Nach 4 Monaten…

… Arbeit in der Tabletklasse habe ich meine 8-er-Schüler  heute Morgen einmal um einen stichwortartigen Vergleich zwischen analoger und digitaler Schule  gebeten. (Die analoge erleben sie z.Zt. in 2 von 11 Schulfächern, nachdem sie 7 Schuljahre in ihr gelebt haben.)

Diese Auflistung sieht so aus:

Merkmale analoger und digitaler Schule

analog digital
Bücher sind meistens nicht mehr aktuell Man bekommt schnell aktuelle Informationen
Arbeit am selben Ort Gleichzeitige Arbeit an unterschiedlichen Orten am selben Dokument
Begrenzte Möglichkeiten Vielfalt
Tafeln, Kreide, Papier wird verschwendet Transparenz
Langweiliger Abwechslungsreicher Unterricht
Selbstständige Arbeit
Internet
Rechtschreibprüfung
Vorbereitung auf das Berufsleben
Mehr Kommunikation
Schneller Austausch von Informationen

 

 

Grundlage des Erfolgs

Einerseits arbeiten die Schüler während der Unterrichtsphasen (und darüber hinaus) selbständig und differenziert, was einen, im Vergleich zum linear-analogen Unterricht, deutlichen Kontrollverlust des Lehrers bewirken kann. Andererseits sorgen gemeinsame (Internet-)Plattformen, kollaborative Tools und geteilte Ordner für ständige Transparenz. War das geschlossene Heft im Ranzen für niemanden sichtbar – nur der Schüler wusste, was es (nicht) enthielt- ist seine Arbeit nun für alle, somit auch den Lehrer, permanent einsehbar. Diese Transparenz schafft für alle Beteiligten größtmögliche Offenheit (und Gerechtigkeit). Die Schüler informieren sich über die Arbeitsweise, den Arbeitsprozess anderer, sie tauschen sich darüber aus und erhalten  Impulse für die eigene Arbeit. Lücken, Fehler, Unerledigtes wird aber ebenso gnadenlos offenbar.

Schon jetzt zeichnet sich ab: Diejenigen, die auch in der „analogen Schule“ organisiert arbeiteten, sind auch jetzt in der Lage, ihre Arbeit zu strukturieren, Ordnersysteme anzulegen usw. Diejenigen (ca. 10%), denen dies auch bisher nicht gelang, fallen durch die o.g. Transparenz deutlich mehr auf. Beide erhalten schneller ein klares, zeitnahes Feedback.

Fundamentale  Voraussetzung fürs erfolgreiche digitale (Lehren und) Lernen ist deshalb die Fähigkeit, seine Arbeit übersichtlich zu strukturieren. Ihr zugrunde liegt eine Arbeitshaltung, die (schon während der ersten Schuljahre) eingeübt werden muss. Und zwar zu Hause und in der Schule. Beide Lernorte müssen den jeweiligen Rahmen dafür schaffen.

 

Was läuft?

Viel. Sehr viel. Denn nachdem die erste Unterrichtsreihe lediglich die digitale Abbildung des analogen Lehrens/Lernens war, ist nun vieles anders:

  • wp_20161110_08_43_08_proSitzordnung: Während die „alte“, ein großes „U“, eine Klassen-Gesprächs-Atmosphäre unterstützen sollte, meist aber nur großes Schweigen produzierte, sitzen jetzt vier 6er-Teams an Gruppentischen, wo rege miteinander kommuniziert wird. Denn jeweils zwei Schüler, die nebeneinander sitzen und somit gegenseitig auf den anderen Bildschirm schauen können, arbeiten an einem Thema.
  • Kollaboration: Wir arbeiten auf einem Schul-Wiki, das die gemeinsame Arbeits-Plattform darstellt, die jede/r von überall und jederzeit erreichen kann. Über OneDrive oder unsere Schul-Cloud ist ebenso gemeinsames, z.T. gleichzeitiges Bearbeiten von Dokumenten möglich. Dies ist besonders im ländlichen Raum, wo Schüler nicht mal so eben mit der Straßenbahn zum Mitschüler fahren können, hilfreich.
  • Selbständiges Lernen: Jeweils 2 Schüler arbeiten zu einem Thema, das sie eigenständig recherchieren, aufbereiten, präsentieren und reflektieren. Diese Arbeitsform drängt sich momentan (Unterrichtsreihe „Medien/Leitmedium Internet“) geradezu auf.
  • Binnendifferenzierung: Die Schüler konnten sich die Themen frei wählen oder eigenständig vorschlagen. Unsere Auswahl:
    1. Soziale Netzwerke
    • WhatsApp
    • Facebook
    • YouTube
    • Twitter
    • Instagram
    1. Suchmaschinen (insbesondere Google) und deren Funktionen
    2. Blogs
    3. Internet und Sicherheit
    • Passwörter, Datenschutz, Cybermobbing
    • Sexting, Hatespeech
    1. Das Projekt Wikipedia
    2. Amazon
    3. Online-Wörterbücher
    4. Geschichte des Internet

