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Zeitgemäße Bildung: Warum Lernen ohne digitale Medien anachronistisch ist (1. Prozessorientierung)

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Niedrigschwelliger Beginn: Die Digitalisierung unserer Gesellschaft ist bereits fortgeschritten; trotzdem stehen wir erst am Anfang einer durchgreifenden Umwälzung aller gesellschaftlicher Bereiche, deren Auswirkungen vergleichbar sind mit denen der letzten Medienrevolution, der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg im 15. Jahrhundert.

„Das Internet und seine Nutzung ist vor allem für junge Menschen heute so selbstverständlich wie Essen, Trinken oder Schlafen.“  Dieser zentrale Satz aus der aktuellen JIM-Studie unterstreicht einerseits die Bedeutung des Netztes für die Jugendlichen und rückt das Medium andererseits in den Mittelpunkt schulischen Interesses. Ohne Übertreibung kann das Internet als LEITMEDIUM (i.S. von: das Medium, das die Jugendlichen am stärksten prägt) bezeichnet werden, auch wenn es für viele Lehrerinnen und Lehrer diesen Stellenwert noch nicht erreicht haben sollte.

„Ein Merkmal der Bildung, das nahezu allen modernen Bildungstheorien entnehmbar ist, lässt sich umschreiben als das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Bildung).

Es ist das Netz selbst, das unsere Welt und das (pluralistische) Mensch-Sein in ihr widerspiegelt. Souveräne Partizipation daran muss Teil schulischer Bildung sein, will sie die Gegenwart nicht ignorieren. Falls das digitale Medium in Schülerhand nur Stift und Papier ersetzt und somit „analoge Schule“ lediglich digitalisiert, bleiben seine eigentlich bedeutsamen Potenziale für die schulische und persönliche Bildung ungenutzt (vgl. SAMR-Modell ).

(Die folgenden Überlegungen wurden angeregt durch Grundzüge kulturvergleichender medialer Trendforschung – Von den nationalen Kommunikationsräumen des Buchdrucks zu den globalen Netzen der digitalen Medien von Michael Giesecke, in: LOG IN. Heft Nr. 187/188 (2017), S. 20-31 und Kultur der Digitalität von Felix Stalder, Berlin 2016).

Auf diesem Hintergrund möchte ich an einigen Punkten aufzeigen, warum ein zentrales Merkmal „digitaler Schule“ die Arbeit mit dem und die Reflexion über das Internet sein sollte, wenn Schule und zeitgemäße Bildung zusammengehören.

  1. Prozessorientierung

„Gutenbergs Technologie ist in ihrer Hardware und den ästhetischen Ansprüchen von Beginn an fertig und vollendet gewesen.“ – „Die neuen elektronischen Kommunikationsmedien sind unfertig auf die Welt gekommen, und man kann den Eindruck gewinnen, dass sie nie fertig wer­den, nicht hardwareseitig und erst recht nicht, was die Software angeht“. (M. Giesecke)

„Auch in der Alltagspraxis […] geht es nicht um Zeitlosigkeit, sondern darum, dass die etablierten Sinnzusammenhänge nach kurzer Zeit meist wieder obsolet geworden sind und sie deswegen kontinuierlich affirmiert, erweitert und verändert werden müssen, um das Feld, das sie definieren, relevant zu halten. Das verleiht der Referentialität einen performativen Charakter, der produktive und reproduktive Dimensionen zusammenführt.“ (F. Stalder)

Während u.a. das Schulbuch alter Prägung im 1. Jahr seiner Nutzung denselben Inhalt aufweist wie im 10. Jahr, ist das Netz andauernder Veränderung unterworfen. Diesen Prozess wahrzunehmen, zu begreifen, ihn, z.B. durch die Arbeit auf einem Wiki, selbst zu gestalten, ermöglicht Teilhabe, die zu souveränem und mündigem Verhalten im Netz führt. Die Kooperation auf einer gemeinsamen Plattform wie z.B. der eines Wikis ermöglicht gegenseitige Bezugnahme, Peer-Feedback, Kommentare, die dann zur Grundlage für die Weiterarbeit werden können. Auch die Gesamtstruktur des Wikis ist stetiger Veränderung unterworfen: Es wächst und erfordert weitere Strukturierungen, die die Schüler*innen live miterleben und selbst (mit-)gestalten können.

