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Digitale Prüfungsformen in der „analogen Schule“ sind möglich

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Viele Kolleginnen und Kollegen machen sich auf den Weg „zeitgemäßer Bildung“ und versuchen mit dem Einsatz digitaler Medien in der Schule ihre SchülerInnen auf die Anforderungen im Studium und im Beruf des 21. Jahrhunderts angemessen vorzubereiten. Das entspricht voll und ganz dem Bildungsauftrag der Schule.

Die Arbeitsweise „digitaler Schule“ und die momentan bestehenden Strukturen prallen oftmals dort aufeinander, wo der freie Gestaltungsraum der LehrerInnen geringer wird: in Klassenarbeiten und Klausuren. Wer regelmäßig digitale Medien (nicht nur) zur Recherche, sondern ebenso z. B. kollaborativ verwendet, wer das Internet als Wissensspeicher kritisch zu nutzen weiß, wer sich in einem Lernnetzwerk befindet, der sieht sich durch die klassischen Prüfungsformen (jeder für sich, ohne Internetzugang, mit Papier und Stift) zurückversetzt in eine Zeit und Lernkultur, die als überwunden galt.

Wie kann man nun trotzdem in dieser, für die meisten Kolleginnen und Kollegen alltäglich-realen Schulumwelt, digitale Prüfungsformen realisieren, um den pädagogischen Mehrwert „digitaler Schule“ auch in Klassenarbeiten bzw. Klausuren hinein zu tragen?

Seit fast zwei Jahren unterrichte ich meine Tabletklasse auch im Fach Deutsch, und seitdem habe ich ausschließlich digitale Klassenarbeiten geschrieben. Wir arbeiten auf einem Wiki, kollaborative Arbeitsformen sind den Schülerinnen und Schülern somit vertraut. Aus datenschutzrechtlichen Gründen muss eine Klassenarbeit/Klausur in einem nichtöffentlichen Raum stattfinden. Deshalb sende ich den SchülerInnen zu Beginn der Arbeitszeit alle nötigen Materialien per (vorbereiteter) Mail zu. Neben offenen Dateien gibt’s zusätzlich immer auch ein PDF, auf das im Notfall zurückgegriffen werden kann. Texte können wahlweise digital oder analog (bei einer Lektüre z.B. im Buch) bearbeitet werden.

In der 8. Klasse stand am Ende der Unterrichtsreihe zu Hermann Hesses „Unterm Rad“ folgende Klassenarbeit:

AUFGABEN:

  1. Welche Aspekte des Romans „Unterm Rad“ hältst du für aktuell? Zur Meinungsbildung kannst du sowohl den Roman als auch die Unterrichtsergebnisse auf dem Wiki zu Hilfe nehmen.
  2. Welche der folgenden Webseiten würdest du MitschülerInnen einer 8. Klasse zur Orientierung über den Roman (nicht) empfehlen? Wähle jeweils eine empfehlenswerte bzw. nicht empfehlenswerte aus und begründe deine Meinung:

2.1http://www.schultreff.de/referate/deutsch/r0820t00.htm

2.2 http://www.dieterwunderlich.de/Hesse_rad.htm#cont

2.3 http://www.lesekost.de/deutsch/nobel/HHLDN04.htm

2.4 http://www.neuewoertlichkeit.de/unterm-rad/

2.5 http://www.dw.shuttle.de/dw/kreisgymftldeu/deutsch2.htm

 

  1. Überarbeite deinen Text noch einmal sorgfältig.

Sende mir deine Lösung spätestens um 8.55 Uhr per Mail zu.

Was üblicherweise in Klassenarbeiten deutscher Gymnasien ausgespart bleibt (WLAN, Internet, Zugriff auf – auch von MitschülerInnen – in der UR Erarbeitetes, Medienkompetenzen zur kritischen Beurteilung von Webseiten), findet in dieser Prüfungsform seinen (während der Unterrichtsreihe vermittelten und geübten) Platz.

Nach meiner Korrektur (mit der Kommentarfunktion von Word bzw. LibreOffice) sende ich sie den SchülerInnen zu Beginn einer Präsenzstunde wieder per Mail zu.