Grundsätzlich kann man unschwer erkennen, dass sich das Lernen verändert: Allgemein gesprochen arbeiten nicht mehr alle zur selben Zeit am selben Inhalt mit demselben Ziel, sondern alle arbeiten in Teams an unterschiedlichen Bereichen eines Themas, auch außerhalb der Unterrichtszeiten z.B. mit Hilfe kollaborativer Tools. Die Motivation und Fokussierung der Schüler sind ungewöhnlich hoch, im Unterricht beobachte ich einen regen kommunikativen Austausch, die Rückmeldungen der Eltern sind größtenteils positiv.

Wie verändert sich das Lehren? Der Anteil der „Lernbegleitung“ wird größer: Ich gebe einen (möglichst großen) thematischen Rahmen vor, informiere über notwendige Arbeitsmethoden und Tools, dann beginnt die für mich stressigste (Kontrollverlust!) Phase der Arbeit an den Projekten. Ich beantworte Fragen, verschaffe mir einen Überblick, gebe Tipps. Zwischendurch richte ich Benutzerkonten (auf unserem Schulwiki) ein, strukturiere und korrigiere dort, gebe auch hier Tipps. Schließlich beginnt die Auswertungs-Phase: In 20-minütigen Vorträgen stellen die Schülerinnen und Schüler ihr Thema vor, anschließend soll der Arbeitsprozess schriftlich dokumentiert und reflektiert werden. Beide Teile werden bewertet und ergeben eine Note.

Im Grunde ist das Projektarbeit, also nichts Neues. Allerdings ergänzt um die Möglichkeiten des Internets, gemeinsames digitales Arbeiten (auch in Echtzeit) auf Internet-Plattformen. Dabei erweist sich das auf das schulische Umfeld zugeschnittene Wiki als sehr hilfreich.

Was mir hilft: Die Teilnahmen an Veranstaltungen, die sich um die sog. „digitale Bildung“ drehen, ermöglichen relativ leicht und schnell hilfreiche Kontakte, die anschließend (im Netz) gepflegt und ausgebaut werden können. Tabletklassen, zumal mit Windows-Tablets, erfordern zwar noch avantgardistische Pionierarbeit (in etwa 140 von ca. 35000 Schulen in D), dennoch gibt es Erfahrungen inspirierender Menschen, die schon mehrere Jahre diesen Weg gehen und jene gerne teilen.

Ich möchte schon jetzt nie mehr anders unterrichten.

 

 

 

 

Die 1. digitale Klassenarbeit

 

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Gib eine Beschriftung ein

Hoch konzentriert und fokussiert auf ihren Bildschirm arbeiten die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse während ihrer ersten digitalen Klassenarbeit. Dabei haben sie es mit einem eher klassischen Thema, der Analyse einer Kurzgeschichte, zu tun.

 

 

Die Aufgabe inkl. Text sendete ich ihnen im Klassenraum per Mail, ihre fertigen Arbeiten kommen auf demselben Weg zurück: alles problemlos.

Korrigiert habe ich mit der Kommentar-Funktion von WORD. Die Kommentare enthalten das klassische Fehlerzeichen.  Angefügt habe ich den Erwartungshorizont sowie die entsprechende (maximale und erreichte) Punktzahl. Trotz der Unterstützung durch Rechtschreib- und Grammatikprüfung ist die Fehlerzahl in den Arbeiten (im Vergleich zu früheren, analogen) meistens unverändert hoch. Wer z.B. Rechtschreib- und Kommaregeln beherrscht, kann sie eben auch mithilfe der Tastatur umsetzen (und umgekehrt). Das Ergebnis der Klassenarbeit ist (im Durchschnitt) etwas besser als früher.

Die Schüler erhalten ihre Arbeit in zwei Versionen zurück: ein PDF (zum Speichern) und eine offene, zu bearbeitende Datei.

Die Korrektur findet folgendermaßen statt: Mithilfe des Erwartungshorizonts sowie der Fehlerzeichen verbessern die Schüler eine Kopie der korrigierten Arbeit, sodass ein (möglichst) fehlerfreier Text entsteht, der dann in Partnerarbeit noch einmal durchgesehen und ggf. erneut überarbeitet wird.

Schülerstimmen:

Es macht mehr Spaß mit dem Tablet zu schreiben und es geht viel schneller. Außerdem wird einem ein Fehler viel schneller angezeigt und man kann ihn direkt verbessern. Wenn man ganz viele Fehler verbessert hat, sieht es trotzdem noch ordentlich aus. Man kann sich sehr gut auf seine Arbeit konzentrieren und wird nicht so schnell abgelenkt.

