Konsequenzen fürs Lernen und Lehren

Schon nach 4 Wochen Pilotprojekt Tabletklasse wird immer klarer, dass es nicht nur um die Ersetzung des Stifts durch die Tastatur gehen kann. Das Lernen selbst wird sich grundlegend verändern. Ebenso bereitet die Übersetzung des bisherigen Lehrens in die digitale Welt dem Lehrer immer mehr Kopfschmerzen: eine 1:1-Übertragung verzichtet auf alle zusätzlichen Möglichkeiten, die die digitale Lernumgebung mit sich bringt. Was entwickelt werden muss:

  • der lehrerzentrierte muss sich noch viel mehr zum lernerzentrierten Unterricht hin entwickeln
  • die Lernwege werden individueller
  • kooperative, ortsunabhängige Arbeitsformen erweitern die Lern- und Arbeitsmöglichkeiten
  • unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten innerhalb der Klasse ergänzen sich und werden ausgetauscht
  • Prüfungsformen werden vielfältiger
  • der Lehrer eröffnet Möglichkeiten – die Schülerinnen und Schüler finden eigene Wege
  • das Ziel kann sich verändern
  • alle Beteiligten lernen voneinander

Wie das ins bestehende System passt und wo neue Wege beschritten werden: Das wird sich zeigen.

Kooperatives Arbeiten auf einer Online-Plattform

Seit 3 Wochen sammeln wir Erfahrungen mit der gemeinsamen Arbeit an  Online-Dokumenten. Im Deutsch-Leistungskurs (Q 1) ging es zunächst um die Sammlung von Themenvorschlägen und Textintentionen zum Werk Büchners, Woyzeck. Im Deutsch-Grundkurs (Q 2) wurden Vor- und Nachteile von Anglizismen in der deutschen Sprache (in Gruppen) zusammengestellt und auf der Plattform formuliert. In beiden Kursen wurde sowohl im als auch außerhalb des Unterricht  gearbeitet, fast ausschließlich mit Handys. Daran schlossen sich jeweils Reflexions-Phasen der Schülerinnen und Schüler an, deren Inhalte ich hier wiedergebe:

  • Einfache und schnelle Bedienung
  • Ordnen und Korrigieren notwendig
  • Zahlreiche Ideen tragen gut dazu bei zentrale Aspekte zusammenzustellen
  • Beiträge bieten Hilfe bei Formulierungen und Verständnisproblemen
  • Wenn beispielsweise bei Hausaufgaben jemand alles schreibt, gibt es oftmals für andere nichts mehr hinzuzufügen
  • Die Online-Zusammenarbeit funktioniert gut und das gemeinsame Austauschen ebenfalls, jedoch finde ich auch dass man die Hausaufgaben schlecht mit Hilfe dieser Plattform bewerten kann, da  eigene Ideen zuvor schon von jemand anderem fixiert wurden, und da es auch einige gibt, die Probleme damit haben, überhaupt auf diese Seite zugreifen zu können
  • Vorteil, dass man auch mobil, also z.B. unterwegs, lernen kann und an keinen Ort gebunden ist
  • Die Plattform hat in jeder Hinsicht Vorteile. Dem Gegenargument, die Äußerung mancher Beiträge würden andere ausbremsen, kann ich nicht zustimmen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst
  • Gute Alternative zum Sammeln von Ergebnissen
  • Prinzipiell sinnvoll, um viele Informationen schnell zu verbreiten und zu sammeln, jedoch viel Aufwand, besonders zu Beginn, da sich eben doch nicht alle mit solchen Methoden auskennen/sich selbst einarbeiten können
  • Mit dieser Methode sammelt man ungefilterte Informationen, die präzisiert und korrigiert werden müssen
  • Gute Methode um Ergebnisse langfristig zu sichern; eine schnelle und einfache Reproduktion der Ergebnisse ist jederzeit möglich
  • Motivationsschub: Jedes Gruppenmitglied möchte schreiben!
  • Schnelles Sammeln von Infos, jedoch weniger Kommunikation
  • Zeitsparende Alternative, aber Stichpunkte müssen eventuell im Unterricht erläutert oder präzisiert werden, damit jeder weiß, was gemeint ist

Sie ist gerichtet! Ist gerettet! – Tablets im Deutschunterricht

Der nächste Versuch auf dem Weg einer Konzeptionierung zukünftiger Arbeit mit Tablets in der Schule:

Faust I ist Pflichtlektüre im Deutschunterricht der Q1. Im Leistungskurs sind die Schwierigkeiten mit der Analyse des Textes allgegenwärtig: Thematik und Sprache erweisen sich als sperrig, vorsichtig ausgedrückt. Am Ende der Unterrichtsreihe soll die Arbeit mit dem Tablet einen motivierenden Alternativzugang zum Text ermöglichen: Gestik und Mimik, Gruppendynamik  bringen das Textverständnis zum Ausdruck, als Ergänzung zur sprachlichen Formulierung.