„Das »authentische Selbst« wird – anscheinend ganz klassisch – mit Referenz auf die Innenwelt, etwa das persönliche Gewissen, die persönlichen Interessen oder Begehren, entworfen. Diese Innenwelt als Kern der Persönlichkeit stellt jedoch nicht mehr ein unwandelbares Wesensmerkmal, sondern eine temporäre Position dar. Auch die radikale Neuerfindung kann heute als authentisch gelten.  […]  Auch wird keine Kohärenz des Kerns mehr verlangt. Es ist kein Widerspruch, in verschiedenen gemeinschaftlichen Formationen jeweils unterschiedlich als »ich selbst« aufzutauchen, denn jede Formation ist umfassend, das heißt die ganze Person ansprechend, und gleichzeitig partiell, weil nur auf ein bestimmtes Ziel und nicht auf alle Lebensbereiche hin ausgerichtet. Ähnlich wie beim Remix und anderen referentiellen Verfahren geht es hier nicht darum, Authentizität zu bewahren, sondern sie jeweils im Moment herzustellen. Über den Erfolg beziehungsweise Misserfolg dieser Anstrengungen entscheiden die anderen mittels kontinuierlichen Feedbacks. Ein Like nach dem anderen.“ (F. Stalder)

Der für Jugendliche alltägliche Kommunikationsfluss in Social Media (WhatsApp, Instagram, YouTube, Facebook) spiegelt genau die von Stalder analysierte Prozesshaftigkeit der (eigenen) Persönlichkeit in ihnen wider. Sie sollte somit (unverzichtbarer) Bestandteil des Unterrichts, der zur persönlichen Bildung durch Wahrnehmung und Reflexion dieser jeweiligen Spiegelungen des Selbst beiträgt, sein.

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Medienkompetenzen zertifizieren

Schule vermittelt Kompetenzen, bewertet und zertifiziert sie. Somit entsteht auch im Bereich „digitaler Schule“ die Notwendigkeit, die Medienkompetenzen der SchülerInnen  erkennen, bewerten und zertifizieren zu können.

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Vergleicht man die Medienkompetenzen solcher SchülerInnen mit denen derjenigen, die die herkömmliche „analoge Schule“ absolvieren, sind in den meisten Fällen deutliche Unterschiede festzustellen:  Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind diejenigen, die täglich mit dem Tablet (und dem Netz) arbeiten, jenen meilenweit voraus. Selbstverständlich sollten die betreffenden Kompetenzen auch zertifiziert (und beispielsweise dem Zeugnis beigefügt) werden.

Der lesenswerte Beitrag der Forschungsgruppe Lehrerbildung Digitaler Campus Bayern  listet die zu vermittelnden Schülerkompetenzen (inkl. anschaulicher Erläuterungen) klar und deutlich auf:

Zielkompetenzen

der Schülerinnen und Schüler

Bedienen und Anwenden

digitaler Medien

 

Suchen und Verarbeiten von Informationen

mithilfe digitaler Medien

 

Kommunizieren und Kooperieren

mit digitalen Medien

 

Produzieren und Präsentieren

mit digitalen Medien

 

Erkennen von Lernpotenzialen und Entwickeln von Lernstrategien

mit digitalen Medien

Erwerben und Anwenden von Wissen

über digitale Medien

Analysieren, Reflektieren und Diskutieren

über digitale Medien

 

Selbstreguliertes und verantwortungs-bewusstes Handeln

mit digitalen Medien

 

Um diese Kompetenzen differenziert vermitteln, erkennen und bewerten zu können, bedarf es selbstverständlich ihrer ebenso auf der Seite der LehrerInnen. Auch darauf geht der Beitrag dezidiert ein (ich komme später darauf zurück).

Da weit und breit diesbezügliche LehrerInnenfortbildung  nicht (oder kaum) stattfindet, haben wir jetzt schulintern damit begonnen.

Zwei Welten

„Digitale Schule“ stellt Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer vor unerwartete Herausforderungen.

