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Kompetenzen von Lehrkräften für das Unterrichten mit digitalen Medien (Teil 1)

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Der lesenswerte Beitrag der Forschungsgruppe Lehrerbildung Digitaler Campus Bayern zum Thema listet einerseits die Schülerkompetenzen auf, die die Grundlagen für  „ein sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln in der medial geprägten Lebenswelt“  bilden („Medienbildung in der Schule“, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. März 2012, S. 3. Siehe ebenso „Bildung in der digitalen Welt – Strategie der Kultusministerkonferenz“ vom 8. Dezember 2016). Andererseits gibt der Beitrag einen Überblick über die daraus resultierenden Kompetenzen von Lehrkräften. Ohne die detaillierten Erläuterungen hier zu wiederholen, beschränke ich mich auf die zusammenfassende Übersicht:

Medienbezogene Lehrkompetenzen von Lehrkräften

Planung und Entwicklung

  • Planung des Einsatzes digitaler Medien
  • Gestaltung mediengestützter Lehr-Lernszenarien
  • Identifikation und Einbindung von Software und medientechnischen Optionen
  • Ermöglichung selbst bestimmter, kreativer und eigenaktiver Mediennutzung
  • Berücksichtigung medialer Erfahrungen der Schüler
  • Berücksichtigung medienrechtlicher und -ethischer Konzepte
  • Berücksichtigung motivationaler und emotionaler Faktoren
  • Entwicklung von Lehr-Lern-Arrangements zur Förderung von Reflexionsfähigkeit
  • Entwicklung von Lehr-Lern-Arrangements zur Förderung von Selbststeuerungskompetenz

Realisierung

  • Diagnose des aktuellen Kompetenzniveaus der Schülerinnen und Schüler
  • Feststellung der Effizienz und Effektivität digitaler Lehr-Lern-Arrangements
  • Förderung von Lernprozessen durch adaptive Unterstützung
  • Strategien zur Lösung typischer medientechnischer Probleme
  • Strategien zum Umgang mit medienbezogenen Verhaltensproblemen

Evaluation

  • Sammlung und Auswertung von Informationen zu Lernprozessen und Lernerfolg
  • Reflexion des Einsatzes digitaler Medien im Unterricht

Sharing

  • Strukturierte Beschreibung digitaler Lehr- und Lern-Arrangements
  • Kommunikation und Weitergabe digitaler Unterrichtsszenarien
  • Recherche, Beurteilung und Adaption fremder digitaler Unterrichtsszenarien

Wie können LehrerInnen diese Kompetenzen erwerben?

Die Ausgangssituationen sind vielfältig: KollegInnen, die sich seit Jahren selbstständig fort- und weitergebildet haben, stehen der großen Gruppe derer gegenüber, die – ähnlich wie die meisten SchülerInnen – u.a. über Anwendungskompetenzen im Bereich Social Media sowie über grundlegende Fähigkeiten z.B. in der Textverarbeitung verfügen.

Über kurz oder lang wird die Digitalisierung in ihrer Breite die Schulen erreichen, und eine Fort- und Weiterbildung der LehrerInnen wird, neben der technischen Ausstattung der Schulen, zentrales Thema werden. Welche Inhalte könnte diese Weiterbildung enthalten? Ich möchte an dieser Stelle in lockerer Folge auf einige aufmerksam machen.

  1. Das Persönliche Lernnetzwerk (PLN)

Jede/r Lehrerin, die sach- und fachgerecht mit digitalen Medien unterrichten möchte, sollte ihr/sein PLN entwickeln.  Solange  die Entwicklung „digitaler Schule“ an Einzelnen oder Wenigen je Schule hängt,  ist eine Vernetzung mit Gleichgesinnten wichtig, bereichernd und inspirierend. Recherche, Information, Kommunikation über Social Media (Facebook, Twitter)  ermöglichen neue Ideen, gegenseitige Unterstützung und Erfahrungsaustausch. Das PLN hilft, den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu weiten. Dadurch entstehen Kontakte, die in persönliche Beziehungen münden können, wenn man sich z.B. auf einschlägigen Veranstaltungen trifft.

Fünf für mich grundlegende Vor-Denker und -Arbeiter, von denen ich viel lernen durfte, sind:

Darüber hinaus sollte die/der LehrerIn sich möglichst täglich im Netz bewegen, um sich dort „auszukennen“. Das Internet sollte zum Leitmedium werden, seine unüberschaubare Größe sollte erfahrbar, Methoden zur Orientierung sollten eingeübt, Kenntnisse über seriöse / unseriöse Webseiten erworben und letztlich ein Gefühl für dieses dynamische Medium erlangt werden, das die nötige Sicherheit im Umgang damit im Unterricht gibt.