In Gruppen werden Textauszüge selbständig ausgewählt und zunächst inhaltlich, sprachlich sowie formal analysiert. Daran anknüpfend soll ein dem Schwerpunkt des Textes angemessenes Standbild produziert, überarbeitet und optimiert werden. Die Auswertung der Standbilder findet schließlich im gesamten Kurs statt, indem die Bilder über Beamer auf eine weiße Wand (hier ein IWB, außerdem notwendig: WLAN oder Router, Apple TV o. Ä.) projiziert werden. Die Schüler erörtern die Gründe für ihre Gesten und den Bildaufbau vor der Gruppe. Die Ergebnisse sind ebenso auffällig gut wie die Motivation der Schüler hoch ist: Im anschließenden Reflexionsgespräch zeigen sich klare Vorstellungen der Schüler von den Vorteilen der Tablets (Optimierbarkeit und Reproduzierbarkeit der Standbilder, selbständige Erkenntnis eigener Verbesserungsmöglichkeiten durch  den Blick auf sich selbst, mediale Aufbereitung des Fotos). Hier das Ergebnis der Gruppe, die sich für die Schlussszene aus „Kerker“ entschieden hat:

Kerker[…]
Faust:
Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!
Margarete:
Tag! Ja, es wird Tag! der letzte Tag dringt herein;
Mein Hochzeittag sollt es sein!
Sag niemand, daß du schon bei Gretchen warst.
Weh meinem Kranze!
Es ist eben geschehn!
Wir werden uns wiedersehn;
Aber nicht beim Tanze.
Die Menge drängt sich, man hört sie nicht.
Der Platz, die Gassen
Können sie nicht fassen.
Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht.
Wie sie mich binden und packen!
Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt.
Schon zuckt nach jedem Nacken
Die Schärfe, die nach meinem zückt.
Stumm liegt die Welt wie das Grab!
Faust:
O wär ich nie geboren!
Mephistopheles (erscheint draußen) :
Auf! oder ihr seid verloren.
Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern!
Mein Pferde schaudern,
Der Morgen dämmert auf.
[…]
Margarete:
Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!
Mephistopheles (zu Faust):
Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.
Margarete:
Dein bin ich, Vater! Rette mich!
Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
Heinrich! Mir graut’s vor dir.
Mephistopheles:
Sie ist gerichtet!
Stimme (von oben):
Ist gerettet!

(aus J. W. v. Goethe: Faust I, VV. 4579 – 4612)

„Schule – noch kein Ort der Medienbildung“

Die Schulen sind eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Ihnen wird nahegelegt, dass sie in punkto Medienkompetenz Deutschland – im internationalen Vergleich – weniger zum Bildungs- als vielmehr zum Bildungskatastrophen-Standort machen. Die International Computer and Information Literacy Study (ICIL 2013), de­ren Ergebnisse im November 2014 vorgestellt wurden, erfasste die informations- und compu­terbezogenen Kompetenzen von Jugendlichen der 8. Klasse, Lehrkräften und Schulleitungen sowie die schulischen und außerschulischen Rahmenbedingungen ihres Kompetenzerwerbs in 21 Ländern. Bei vielen Ergebnissen des Ländervergleichs finden wir Deutschland im Mittelfeld oder auf den hinte­ren Plätzen. Die Jugendlichen hätten in Sachen Medienkompetenz deutlichen Nachholbedarf und fielen gegenüber Gleichaltrigen zum Bei­spiel aus Tschechien, Kanada, Polen, Südkorea, Dänemark oder den Niederlanden ab.

(aus: A. Lauber und M. Würfel: Entmutigende Medienkompetenzförderung?! In: merz 2/2015. S. 41.)

Stimmt das? M.E. ja. Wer vermittelt Medienkompetenz? Wenn überhaupt, eher die Peer-Group als die Schule. Meine Antwort als Lehrer darauf: „Learning by doing“ – Medienkompetenz erwerben durch Medienproduktion und deren kritische Reflexion. aktuelles LogoCa. 20 Schülerinnen und Schüler (jahrgangsstufenübergreifend) arbeiten in dieser AG, die sich in vier Arbeitsbereiche (Texte, Fotos, Videos, Audios) gliedert und die Produktion medialer Veröffentlichungen im Print- und Online-Bereich unterstützt. Die AG-Mitglieder produzieren Text- und Fotobeiträge für das Schul-Jahrbuch, für Presse- und Onlineveröffentlichungen sowie Audios und Videos, z.B. Interviews mit Hilfe der (technischen) Möglichkeiten, die insbesondere die „neuen“ Kommunikationsmedien bieten. Ihre Mitglieder sind entsprechend medial interessiert / kompetent und bilden sich im Bereich der (kritischen) Nutzung „neuer“ Medien fort. Sie lernen, Online-Tools zu nutzen und setzen sich kritisch mit ihnen auseinander.
Die engere Zusammenarbeit der Mitarbeiter findet in den jeweils einzelnen Arbeitsbereichen statt, für deren Organisation jeweils leitende Personen verantwortlich sind. Jeder besitzt einen eigenen Laptop oder Tablet-PC bzw. Fotoapparat, Videokamera, Mikrofon, entsprechende Hard- und Software (BYOD). Die Schule stellt zwei hochwertige DSLR inkl. Zubehör sowie Software und weitere technische Hilfsmittel zur Verfügung.
Die AG bzw. die Mitglieder der einzelnen Arbeitsbereiche treffen sich auf verschiedenen Ebenen:
innerhalb der Schule, in den jeweiligen Arbeitsbereichen kooperieren / diskutieren sie z.B. über soziale Netzwerke, z.B. WhatsApp bzw. Facebook, ggf. per Mail, Google Drive, usw. Die gesamte Gruppe trifft sich unregelmäßig zu Schulungen, die alle Arbeitsbereiche betreffen, z.B. zu den Themen Google Drive als gemeinsame Arbeitsplattform, Urheberrecht, Datenschutz, praktische Medienarbeit (Schreib-Workshops, Photoshop, YouTube). Auf diesem Weg gewinnen die Teilnehmer an Medienkompetenz, vermittelt durch das Arbeiten mit und Produzieren von Medien: Mediengestaltung verstehen und reflektieren. IST DAS DER (RICHTIGE) WEG?