Dig.Schule

Die vielfältigen Möglichkeiten der Binnendifferenzierung in der „digitalen Schule“ fördern eigenständiges Lernen und die Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler für ihren Lernweg und Lernerfolg.  Unsere Arbeit auf einem Wiki setzt durch ihre Transparenz neue Maßstäbe im Vergleich zur „analogen Schule“ und ist für alle Beteiligten, die diese Arbeitsweise, die auf präziser Arbeitsorganisation, Verlässlichkeit, fairer Arbeitsteilung, Kooperation und Engagement beruht, aus der „analogen Schule“ nicht gewohnt sind, eine unerwartete Herausforderung. Besonders auffällig gestaltet sich diese Erfahrung bei Schülerinnen und Schülern, die nur zweitweise, z.B. in nur einem Fach,  mit digitalen Medien arbeiten. Während diese Herausforderungen spontan von etwa 25% erfolgreich gemeistert werden, ist die Mehrheit (bisher) nur ansatzweise in der Lage, diese neuen Arbeitsgrundlagen (und ihre Konsequenzen)  wahrzunehmen und erfolgreich in ihre Lernwelt zu integrieren.

War die „analoge Schule“ stets nur in der Lage, punktuelle Leistungsüberprüfungen einzuholen, ist die digitale Welt öffentlich für jeden jederzeit einsehbar.  Stand bisher die Lehrperson vorne und stellte gleiche Aufgaben für alle, ist jetzt mehr eigenverantwortliches Lernen möglich. Das bedeutet für viele einen kompletten Paradigmenwechsel vom fremdbestimmten geleitet Werden zu eigenverantwortlichem, selbst bestimmtem Lernen.

Diese Beobachtung lässt sich in gewissem Rahmen verallgemeinern: Sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet „digitale Schule“, recht verstanden (z. B. 4 K’s), die Veränderung der bisherigen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit.

Möchte man das? Wünscht man sich das? Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage nicht durch die Realitäten überholt werden wird. Aber eins scheint mir klar zu sein: Diejenigen, die sich in dieser „digitalen Umwelt“ auskennen und  deren Möglichkeiten als Chance betrachten, ihre Lern- und Arbeitsbedingungen unter modernen Bedingungen weiter zu entwickeln,  werden den anderen weit voraus sein: Ihnen stehen viele Türen offen.

 

Was kommen muss: digitale Prüfungsformen

Einmal gesetzt den Fall, dass Prüfungsformen (wie z.B. Klassenarbeiten bzw. Klausuren) nicht generell abgeschafft werden, da zumindest ein großer Teil ihrer Zielsetzungen als relevant eingestuft wird: Jetzt ist es an der Zeit, digitale Prüfungsformen einzuführen.

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Mehr und mehr machen sich LehrerInnen auf den Weg der „digitalen Schule“ und unterrichten (wo es passt/überwiegend/ausschließlich) mit digitalen Medien. Im Unterricht (und außerunterrichtlich) werden also selbstverständlich z.B.:

  • Internetnutzung
  • Binnendifferenzierung
  • Kooperation/Kollaboration
  • Kommunikation

Meine 8. Klasse arbeitet seit Beginn des Schuljahrs in den meisten Fächern täglich mit Tablets (2-in-1-Geräte, BYOD). Im Klassenraum wird durch einen Access-Point WLAN hergestellt, die SchülerInnen können über einen Beamer ihr Display auf die große Leinwand projizieren, ein Soundsystem sorgt für guten Ton.

Im Fach Deutsch besprechen wir seit 4 Wochen Hesses „Unterm Rad“. Der Roman wurde kapitelweise mit Hilfe eines Lesetagebuchs bearbeitet, wobei den SchülerInnen unterschiedliche Aufgabenformate vorgelegt und mit unterschiedlichen Methoden gearbeitet wurde. So konnten sie in dieser Zeit u.a.

