in den Reflexionen erkannt und benannt wurden. Die Präsentationen offenbarten vielfältiges Hintergrundwissen, abgesehen von erworbener Medienkompetenz. Hier zwei Beispiele:

5. Medienkompetenz

Die für mich 2. große Überraschung: der rasche und deutliche Zuwachs an Medienkompetenz. Im August letzten Jahres zeigten sich deutliche Unterschiede innerhalb der Klasse hinsichtlich der Bedienung der Tablets, der Kenntnisse über die Arbeitsweisen, der Beherrschung von Programmen, etc.  Diese Unterschiede sind nun deutlich abgeschwächt: Jede/r ist nun in der Lage, das Tablet zielführend zu bedienen und Aufgaben sachgerecht zu bearbeiten. Besonders eindrucksvoll sind die gegenseitigen Hilfestellungen innerhalb der Gruppe, die  auch diejenigen, die vor 5 Monaten noch gar nichts mit dem Tablet anfangen konnten, schnell aufholen ließen. Ein weiterhin breiter Graben liegt zwischen der kleinen Gruppe derjenigen, die sich kritisch mit einzelnen Tools, sozialen Medien u.a. auseinandersetzen können und der Mehrheit, die noch sehr naiv und unkritisch damit umgeht.

6. Lehr-/Lern-Situation

Sie hat sich grundlegend verändert:  Ich setze den (z.B. zeitlichen) Rahmen, informiere über grundlegende Arbeitsweisen, spreche Themen und die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen ab. Dann beginnt eine vielgestaltige Arbeitsphase, in der die Schülerinnen und Schüler weitgehend eigenständig arbeiten. Ich stelle mich auf jede einzelne Situation ein, beantworte Fragen, gebe Tipps, korrigiere. Begleitet wird diese Phase von der Dokumentation des Arbeitsverlaufs und dessen ständiger Reflexion, sodass die Schülerinnen und Schüler sich nicht in den „unendlichen Weiten des Netzes“ verlieren, sondern ihren Arbeitsprozess kritisch im Auge behalten können. Zwar ähnelt der Projektcharakter dieser Phase der analogen Schule, er greift jedoch weit darüber hinaus: Das Internet ermöglicht z.B. die Kooperation und Kommunikation mit außerschulischen Partnern sowie den Zugriff auf gewaltige Wissensbestände und Recherchematerialien – den zielführenden Umgang damit gilt es hier einzuüben. Eine Herausforderung für diejenigen, die auch schon in der analogen Schule ihre Probleme damit hatten, sich selbst zu organisieren, zu disziplinieren und immer wieder einen (distanzierten) Blick auf den Stand ihrer Arbeit zu werfen.

dsc_5092Eine Chance jedoch für die Mehrheit, die sich, frei von standardisierten Erwartungen und einschränkenden Maßnahmen, in ihrem eigenen Lerntempo, auf sie interessierenden Lernwegen, inspiriert durch vielfältige Lernanreize (und in Kooperation mit einem Lernpartner) eigenständig und selbstverantwortlich ihrem Ziel annähern.

 

Ein anderes Beispiel aus dem Sport-Unterricht mag die erweiterten Möglichkeiten illustrieren: Während des Schwimmunterrichts  werden die Schülerinnen und Schüler beim Brustschwimmen gefilmt. Jede/r erhält anschließend das Video, das ihn/sie selbst zeigt. Verglichen mit einem Lehr-Video kann nun selbst erkannt werden, ob der eigene Schwimmstil in Ordnung oder noch verbesserungswürdig ist. Nach Aussagen der Schülerinnen und Schüler hat ihnen dieser Vergleich geholfen, eigene Stärken und Schwächen einzuschätzen. Die nachfolgende Schwimmprüfung fiel übrigens außerordentlich gut aus.

Wer möchte, kann auch im Video Einblicke in die Arbeit der Tabletklasse erhalten und sich Interviews mit Beteiligten anschauen.

7. Ausblick

In immer mehr Schulen wird darüber nachgedacht, wie man die Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen kann. Mit der Veranstaltung Schule.digital in den ersten Monaten dieses Jahres möchten wir einen Beitrag dazu leisten. In dieser Veranstaltung laden wir ein, einen Blick hinter die schulischen Kulissen zu werfen und sich mit interessierten und kompetenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auszutauschen und zu vernetzen. TN können Unterrichtsstunden der Tabletklasse besuchen und anschließend reflektieren, bevor unterschiedliche Sessions (Themen, Fragen, über die diskutiert, zu denen etwas präsentiert wird) angeboten werden.

 

Nach 4 Monaten…

… Arbeit in der Tabletklasse habe ich meine 8-er-Schüler  heute Morgen einmal um einen stichwortartigen Vergleich zwischen analoger und digitaler Schule  gebeten. (Die analoge erleben sie z.Zt. in 2 von 11 Schulfächern, nachdem sie 7 Schuljahre in ihr gelebt haben.)

