Fangt einfach an! – Vom Smartphone zu Tabletklassen

In einem im Kölner Stadtanzeiger erschienenen Interview  bemüht sich der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, wie viele seiner KollegInnen seit Jahren, redlich auf dem Themengebiet des Einsatzes digitaler Medien, bleibt letztlich aber überraschend unsicher. Wir alle wissen, wie viel Zeit investiert werden muss, um sich auf diesem Gebiet souverän bewegen zu können. Gerade deshalb benötigen PolitikerInnen, die sicherlich nicht über diesen Zeitrahmen verfügen, kompetente BeraterInnen.

IMG_0124Abgesehen davon, dass es vielfach PolitikerInnen sind, die über die (technische) Ausstattung und somit die Schulentwicklung staatlicher Schulen entscheiden, geht es vielen LehrerInnen genau so: Die Digitalisierung schreitet voran, die Kultur der Digitalität bestimmt individuelles und gesellschaftliches Leben, und die persönliche „Auseinandersetzung“ mit dem Thema beschränkt sich oft auf die private Kommunikation über WhatsApp und ggf. Facebook.

Gleichzeitig sind mittlerweile alle unsere SchülerInnen mit dem Internet aufgewachsen – das Netz ist ihr selbstverständliches Leitmedium. Sollte es deshalb nicht das Anliegen jeder/jedes Lehrenden sein, sich in und mit diesem Medium auszukennen? Die Welt der SchülerInnen nicht zu kennen, bedeutet, sie auch im Unterricht nur noch schwer erreichen und verstehen zu können. (Das sagte mir im Übrigen schon vor 20 Jahren eine damals vor der Pensionierung stehende Kollegin, da ich mich beharrlich weigerte, PC und Internet im Unterricht einzusetzen – ein für mich wegweisender Hinweis.)

Einige Schulen sind, sowohl was die technische als auch die medienpädagogische Ausstattung und Weiterbildung angeht, voran geschritten. Selbst wenn der technische Rahmen stimmt, bedarf es darüberhinaus inhaltlicher, medienpädagogischer Fortbildungen, so dass die Potentiale digitaler Medien (u.a. Kooperation, Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken) ausgeschöpft werden können.

Die technische Ausstattung – von der medienpädagogischen Weiterbildung mal abgesehen – vieler anderer Schulen ist tief im letzten Jahrhundert stecken geblieben: Kreide, Tafel, Overheadprojektoren, CD-Spieler bestimmen das Bild. Manchmal auch White- oder Smartboards, dazu häufig Einzeltische bzw. Sitzreihen der/dem Lehrenden gegenüber. Wir alle kennen das.

Doch selbst in diesem Rahmen gibt es LehrerInnen, die einfach anfangen – und dazu möchte ich diejenigen, die Lust haben, den  Graben zwischen Lernen draußen und Lernen drinnen zu überspringen und digitale Medien in ihren Unterricht integrieren wollen, ermuntern:

FANGT EINFACH AN!

Und zwar mit den Smartphones der SchülerInnen. Selbst wenn kein WLAN vorhanden und nicht alle SchülerInnen bereit sind, ihr Datenvolumen zur Verfügung zu stellen: Einige sind es durchaus, und deren Handys können eingesetzt werden.

  1. Recherche

Die Biografie eines Schriftstellers, eine Wortbedeutung, die Einwohnerzahl eines Landes, usw.: Das Netz als Wissensspeicher, das Handy nicht nur als Spiel- und Kommunikationsgerät zu entdecken, kann ein erster Schritt sein. SchülerInnen erfahren zu lassen, wie aktuelle Informationen, z.B. über eben stattgefundene Landtagswahlen, im Netz aufzufinden sind, anschließende Quellenkritik – damit wäre schon ein weiterer Schritt getan. Anschließend könnte man z.B. differenzierte Suchstrategien besprechen.

2. Kooperation

Ebenfalls mit Schülerhandys lassen sich gemeinsame Dokumente, z.B. Texte (u.a. board.net) erstellen.

3. Feedback

Digitales Feedback ist, im Gegensatz zum analogen, einfach und schnell einzuholen und auszuwerten z.B. mit Mentimeter.

An unserer Schule haben wir zwei Jahre lang eine Tabletklasse (Jgst. 8/9) eingerichtet, um selbst Erfahrungen auf dem Gebiet des Einsatzes digitaler Medien zu sammeln. Jede/r SchülerIn arbeitete mit einem eigenen 2-in-1-Gerät, in der Schule und zu Hause.

Das Feedback der Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen fiel sehr überzeugend aus und ermutigte uns, weitere Schritte zu gehen und zusätzliche Tabletklassen einzurichten. Zukünftig werden sie flächendeckend ab der 8. Jgst. angeboten.

Schulexterne und (einjährige) -interne Fortbildungen vermitteln den KollegInnen die Kompetenzen, die sie zum Unterrichten in Tabletklassen benötigen.

Es ist eine Grundsatzfrage, ob und wann eine Diskussion zum Einsatz digitaler Medien im Kollegium stattfinden soll. Wir haben uns dafür entschieden, zunächst eigene Erfahrungen zu sammeln (s.o.), um dann auf deren Hintergrund argumentieren zu können.