  • einzelne Kapitel kurz zusammenfassen oder nacherzählen
  • an geeigneten Stellen den Text verändern oder weiterschreiben
  • einen Brief an eine Person schreiben
  • aus der Sicht einer Person eine Tagebucheintragung formulieren
  • aufschreiben, was ihnen gut oder nicht so gut gefällt
  • aus einzelnen Textstellen eine kreativ gestaltete Geschichte (Video, Standbild, Audio, Foto, Collage, MindMap, Sway, usw.) entwerfen
  • ihren Text mit http://www.schreiblabor.com/ überprüfen lassen

Alle Produkte wurden auf unser Wiki hochgeladen, wo sie für jede/n jederzeit sicht- und rezipierbar sind. Schon zur Gewohnheit geworden ist uns dabei das Peer-Feedback: Jeder gibt seinem Tischnachbarn ein FB, dessen Kriterien von mir vorgegeben sind und das möglichst präzise und konkret formuliert sein soll, damit es Grundlage effizienter nochmaliger Überarbeitungen sein kann. Leicht erkennbar ist, dass uns wesentliche Merkmale digitaler Schule (s.o.) dabei zu ständigen Begleitern geworden sind.

Gerade im Falle dieser Unterrichtsreihe erübrigt sich m.E. eigentlich die an ihrem Ende obligatorische Klassenarbeit – das erarbeitete Lesetagebuch umfasst so viele Facetten der SchülerInnenleistungen, es könnte ohne weiteres als Lernportfolio die Klassenarbeit ersetzen.

Traditionelle Klassenarbeiten überprüfen u.a. die individuelle Lernleistung mit Hilfe meistens einer vorgegebenen Aufgabe in einer festgesetzten Zeit, die mit Stift und Papier und dem Hilfsmittel eines Wörterbuchs bearbeitet werden soll.  Die einschränkenden Anachronismen zur Arbeit in der digitalen Schule sind dabei mit Händen zu greifen, wenn man einmal die für die SchülerInnen in den letzten Wochen gewohnte Arbeit (s.o.)damit vergleicht.

Noch deutlicher werden die Differenzen beim Blick auf zentrale Abschlussprüfungen, z.B. das Zentralabitur: Ganz traditionell bilden sich hier die üblichen Prüfungsformen, unabhängig jeglichen Einsatzes digitaler Medien, überdeutlich als anachronistisch ab.

Es bedarf, wollen wir unsere SchülerInnen innerhalb der für die Notenvergabe  relevanten Prüfungssituationen nicht wieder in vorzeitige Rituale zurückversetzen, jetzt alternativer Prüfungsformen, die die für zeitgemäßes Lehren und Lernen angemessenen Grundlagen berücksichtigen und z.B. die o.g. Arbeitsmethoden integrieren. So ist z.B. vorstellbar, dass Klassenarbeiten ersetzt werden durch Lernportfolios (s.o.), dass kooperative Elemente integriert werden, dass das Internet (z.B. als Wissensspeicher) selbstverständlicher Bestandteil der Arbeit wird, dass Texte mit Bildern, Videos, Audios, Podcasts, Links usw. angereichert werden, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Webinhalten stattfindet. Erst dann können – neben dem Unterricht – auch die Prüfungsformate als zeitgemäß anerkannt werden.

Wo stehen wir? – Digitale Schule

Kürzlich ermöglichte ich einem Deutsch-Kurs, eine Hausaufgabe (Biografie eines Schriftstellers verfassen)  analog oder digital – gemeint war hier das Schreiben mit dem Stift oder mit der Tastatur – zu erstellen. Die digitale Version sollte zwei sachgerechte Links sowie ein YT-Video enthalten. Das Ergebnis war ernüchternd: Die digitalen Texte – etwa 20% des Kurses hatten sich dafür entschieden – enthielten größtenteils zusammengefügte Kopien (ohne sie als Zitate zu kennzeichnen), die „Links“ wurden als Quellenangaben missverstanden und, wie der Link zum YT-Video, ohne erkennbaren Zusammenhang, unvollständig und unmotiviert, unter den Text gesetzt.

Diese Ergebnisse hatte ich selbst mit zu verantworten: Die Schüler waren mit der Aufgabe überfordert, so etwas hatten sie in ihrer elfjährigen Schulzeit noch nicht leisten müssen. Das digitale Medium, das sie täglich begleitet, das Smartphone, nutzen sie als Kommunikationsmittel, auch YT-Videos werden damit angeschaut, ggf. im Netz gesurft und telefoniert. So gut wie unbekannt ist den Schülern das Gerät als Arbeitsmittel.