Diese Auflistung sieht so aus:

Merkmale analoger und digitaler Schule

analog digital
Bücher sind meistens nicht mehr aktuell Man bekommt schnell aktuelle Informationen
Arbeit am selben Ort Gleichzeitige Arbeit an unterschiedlichen Orten am selben Dokument
Begrenzte Möglichkeiten Vielfalt
Tafeln, Kreide, Papier wird verschwendet Transparenz
Langweiliger Abwechslungsreicher Unterricht
Selbstständige Arbeit
Internet
Rechtschreibprüfung
Vorbereitung auf das Berufsleben
Mehr Kommunikation
Schneller Austausch von Informationen

 

 

Was läuft?

Viel. Sehr viel. Denn nachdem die erste Unterrichtsreihe lediglich die digitale Abbildung des analogen Lehrens/Lernens war, ist nun vieles anders:

  • wp_20161110_08_43_08_proSitzordnung: Während die „alte“, ein großes „U“, eine Klassen-Gesprächs-Atmosphäre unterstützen sollte, meist aber nur großes Schweigen produzierte, sitzen jetzt vier 6er-Teams an Gruppentischen, wo rege miteinander kommuniziert wird. Denn jeweils zwei Schüler, die nebeneinander sitzen und somit gegenseitig auf den anderen Bildschirm schauen können, arbeiten an einem Thema.
  • Kollaboration: Wir arbeiten auf einem Schul-Wiki, das die gemeinsame Arbeits-Plattform darstellt, die jede/r von überall und jederzeit erreichen kann. Über OneDrive oder unsere Schul-Cloud ist ebenso gemeinsames, z.T. gleichzeitiges Bearbeiten von Dokumenten möglich. Dies ist besonders im ländlichen Raum, wo Schüler nicht mal so eben mit der Straßenbahn zum Mitschüler fahren können, hilfreich.
  • Selbständiges Lernen: Jeweils 2 Schüler arbeiten zu einem Thema, das sie eigenständig recherchieren, aufbereiten, präsentieren und reflektieren. Diese Arbeitsform drängt sich momentan (Unterrichtsreihe „Medien/Leitmedium Internet“) geradezu auf.
  • Binnendifferenzierung: Die Schüler konnten sich die Themen frei wählen oder eigenständig vorschlagen. Unsere Auswahl:
    1. Soziale Netzwerke
    • WhatsApp
    • Facebook
    • YouTube
    • Twitter
    • Instagram
    1. Suchmaschinen (insbesondere Google) und deren Funktionen
    2. Blogs
    3. Internet und Sicherheit
    • Passwörter, Datenschutz, Cybermobbing
    • Sexting, Hatespeech
    1. Das Projekt Wikipedia
    2. Amazon
    3. Online-Wörterbücher
    4. Geschichte des Internet

Grundsätzlich kann man unschwer erkennen, dass sich das Lernen verändert: Allgemein gesprochen arbeiten nicht mehr alle zur selben Zeit am selben Inhalt mit demselben Ziel, sondern alle arbeiten in Teams an unterschiedlichen Bereichen eines Themas, auch außerhalb der Unterrichtszeiten z.B. mit Hilfe kollaborativer Tools. Die Motivation und Fokussierung der Schüler sind ungewöhnlich hoch, im Unterricht beobachte ich einen regen kommunikativen Austausch, die Rückmeldungen der Eltern sind größtenteils positiv.

Wie verändert sich das Lehren? Der Anteil der „Lernbegleitung“ wird größer: Ich gebe einen (möglichst großen) thematischen Rahmen vor, informiere über notwendige Arbeitsmethoden und Tools, dann beginnt die für mich stressigste (Kontrollverlust!) Phase der Arbeit an den Projekten. Ich beantworte Fragen, verschaffe mir einen Überblick, gebe Tipps. Zwischendurch richte ich Benutzerkonten (auf unserem Schulwiki) ein, strukturiere und korrigiere dort, gebe auch hier Tipps. Schließlich beginnt die Auswertungs-Phase: In 20-minütigen Vorträgen stellen die Schülerinnen und Schüler ihr Thema vor, anschließend soll der Arbeitsprozess schriftlich dokumentiert und reflektiert werden. Beide Teile werden bewertet und ergeben eine Note.

Im Grunde ist das Projektarbeit, also nichts Neues. Allerdings ergänzt um die Möglichkeiten des Internets, gemeinsames digitales Arbeiten (auch in Echtzeit) auf Internet-Plattformen. Dabei erweist sich das auf das schulische Umfeld zugeschnittene Wiki als sehr hilfreich.

Was mir hilft: Die Teilnahmen an Veranstaltungen, die sich um die sog. „digitale Bildung“ drehen, ermöglichen relativ leicht und schnell hilfreiche Kontakte, die anschließend (im Netz) gepflegt und ausgebaut werden können. Tabletklassen, zumal mit Windows-Tablets, erfordern zwar noch avantgardistische Pionierarbeit (in etwa 140 von ca. 35000 Schulen in D), dennoch gibt es Erfahrungen inspirierender Menschen, die schon mehrere Jahre diesen Weg gehen und jene gerne teilen.

Ich möchte schon jetzt nie mehr anders unterrichten.