Spätestens dann wird es Zeit, externe Unterstützung (z.B. Medienberater, Fachwissenschaftler, fachkundige, erfahrene KollegInnen) in die Schule einzuladen. Um den gesamten Prozess auf mehrere Schultern zu verteilen und dadurch zu einem Gesamtkonzept für die Schule zu gelangen, ist es darüber hinaus wichtig, fachlichen Input (fachbezogene oder fächerübergreifende Fortbildungen) für die weitere Schulentwicklung auf diesem Gebiet durchzuführen. Hier bieten sich z.B. ein Vortrag mit anschließender Diskussion, Barcamp-Sessions erfahrener KollegInnen, die anderen digitale Tools vorstellen, o.Ä. an.

1. Schritt in Richtung Medienscouts

Welches Konzept eignet sich am besten zur Förderung der Medienkompetenz möglichst vieler Schülerinnen und Schüler? Welcher renommierte Partner bietet ein solches Konzept für unsere Schule (Gymnasium NRW, kirchlicher Schulträger, ländliche Region, ca. 1000 Schüler) an? Diese Frage beschäftigte mich während der Sommerferien. Überzeugt hat mich letztlich der Peer-to-Peer-Ansatz des LfM-Projekts Medienscouts NRW:

http://www.medienscouts-nrw.de/

Die Schüler als Ansprechpersonen in Sachen Medien auszubilden, scheint mir vielversprechender als eine (die Beteiligten verpflichtende) Implementation ins schulinterne Curriculum, wie sie andere  Projekte vorsehen. Die technischen und personellen Voraussetzungen sind vorhanden, sodass der 1. Workshop zum Thema „Internet und Sicherheit“ an einem freien Samstag von 9 – 16.00 Uhr in der Schule stattfinden konnte. 12 Teilnehmer – Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7-11 – brachten ihr eigenes Equipment (Laptop/Tablet und Handys) mit – vorteilhaft insbesondere, weil die Arbeit mit dem eigenen Gerät somit ganz automatisch nicht nur dem (gewohnten) Konsumieren, sondern auch der Einübung ins Produzieren diente. Gespannt und freudig erwartend waren alle gekommen, daran änderte auch die Schulumgebung und der WS-Leiter, der einigen auch als Lehrer bekannt ist, nichts.

Nachdem der einleitende Film mit den Aufgaben eines Medienscouts vertraut gemacht hatte, breitete sich Unsicherheit aus: „Wir sollen Ansprechpersonen sein für die ganze Schule? Wie soll das gehen?“

Die Erarbeitung der Themen, u.a. Technischer Schutz, Passwörter, Mail / Spam, Wikipedia, Datenschutz / Privatsphäre, Chat, YouTube, Werbung / Abzocke, Pornografie und Urheberrecht, geschah in Kleingruppen und oftmals arbeitsteilig, verbaler Austausch war selbstverständlich, Unterstützung über Altersgrenzen hinweg (in beide Richtungen) wohltuend und effizient. Zwei Personen hatten technische Schwierigkeiten.Auch ihnen wurde wie selbstverständlich geholfen.

DSC_0539 Kern des Workshops stellte die Vorbereitung der Präsentationen der einzelnen Gruppen dar. Den Vorschlag im Arbeitsmaterial, analoge Plakate zu erstellen, ersetzte ich kopfschüttelnd durch die digitale Variante. Das ansonsten akribisch vorbereitete und sehr detaillierte Material bedarf bezgl. des Lehrerhandbuchs „Knowhow für junge User“ nach 8 Jahren (!) unbedingt einer Auffrischung – die ist aber, laut Auskunft von Klicksafe, für den Herbst vorgesehen. Die Organisation der Arbeit in den Gruppen verlief m.E., im Vergleich mit „normalem Unterricht“, reibungsloser und selbstverständliicher.  Gearbeitet wurde fast ausschließlich mit den digitalen Dateien der Medienscouts-Webseite, die ebenso zur Verfügung gestellten Ausdrucke erwiesen sich als überflüssig. Gruppendynamisch stellte sich rasch jahrgangsstufenübergreifend eine offene und freundliche Atmosphäre ein.

Die Auswertung der 12 Sachthemen war ergiebig, aber auch sehr umfassend und daher anstrengend. DSC_0579Letztlich kann es aufgrund der Fülle der zu behandelnden Themenbereiche wohl nur auf „Experten-Medienscouts“, die sich in jeweils einem Themenfeld gut auskennen, hinauslaufen.

Und die für diese Themen dann Ansprechpersonen sind bzw. selbst ausbilden können. Bis dahin bedarf es sicherlich einer permanenten Vertiefung und Weiterbildung innerhalb der Themen.

Das Feedback sieht folgendermaßen aus: 45% bewerten den WS mit sehr gut, 27% jeweils mit sehr gut-gut bzw. gut. Damit bin ich zufrieden und freue mich auf den nächsten Workshop zum Thema „Social communities“, der mir besonders am Herzen liegt.

02