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In diesem Zusammenhang wurde mir aber bewusst, wie weit die Schüler der Tabletklasse (Jgst. 8)  nach einem halben Jahr „digitaler Schule“ bereits sind:

  • Ihnen ist bewusst, dass Zitate als solche gekennzeichnet werden müssen, sie haben Kenntnisse zum Urheberrecht erworben und wenden sie an
  • Sie mögen keine Plagiate, weil sie keinen eigenen Erkenntnisfortschritt bieten
  • Sie kennen die Funktion von Links als Querverweise und wissen sie größtenteils korrekt anzuwenden
  • Sie wählen den anzuzeigenden Text (über dem Link) sachgerecht
  • Sie erkennen die Textstellen, die sich zum Einfügen von Links (und YT-Videos) eignen
  • Die meisten von ihnen können seriöse, informative Quellen vom Gegenteil unterscheiden (Untersuchung des Inhalts, Impressum)
  • Sie wissen, wie man zielgerichtet recherchiert, auch nach brauchbaren YT-Videos
  • Sie können Links und Quellenangaben unterscheiden und auch letztere überwiegend korrekt formulieren

Das alles ist eigentlich gar nicht so viel und nur ein kleiner Ausschnitt unserer täglichen Arbeit, und dennoch sind sie den älteren, mit „digitaler Schule“ nicht vertrauten Schülern, um Längen voraus.

Mittlerweile sehe ich einen solchen Zuwachs an Lehr- und Lernpotential der „digitalen Schule“, dass ich selbst den noch immer rein „analog“ ausgerichteten Abschluss- und Abiturprüfungen gegenüber, denen sich diese Schüler werden stellen müssen,  sehr optimistisch bin: Natürlich werden sie all die Möglichkeiten, die sich ihnen jetzt bieten, nicht ausschöpfen können. Den bekannten und jahrelang eingeübten Anforderungen werden sie trotzdem gerecht werden. Gleichzeitig werden sie erfahren, welche Möglichkeiten „digitalisierte Umgebungen“ bieten und werden deren Gefahren gegenüber zukünftig gefeit sein.

Zwischenbilanz

Das Halbjahr neigt sich seinem Ende zu – Zeit, um nach fast 5 Monaten Unterricht (in 4 Fächern) in der  Tabletklasse  eine erste Bilanz zu ziehen und über den „didaktischen Mehrwert“ des digitalen Unterrichts zu reflektieren:

1. Transparenz

Sie hat mich selbst am meisten verwundert: Die Arbeit z.B. auf unserem Schulwiki ist „brutal“ transparent:  Dokumentationen, Reflexionen, usw.: Alles ist von jedem und jederzeit einsehbar. Das Heft (im Ranzen der analogen Schule) konnte, musste die Hausaufgabe aber nicht enthalten. Das blieb mindestens zeitweise verborgen. Von daher ist die digitale Schule „brutal“ transparent, denn auch die nicht erbrachten Leistungen werden schonungslos offengelegt. Wer seine Aufgaben nicht (termingerecht) erledigt, wird ebenso von allen wahrgenommen wie auch diejenigen, die sie gut oder besonders gut erledigen. Den 10% Schülerinnen und Schülern, die sich in die erste Kategorie einordnen und für die deshalb Schulerfolg in weitere Ferne rückt, stehen 90% gegenüber, die sich gegenseitig mitziehen. Die (offensichtliche) Tatsache, dass XY seine Aufgaben schon erledigt hat (und wie!), erinnert und motiviert andere ebenfalls dazu. Dabei tritt ein weiterer Effekt in Kraft: Aus dem bisher schon von anderen (und einsehbaren) Geleisteten kann ich selbst lernen, Impulse ableiten, Ideen gewinnen.

2. Kollaboration/Kommunikation

Womit ich beim 2. Punkt wäre. Als Schüler habe ich Gruppenarbeit nicht gerade gemocht: Meistens erledigte einer in der Gruppe die Arbeit für (fast) alle anderen, bewertet wurden aber alle gleich. Um dieser (auch aktuellen) Erfahrung entgegenzuwirken, bestehen die „Gruppen“ in der digitalen Schule aus 2 Personen, die nebeneinander sitzen und sich somit auf den Bildschirm schauen und miteinander reden können. Apropos: Die veränderte Sitzordnung im Raum führt zu lebhaften Gesprächen.