Digitale Medien bieten zahlreiche Möglichkeiten der individuellen Förderung. Dies zeigt sich besonders in der Korrekturphase der Klassenarbeit/Klausur, die wiederum auf dem Wiki stattfindet.  Zunächst erstellt jede/r SchülerIn eine Statistik ihrer/seiner Fehler (nach Fehlerarten), sodass sie/er sprachliche Stärken und Schwächen unmittelbar reflektieren kann und abhängig davon anschließend ihre/seine persönlichen Schwächen mit interaktiven Übungen, die ich als Links zur Verfügung stelle, beheben kann. Im Extremfall ergibt sich hier eine Situation, in der jede/r SchülerIn ihren/seinen eigenen Lernweg verfolgt. Folgende Links (Übungen zur Rechtschreibung und Grammatik)

sind brauchbar:

https://www.learningsnacks.de/share/551/

http://bit.ly/2mJZfOG

http://www.online-lernen.levrai.de/index.htm

https://ivi-education.de/

 

Weiterhin wird die korrigierte Klassenarbeit auf das Wiki hochgeladen und hier (etwa vom Tischnachbarn) wiederum korrigiert, z. B. durch Fettmarkierung der (inhaltlichen und sprachlichen) Fehler. Nach einem erläuternden Gespräch darüber gilt das Feedback dem einzelnen Schüler als Grundlage zur erneuten Korrektur seines Textes. Ggf. erfolgt eine weitere Korrektur/ein weiteres Feedback, bis ein zufriedenstellender Erfolg erzielt ist.

 

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Die 1. digitale Klassenarbeit

 

Hoch konzentriert und fokussiert auf ihren Bildschirm arbeiten die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse während ihrer ersten digitalen Klassenarbeit. Dabei haben sie es mit einem eher klassischen Thema, der Analyse einer Kurzgeschichte, zu tun.

 

 

Die Aufgabe inkl. Text sendete ich ihnen im Klassenraum per Mail, ihre fertigen Arbeiten kommen auf demselben Weg zurück: alles problemlos.

Korrigiert habe ich mit der Kommentar-Funktion von WORD. Die Kommentare enthalten das klassische Fehlerzeichen.  Angefügt habe ich den Erwartungshorizont sowie die entsprechende (maximale und erreichte) Punktzahl. Trotz der Unterstützung durch Rechtschreib- und Grammatikprüfung ist die Fehlerzahl in den Arbeiten (im Vergleich zu früheren, analogen) meistens unverändert hoch. Wer z.B. Rechtschreib- und Kommaregeln beherrscht, kann sie eben auch mithilfe der Tastatur umsetzen (und umgekehrt). Das Ergebnis der Klassenarbeit ist (im Durchschnitt) etwas besser als früher.

Die Schüler erhalten ihre Arbeit in zwei Versionen zurück: ein PDF (zum Speichern) und eine offene, zu bearbeitende Datei.

Die Korrektur findet folgendermaßen statt: Mithilfe des Erwartungshorizonts sowie der Fehlerzeichen verbessern die Schüler eine Kopie der korrigierten Arbeit, sodass ein (möglichst) fehlerfreier Text entsteht, der dann in Partnerarbeit noch einmal durchgesehen und ggf. erneut überarbeitet wird.

Schülerstimmen:

Es macht mehr Spaß mit dem Tablet zu schreiben und es geht viel schneller. Außerdem wird einem ein Fehler viel schneller angezeigt und man kann ihn direkt verbessern. Wenn man ganz viele Fehler verbessert hat, sieht es trotzdem noch ordentlich aus. Man kann sich sehr gut auf seine Arbeit konzentrieren und wird nicht so schnell abgelenkt.

Ich fand die erste Arbeit mit den Tablets super, es war einfach zu schreiben, man hatte mehr Interesse an der Klassenarbeit und ich stand nicht besonders unter Druck. Es fühlte sich (für mich) an wie eine alltägliche Situation, da ich auch gerne am PC und Tablet arbeite und mich in solchen Situationen wohl fühle.