Ich fand die erste Arbeit mit den Tablets super, es war einfach zu schreiben, man hatte mehr Interesse an der Klassenarbeit und ich stand nicht besonders unter Druck. Es fühlte sich (für mich) an wie eine alltägliche Situation, da ich auch gerne am PC und Tablet arbeite und mich in solchen Situationen wohl fühle.

 

 

 

Konsequenzen fürs Lernen und Lehren

Schon nach 4 Wochen Pilotprojekt Tabletklasse wird immer klarer, dass es nicht nur um die Ersetzung des Stifts durch die Tastatur gehen kann. Das Lernen selbst wird sich grundlegend verändern. Ebenso bereitet die Übersetzung des bisherigen Lehrens in die digitale Welt dem Lehrer immer mehr Kopfschmerzen: eine 1:1-Übertragung verzichtet auf alle zusätzlichen Möglichkeiten, die die digitale Lernumgebung mit sich bringt. Was entwickelt werden muss:

  • der lehrerzentrierte muss sich noch viel mehr zum lernerzentrierten Unterricht hin entwickeln
  • die Lernwege werden individueller
  • kooperative, ortsunabhängige Arbeitsformen erweitern die Lern- und Arbeitsmöglichkeiten
  • unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten innerhalb der Klasse ergänzen sich und werden ausgetauscht
  • Prüfungsformen werden vielfältiger
  • der Lehrer eröffnet Möglichkeiten – die Schülerinnen und Schüler finden eigene Wege
  • das Ziel kann sich verändern
  • alle Beteiligten lernen voneinander

Wie das ins bestehende System passt und wo neue Wege beschritten werden: Das wird sich zeigen.

Die ersten 10 Tage Tabletklasse…

… liegen hinter uns:

  • Hohe Erwartungen der Schülerinnen und Schüler, knisternde Spannung, volle Konzentration
  • Technisch stimmt der schulische Rahmen: Verbindungsmöglichkeiten aller Schüler über Beamer (Miracast) mit der Leinwand – Soundsystem – WLAN-Zugang – Verdunkelungsmöglichkeit
  • Wenige individuelle technische Probleme durch unterschiedlich geübte Schüler – schnell beginnt interne Teamarbeit und Unterstützung
  • Ich ertappe mich bei Anfänger-Fehlern: Die Stunden sind  überfrachtet, zu wenig didaktische Reduktion
  • Binnendifferenzierung verselbständigt sich durch individuelle  Lösungswege, z.B. bei Recherche-Aufgaben
  • Die Aufnahme eines Audios als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Kurzgeschichten“ (Kl. 8)  ermöglicht alternativen Zugang zum Text
  • Offline arbeiten mit LibreOffice oder online mit Word Mobile? Beides läuft gleichzeitig
  • Fokussierte Konzentration aller Schülerinnen und Schüler auf die Leinwand beim gemeinsamen Lesen eines Textes aus dem digitalen Schulbuch
  • Gemeinsames Arbeiten an einem Dokument
  • Schon jetzt zeigt sich: Noch mehr Konzentration und Ordnung als in der analogen Welt, übersichtliche Strukturen sind nötig, um fixierte Ergebnisse später auch wiederzufinden
  • Die Möglichkeit, Videos, Fotos mehrfach (gemeinsam und individuell) genau zu untersuchen, bewirkt detailliertere Wahrnehmungen
  • Alle Texte sind gut lesbar!

Mehr Medienkompetenz als gedacht

In der letzten Deutsch-Stunde (Kl. 7) haben Gruppen zu vier Schülern jeweils ein Standbild erstellt. Grundlage war die Lektüre „Die Welle“ von Morton Rhue. Eine vorgegebene, 3-seitige Textstelle war bearbeitet und inhaltlich besprochen worden, die Schülergruppen hatten sich für die Darstellung unterschiedlicher Szenen auf einem Standbild entschieden.  Wie in allen bisherigen Unterrichtsstunden, in denen das Tablet eingesetzt wurde, waren Konzentration und Motivation außerordentlich hoch und dicht. Die Reflexionsphase am Ende der Doppelstunde brachte folgende Ergebnisse:

Was haben wir gelernt?

  • sich zu organisieren
  • Ideen zu diskutieren
  • dass man durch veränderte Mimik und Gestik ein ganzes Bild verändern kann
  • dass der Hintergrund zum Geschehen passen muss
  • dass jede Rolle wichtig ist
  • dass jeder seine eigene Art hat, Dinge umzusetzen
  • dass man die richtige Perspektive finden muss
  • dass man für das perfekte Bild mehrere Versuche benötigt
  • dass Zusammenarbeit wichtig ist
  • dass Kritik das Bild verbessern kann

Zu meiner Überraschung sind das deutlich mehr Lerneffekte im Bereich der Medienkompetenz, als gedacht. Bleibt abzuwarten, inwieweit sich diese Kompetenzen auf das Textverständnis auswirken werden.