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Während in dieser von mir in der analogen Schule bevorzugten Sitzordnung („großes U“) in der Jgst. 8 meistens Schweigen herrschte …

 

 

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… löste es sich wie von selbst auf, als die Schüler an Gruppentischen miteinander arbeiteten – und sich intensiv austauschten!

 

Die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Projekt in der digitalen Schule geht weit über die in der analogen hinaus. Zahlreiche Tools (u.a. GoogleDocs, GooglePräsentationen) ermöglichen – das erweist sich gerade im ländlichen Raum als sehr vorteilhaft – zeitgleiches Arbeiten an unterschiedlichen Orten. Auch Gruppenarbeiten (am besten nicht mehr als 6 Personen, sonst wird es zu unübersichtlich) können so angefertigt und das Ergebnis kann (anschließend) projiziert werden. Ich habe mal drei Jungs aus der Klasse nach ihren Erfahrungen mit der Erstellung analoger und im Vergleich dazu digitaler MindMaps gefragt. Ihre Antworten beziehen sich u.a. auch auf die Möglichkeit der Kollaboration.

3. Motivation

Ich kenne keine Unterrichtsstörungen mehr: Seit Beginn des Schuljahres erlebe ich motivierte, konzentrierte und fokussierte Schülerinnen und Schüler. Vom Tablet geht eine ungeheure Faszination aus, die sich auf das weite, scheinbar unbegrenzte und zu entdeckende Land bezieht, zu dem es den Zugang gewährt. Manchmal muss ich einige aus ihrer Fokussierung lösen – es besteht durchaus die Gefahr, dass Mensch und Maschine verschmelzen, ohne noch den Nachbarn zu bemerken. Darauf habe ich z.B. mit den Arbeitsaufträgen für Paare reagiert, sodass ein reger Austausch einsetzte. Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass Motivation lernförderlich ist.

4. Leistungsniveau

Im Fach Deutsch haben wir zwei digitale Klassenarbeiten geschrieben: Die erste war im Grunde lediglich die digitale Abbildung einer analogen Arbeit (Analyse einer Kurzgeschichte), die zweite (Thema Medien, hier: Leitmedium Internet) bestand aus der Erstellung  und dem Vortrag einer 20-minütigen Präsentation sowie der schriftlichen Dokumentation und Reflexion des Arbeitsprozesses. Diese zweite KA war aufgeteilt in 13 (selbst gewählte bzw. vorgeschlagene) Unterthemen, die jeweils max. 2 Personen in einem vorgegebenen Zeitrahmen erarbeiteten. Beide Klassenarbeiten fielen durchschnittlich fast eine Note besser aus als alle anderen Deutsch-Arbeiten im vorherigen (analogen) Schuljahr. Abzüge in der Bewertung der zweiten KA ergaben sich fast ausschließlich durch fehlende Arbeitsorganisation, die in den Reflexionen erkannt und benannt wurden. Die Präsentationen offenbarten vielfältiges Hintergrundwissen, abgesehen von erworbener Medienkompetenz. Hier zwei Beispiele:

5. Medienkompetenz

Die für mich 2. große Überraschung: der rasche und deutliche Zuwachs an Medienkompetenz. Im August letzten Jahres zeigten sich deutliche Unterschiede innerhalb der Klasse hinsichtlich der Bedienung der Tablets, der Kenntnisse über die Arbeitsweisen, der Beherrschung von Programmen, etc.  Diese Unterschiede sind nun deutlich abgeschwächt: Jede/r ist nun in der Lage, das Tablet zielführend zu bedienen und Aufgaben sachgerecht zu bearbeiten. Besonders eindrucksvoll sind die gegenseitigen Hilfestellungen innerhalb der Gruppe, die  auch diejenigen, die vor 5 Monaten noch gar nichts mit dem Tablet anfangen konnten, schnell aufholen ließen. Ein weiterhin breiter Graben liegt zwischen der kleinen Gruppe derjenigen, die sich kritisch mit einzelnen Tools, sozialen Medien u.a. auseinandersetzen können und der Mehrheit, die noch sehr naiv und unkritisch damit umgeht.