 

 

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Konsequenzen fürs Lernen und Lehren

Schon nach 4 Wochen Pilotprojekt Tabletklasse wird immer klarer, dass es nicht nur um die Ersetzung des Stifts durch die Tastatur gehen kann. Das Lernen selbst wird sich grundlegend verändern. Ebenso bereitet die Übersetzung des bisherigen Lehrens in die digitale Welt dem Lehrer immer mehr Kopfschmerzen: eine 1:1-Übertragung verzichtet auf alle zusätzlichen Möglichkeiten, die die digitale Lernumgebung mit sich bringt. Was entwickelt werden muss:

  • der lehrerzentrierte muss sich noch viel mehr zum lernerzentrierten Unterricht hin entwickeln
  • die Lernwege werden individueller
  • kooperative, ortsunabhängige Arbeitsformen erweitern die Lern- und Arbeitsmöglichkeiten
  • unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten innerhalb der Klasse ergänzen sich und werden ausgetauscht
  • Prüfungsformen werden vielfältiger
  • der Lehrer eröffnet Möglichkeiten – die Schülerinnen und Schüler finden eigene Wege
  • das Ziel kann sich verändern
  • alle Beteiligten lernen voneinander

Wie das ins bestehende System passt und wo neue Wege beschritten werden: Das wird sich zeigen.

Die ersten 10 Tage Tabletklasse…

… liegen hinter uns:

  • Hohe Erwartungen der Schülerinnen und Schüler, knisternde Spannung, volle Konzentration
  • Technisch stimmt der schulische Rahmen: Verbindungsmöglichkeiten aller Schüler über Beamer (Miracast) mit der Leinwand – Soundsystem – WLAN-Zugang – Verdunkelungsmöglichkeit
  • Wenige individuelle technische Probleme durch unterschiedlich geübte Schüler – schnell beginnt interne Teamarbeit und Unterstützung
  • Ich ertappe mich bei Anfänger-Fehlern: Die Stunden sind  überfrachtet, zu wenig didaktische Reduktion
  • Binnendifferenzierung verselbständigt sich durch individuelle  Lösungswege, z.B. bei Recherche-Aufgaben
  • Die Aufnahme eines Audios als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Kurzgeschichten“ (Kl. 8)  ermöglicht alternativen Zugang zum Text
  • Offline arbeiten mit LibreOffice oder online mit Word Mobile? Beides läuft gleichzeitig
  • Fokussierte Konzentration aller Schülerinnen und Schüler auf die Leinwand beim gemeinsamen Lesen eines Textes aus dem digitalen Schulbuch
  • Gemeinsames Arbeiten an einem Dokument
  • Schon jetzt zeigt sich: Noch mehr Konzentration und Ordnung als in der analogen Welt, übersichtliche Strukturen sind nötig, um fixierte Ergebnisse später auch wiederzufinden
  • Die Möglichkeit, Videos, Fotos mehrfach (gemeinsam und individuell) genau zu untersuchen, bewirkt detailliertere Wahrnehmungen
  • Alle Texte sind gut lesbar!

Lass das die Maschine machen!

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Welchen didaktischen Mehrwert hat die R- und Gr-Prüfung

eines Textverarbeitungs-Programms?

Der einer Hausaufgabe eines Siebtklässlers entnommene Satz, wie er oben zu sehen ist, bleibt im Allgemeinen so fehlerhaft. Es sei denn, eine rechtschreibkundige Person korrigiert ihn, was selten vorkommt.

Derselbe Satz digital formuliert, etwa mit LibreOffice, wird von der integrierten R- und Gr-Prüfung korrigiert, dem Schüler werden Vorschläge gemacht, aus denen er auswählen kann. Folgende 6 Arbeitsschritte bietet das Programm für diesen Satz an:

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2016-06-06 (3)

2016-06-06 (1)

2016-06-06 (2)

2016-06-06 (4)

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Von 9 Fehlern können in diesem Satz demnach – wenn der Schüler sich für die richtigen Varianten entscheidet – 5 korrigiert werden. Die Korrektur des 2. Fehlers ist falsch, 3 weitere Fehler werden vom Programm nicht erkannt.

Ist das jetzt ein Vorteil, verbirgt sich dahinter didaktischer Mehrwert? Ich meine: Ja! Immerhin kann ein Teil der Fehler korrigiert werden, der Schüler muss sich entscheiden – darin kann der Lernprozess bestehen. Die Alternative steht oben, im handgeschriebenen Satz.

Es ist viel passiert: Tablet-Projekt

Seit über einem halben Jahr arbeiten wir an der Erweiterung unseres Medienkonzepts: Die Zeit ist reif für unser erstes schulisches Tablet-Projekt, wir starten im nächsten Schuljahr.

