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Zeitgemäße Bildung: Warum Lernen ohne digitale Medien anachronistisch ist (2. Ent-grenzung)

Ent-grenzung

Die Arbeit mit dem Netz weitet das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für seine vielfältigen Möglichkeiten als „worldwide web“ und fördert somit den Blick über den Tellerrand und ermöglicht ein weltoffenes, aufgeklärtes Weltbild. (Dass es immer mehr gegenläufige,  ab-grenzende, z.B. nationalistische Tendenzen gibt, ist offensichtlich und ebenso Teil des Netzes. Umso mehr bedarf es hier der Wahrnehmung, Aufklärung und Diskussion.) Nach wie vor bietet das Netz die Möglichkeit weltweiter Verbindungen (in Echtzeit), die in der Schule auf vielfältige Weise realisiert werden können.

„Zur Zeit Gutenbergs entstand mit der Nutzung der typografischen Medien eine ideale Kommunikationsge­meinschaft, die sich selbst als deutsche Nation oder als ‚gemein‘ beschrieb. Der deutsche Nationalstaat einschließlich seiner bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen­den Vorläufer ist ein Kommunikationssystem auf ge­sellschaftlichem Spezifitätsniveau. Je stärker seine Sou­veränität wurde, desto klarer traten die Grenzen des Kommunikationsraums hervor – und die Möglichkei­ten der Ab- und Ausgrenzung von Kommunikatoren wuchsen.“ […]

Diese [digitalen Kommunikationsmittel] haben viele Mütter und Väter nicht nur in Europa, sondern mehr noch in den USA und weiteren Ländern. Sie haben keine besonderen Beziehungen zum Christentum; es sind fast globale und jedenfalls sä­kulare Technologien mit universellen digitalen Kodes.“  

„Und damit verlieren nicht nur alle Nationalsprachen an Bedeutung für die Kommunikation, sondern auch der nationale Kommunikationsraum verliert an Zu­sammenhalt. Die Schwächung der Bedeutung von Na­tionalsprachen trägt zur Erosion der Nationalstaaten als Kommunikationssystem bei. Wir erleben die Kehr­seite jener produktiven Symbiose von Sprachausbau und Nationenbildung, die von so vielen Gelehrten in der Neuzeit in Deutschland gefeiert wurde.“

„Der Punkt, an dem wir 2017 in Deutschland sind, ist der, dass zumin­dest keine Einigkeit mehr darüber besteht, ob es noch eine nationale Kommunikationsgemeinschaft gibt, ob sie anzustreben ist und wie andere Kommunikations­systeme auf gesellschaftlichem Spezifitätsniveau – d.h. auf dem Niveau ihrer sie kennzeichnenden Eigenschaf­ten – aussehen könnten […]“ (M. Giesecke)

Giesecke stellt die beiden Medienrevolutionen in diesem Punkt noch einmal  aussagekräftig gegenüber: Während die Gutenberg-Technologie den Nationalstaat beförderte, trägt das Netz zur Internationalisierung bei.

Konkret in der Schule umsetzbar ist sie z.B. durch Skype-Konferenzen mit der jeweiligen Partnerschule z.B. in den USA, Großbritannien oder in Frankreich. Auf diese Weise können die jeweiligen native speaker den Fremdsprachenunterricht  bereichern.

Eine andere Möglichkeit bietet „Mystery Skype“, das „weltweite Ratespiel, das Schülerinnen und Schüler begeistert. Spielerisch lernen sie Geografie und entdecken andere Kulturen, Sprachen sowie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Leben von Kindern auf der ganzen Welt“. Eine japanische Lehrerin, die mich über Twitter ansprach, verband sich (nach mehreren Vorgesprächen und technischen Proben) über Skype mit ihren Schülerinnen und Schülern mit meiner 9. Klasse. Ziel des Spiels ist es, den jeweiligen Aufenthaltsort der anderen Gruppe mit Hilfe von Ja-/Nein-Fragen herauszufinden. 30 Minuten dauerte es, bis meine Klasse den japanischen Ort erriet. Bis dahin wurde nach kurzer, scheuer Anfangsphase engagiert und extrem motiviert mit Atlanten, GoogleMaps, Wikipedia, usw. recherchiert, während andere sich mit der Übersetzung der Fragen ins Englische beschäftigten.
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Selten stand die intrinsische Motivation so sehr im Zentrum einer Stunde. Aus diesem Wettbewerb ergeben sich unter idealen Umständen weitere Kontakte,  umfangreicher vorbereitet, z.B. in den sprachlichen Fächern, ebenso in Erdkunde, Geschichte, Politik, usw.

Ich selbst werde demnächst mit meiner (neuen) Tabletklasse im Fach Katholische Religion von einem symbolträchtigen christlichen Ort aus mit der japanischen Gruppe „Mystery Skype“ spielen, bevor wir uns dann näher mit deren Religion beschäftigen.

 

 

 

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Zwei Welten

„Digitale Schule“ stellt Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer vor unerwartete Herausforderungen.

Dig.Schule

Die vielfältigen Möglichkeiten der Binnendifferenzierung in der „digitalen Schule“ fördern eigenständiges Lernen und die Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler für ihren Lernweg und Lernerfolg.  Unsere Arbeit auf einem Wiki setzt durch ihre Transparenz neue Maßstäbe im Vergleich zur „analogen Schule“ und ist für alle Beteiligten, die diese Arbeitsweise, die auf präziser Arbeitsorganisation, Verlässlichkeit, fairer Arbeitsteilung, Kooperation und Engagement beruht, aus der „analogen Schule“ nicht gewohnt sind, eine unerwartete Herausforderung. Besonders auffällig gestaltet sich diese Erfahrung bei Schülerinnen und Schülern, die nur zweitweise, z.B. in nur einem Fach,  mit digitalen Medien arbeiten. Während diese Herausforderungen spontan von etwa 25% erfolgreich gemeistert werden, ist die Mehrheit (bisher) nur ansatzweise in der Lage, diese neuen Arbeitsgrundlagen (und ihre Konsequenzen)  wahrzunehmen und erfolgreich in ihre Lernwelt zu integrieren.

War die „analoge Schule“ stets nur in der Lage, punktuelle Leistungsüberprüfungen einzuholen, ist die digitale Welt öffentlich für jeden jederzeit einsehbar.  Stand bisher die Lehrperson vorne und stellte gleiche Aufgaben für alle, ist jetzt mehr eigenverantwortliches Lernen möglich. Das bedeutet für viele einen kompletten Paradigmenwechsel vom fremdbestimmten geleitet Werden zu eigenverantwortlichem, selbst bestimmtem Lernen.

Diese Beobachtung lässt sich in gewissem Rahmen verallgemeinern: Sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet „digitale Schule“, recht verstanden (z. B. 4 K’s), die Veränderung der bisherigen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit.

Möchte man das? Wünscht man sich das? Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage nicht durch die Realitäten überholt werden wird. Aber eins scheint mir klar zu sein: Diejenigen, die sich in dieser „digitalen Umwelt“ auskennen und  deren Möglichkeiten als Chance betrachten, ihre Lern- und Arbeitsbedingungen unter modernen Bedingungen weiter zu entwickeln,  werden den anderen weit voraus sein: Ihnen stehen viele Türen offen.