6. Lehr-/Lern-Situation

Sie hat sich grundlegend verändert:  Ich setze den (z.B. zeitlichen) Rahmen, informiere über grundlegende Arbeitsweisen, spreche Themen und die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen ab. Dann beginnt eine vielgestaltige Arbeitsphase, in der die Schülerinnen und Schüler weitgehend eigenständig arbeiten. Ich stelle mich auf jede einzelne Situation ein, beantworte Fragen, gebe Tipps, korrigiere. Begleitet wird diese Phase von der Dokumentation des Arbeitsverlaufs und dessen ständiger Reflexion, sodass die Schülerinnen und Schüler sich nicht in den „unendlichen Weiten des Netzes“ verlieren, sondern ihren Arbeitsprozess kritisch im Auge behalten können. Zwar ähnelt der Projektcharakter dieser Phase der analogen Schule, er greift jedoch weit darüber hinaus: Das Internet ermöglicht z.B. die Kooperation und Kommunikation mit außerschulischen Partnern sowie den Zugriff auf gewaltige Wissensbestände und Recherchematerialien – den zielführenden Umgang damit gilt es hier einzuüben. Eine Herausforderung für diejenigen, die auch schon in der analogen Schule ihre Probleme damit hatten, sich selbst zu organisieren, zu disziplinieren und immer wieder einen (distanzierten) Blick auf den Stand ihrer Arbeit zu werfen.

dsc_5092Eine Chance jedoch für die Mehrheit, die sich, frei von standardisierten Erwartungen und einschränkenden Maßnahmen, in ihrem eigenen Lerntempo, auf sie interessierenden Lernwegen, inspiriert durch vielfältige Lernanreize (und in Kooperation mit einem Lernpartner) eigenständig und selbstverantwortlich ihrem Ziel annähern.

 

Ein anderes Beispiel aus dem Sport-Unterricht mag die erweiterten Möglichkeiten illustrieren: Während des Schwimmunterrichts  werden die Schülerinnen und Schüler beim Brustschwimmen gefilmt. Jede/r erhält anschließend das Video, das ihn/sie selbst zeigt. Verglichen mit einem Lehr-Video kann nun selbst erkannt werden, ob der eigene Schwimmstil in Ordnung oder noch verbesserungswürdig ist. Nach Aussagen der Schülerinnen und Schüler hat ihnen dieser Vergleich geholfen, eigene Stärken und Schwächen einzuschätzen. Die nachfolgende Schwimmprüfung fiel übrigens außerordentlich gut aus.

Wer möchte, kann auch im Video Einblicke in die Arbeit der Tabletklasse erhalten und sich Interviews mit Beteiligten anschauen.

7. Ausblick

In immer mehr Schulen wird darüber nachgedacht, wie man die Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen kann. Mit der Veranstaltung Schule.digital in den ersten Monaten dieses Jahres möchten wir einen Beitrag dazu leisten. In dieser Veranstaltung laden wir ein, einen Blick hinter die schulischen Kulissen zu werfen und sich mit interessierten und kompetenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auszutauschen und zu vernetzen. TN können Unterrichtsstunden der Tabletklasse besuchen und anschließend reflektieren, bevor unterschiedliche Sessions (Themen, Fragen, über die diskutiert, zu denen etwas präsentiert wird) angeboten werden.

 

Nach 4 Monaten…

… Arbeit in der Tabletklasse habe ich meine 8-er-Schüler  heute Morgen einmal um einen stichwortartigen Vergleich zwischen analoger und digitaler Schule  gebeten. (Die analoge erleben sie z.Zt. in 2 von 11 Schulfächern, nachdem sie 7 Schuljahre in ihr gelebt haben.)

Diese Auflistung sieht so aus:

Merkmale analoger und digitaler Schule

analog digital
Bücher sind meistens nicht mehr aktuell Man bekommt schnell aktuelle Informationen
Arbeit am selben Ort Gleichzeitige Arbeit an unterschiedlichen Orten am selben Dokument
Begrenzte Möglichkeiten Vielfalt
Tafeln, Kreide, Papier wird verschwendet Transparenz
Langweiliger Abwechslungsreicher Unterricht
Selbstständige Arbeit
Internet
Rechtschreibprüfung
Vorbereitung auf das Berufsleben
Mehr Kommunikation
Schneller Austausch von Informationen