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  • Das Konzept steht
  • Die Entscheidung für Windows ist gefallen
  • Das Elternvotum: einstimmig
  • Das Modell: TrekStor SurfTab duo W1 VolksTablet, 39343 (mit Tastatur), Windows 10
  • Schuleigene Cloud
  • WLAN-Anschluss und kabellose Verbindung mit dem Beamer
  • Unabhängigkeit – keine Verträge mit außerschulischen Firmen
  • Unterstützung durch die Schulleitung, enge Kooperation mit der Netzwerk-AG
  • Interessierte Lehrer im W-Team
Wir starten mit einer Klasse 8 (Gymnasium), alle Schüler kaufen sich ein und dasselbe Gerät selbst. Somit sind etwaige Garantieansprüche leichter realisierbar. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten mit demselben Gerät. Das Pilotprojekt dauert zwei Jahre – währenddessen werten wir intern den (vermuteten) didaktischen Mehrwert aus, um ihn anschließend grundlegend zu evaluieren. Am liebsten wäre mir hierzu noch eine außerschulische Institution. Gearbeitet wird mit dem Tablet in fast allen Fächern, aber nicht durchgängig. Heft/Stift werden nicht ausgetauscht, sondern ergänzt. Word, PowerPoint, Excel online, OneDrive und OneNote – neue Tools unserer schulischen Arbeit. Die Motivation ist sehr hoch, einige Schüler haben sich das Gerät schon vorab gekauft, um sich einzuarbeiten.
Die zwei Jahre der Pilotphase stelle ich mir äußerst spannend vor: Es wird ein Nehmen und Geben im Klassenraum, eine neue Art der Kooperation. Grundlegendes (Ordnung, Struktur) wird weiterhin fundamental bleiben, zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnen insbesondere Spielräume für individuelles Lernen, digitales Lernen wird alltäglich.

Copy, paste, remix and share???

Auszug aus einem Interview des Lehrers und Bloggers Torsten Larbig mit Spiegel Online (29/05/15):

SPIEGEL ONLINE: Die Methoden des Netzes werden gerne copy, paste, remix and share abgekürzt. Passt das zu dem alten Humboldt’schen Prinzip des tiefen Verstehens, auf dem besonders das Gymnasium fußt?
Larbig: Für mich ist das kein Widerspruch. Auch das wissenschaftliche Arbeiten, auf das Gymnasium und Abitur vorbereiten sollen, besteht darin, fremdes Wissen aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Digitalisierung macht diesen Prozess dynamischer, das heißt „Copy, paste, remix and share“ ist eine Weiterentwicklung bisheriger Arbeitsweisen.

Lieber Herr Larbig,

ich schätze Ihren Einsatz für die Digitalisierung der Schule sehr, mit dieser Äußerung haben Sie ihr aber einen Bärendienst erwiesen. Soeben korrigiere ich Deutsch-Klausuren 17-jähriger Schülerinnen und Schüler der Q1 (Gymnasium, NRW). Ich stelle fest – da ich dieses „Geschäft“ seit 25 Jahren betreibe, mit ein wenig Erfahrung – dass die sprachliche Ausdrucksfähigkeit vieler, nicht aller!, sich permanent verschlechtert. Probleme damit, sagen/schreiben zu können, was sie ggf. ausdrücken möchten, prägen den Schulalltag. Wir begegnen diesem Phänomen im Deutschunterricht u.a. mit Entschleunigung, im Extremen (z.B. der Lyrik-Analyse) mit der Konzentration auf das Wort, ja, den Buchstaben, den Klang. Das Zitieren einzelner Textstellen ist dabei zentral: Zunächst muss die Textstelle als bedeutsam erkannt, markiert und grammatisch korrekt in die eigene Analyse integriert werden, bevor sie ausgewertet wird. Diese Auswertung geschieht in unmittelbar persönlicher Auseinandersetzung mit der Textstelle, die einer Wechselwirkung zwischen Ich und Text gleichkommt. Diese (mitunter anstrengende) Auseinandersetzung muss (über Jahre) geübt, vertieft und dadurch kann Sprachfähigkeit geschult werden, um Menschen zu sich selbst und einem Verständnis der Welt zu führen (und letztlich über sich selbst hinauswachsen zu können).

lacoste1Copy and paste verführt den Schüler zur (unkritischen) Übernahme fremder Gedanken und Formulierungen. Es führt zu Oberflächlichkeiten und vorschnellen Zufriedenheiten angesichts einer Textmasse, die durch ihre Fülle rasch zu einer Schein-Zufriedenheit führt. Was wir brauchen, ist die Vermittlung der Fähigkeit KRITISCHEN DENKENS, die NUR IM EIGENEN KOPF gefördert werden kann. Sie ist grundlegende Voraussetzung nicht nur dafür, dass Schüler (später) nach Vertragsabschluss keine böse Überraschung erleben, falls die Waschmaschine statt des Autos geliefert wird, sondern ebenso fundamental für die digitale Kommunikation, bei der schon ein Klick weitreichende Konsequenzen haben kann.

Ich bin auch für die Digitalisierung der Schule, aber ohne die Lehrerinnen und Lehrer geht das nicht. Und die sind mit Copy, paste, remix und share verständlicherweise (!) nicht zu überzeugen.
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! (Kant) –  Ist das nicht schon fast 240 Jahre alt?