Konsequenzen fürs Lernen und Lehren

Schon nach 4 Wochen Pilotprojekt Tabletklasse wird immer klarer, dass es nicht nur um die Ersetzung des Stifts durch die Tastatur gehen kann. Das Lernen selbst wird sich grundlegend verändern. Ebenso bereitet die Übersetzung des bisherigen Lehrens in die digitale Welt dem Lehrer immer mehr Kopfschmerzen: eine 1:1-Übertragung verzichtet auf alle zusätzlichen Möglichkeiten, die die digitale Lernumgebung mit sich bringt. Was entwickelt werden muss:

  • der lehrerzentrierte muss sich noch viel mehr zum lernerzentrierten Unterricht hin entwickeln
  • die Lernwege werden individueller
  • kooperative, ortsunabhängige Arbeitsformen erweitern die Lern- und Arbeitsmöglichkeiten
  • unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten innerhalb der Klasse ergänzen sich und werden ausgetauscht
  • Prüfungsformen werden vielfältiger
  • der Lehrer eröffnet Möglichkeiten – die Schülerinnen und Schüler finden eigene Wege
  • das Ziel kann sich verändern
  • alle Beteiligten lernen voneinander

Wie das ins bestehende System passt und wo neue Wege beschritten werden: Das wird sich zeigen.

Die ersten 10 Tage Tabletklasse…

… liegen hinter uns:

  • Hohe Erwartungen der Schülerinnen und Schüler, knisternde Spannung, volle Konzentration
  • Technisch stimmt der schulische Rahmen: Verbindungsmöglichkeiten aller Schüler über Beamer (Miracast) mit der Leinwand – Soundsystem – WLAN-Zugang – Verdunkelungsmöglichkeit
  • Wenige individuelle technische Probleme durch unterschiedlich geübte Schüler – schnell beginnt interne Teamarbeit und Unterstützung
  • Ich ertappe mich bei Anfänger-Fehlern: Die Stunden sind  überfrachtet, zu wenig didaktische Reduktion
  • Binnendifferenzierung verselbständigt sich durch individuelle  Lösungswege, z.B. bei Recherche-Aufgaben
  • Die Aufnahme eines Audios als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Kurzgeschichten“ (Kl. 8)  ermöglicht alternativen Zugang zum Text
  • Offline arbeiten mit LibreOffice oder online mit Word Mobile? Beides läuft gleichzeitig
  • Fokussierte Konzentration aller Schülerinnen und Schüler auf die Leinwand beim gemeinsamen Lesen eines Textes aus dem digitalen Schulbuch
  • Gemeinsames Arbeiten an einem Dokument
  • Schon jetzt zeigt sich: Noch mehr Konzentration und Ordnung als in der analogen Welt, übersichtliche Strukturen sind nötig, um fixierte Ergebnisse später auch wiederzufinden
  • Die Möglichkeit, Videos, Fotos mehrfach (gemeinsam und individuell) genau zu untersuchen, bewirkt detailliertere Wahrnehmungen
  • Alle Texte sind gut lesbar!

Mehr Medienkompetenz als gedacht

In der letzten Deutsch-Stunde (Kl. 7) haben Gruppen zu vier Schülern jeweils ein Standbild erstellt. Grundlage war die Lektüre „Die Welle“ von Morton Rhue. Eine vorgegebene, 3-seitige Textstelle war bearbeitet und inhaltlich besprochen worden, die Schülergruppen hatten sich für die Darstellung unterschiedlicher Szenen auf einem Standbild entschieden.  Wie in allen bisherigen Unterrichtsstunden, in denen das Tablet eingesetzt wurde, waren Konzentration und Motivation außerordentlich hoch und dicht. Die Reflexionsphase am Ende der Doppelstunde brachte folgende Ergebnisse:

Was haben wir gelernt?

  • sich zu organisieren
  • Ideen zu diskutieren
  • dass man durch veränderte Mimik und Gestik ein ganzes Bild verändern kann
  • dass der Hintergrund zum Geschehen passen muss
  • dass jede Rolle wichtig ist
  • dass jeder seine eigene Art hat, Dinge umzusetzen
  • dass man die richtige Perspektive finden muss
  • dass man für das perfekte Bild mehrere Versuche benötigt
  • dass Zusammenarbeit wichtig ist
  • dass Kritik das Bild verbessern kann

Zu meiner Überraschung sind das deutlich mehr Lerneffekte im Bereich der Medienkompetenz, als gedacht. Bleibt abzuwarten, inwieweit sich diese Kompetenzen auf das Textverständnis auswirken werden.

Lass das die Maschine machen!

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Welchen didaktischen Mehrwert hat die R- und Gr-Prüfung

eines Textverarbeitungs-Programms?

Der einer Hausaufgabe eines Siebtklässlers entnommene Satz, wie er oben zu sehen ist, bleibt im Allgemeinen so fehlerhaft. Es sei denn, eine rechtschreibkundige Person korrigiert ihn, was selten vorkommt.

Derselbe Satz digital formuliert, etwa mit LibreOffice, wird von der integrierten R- und Gr-Prüfung korrigiert, dem Schüler werden Vorschläge gemacht, aus denen er auswählen kann. Folgende 6 Arbeitsschritte bietet das Programm für diesen Satz an:

2016-06-06

2016-06-06 (3)

2016-06-06 (1)

2016-06-06 (2)

2016-06-06 (4)

2016-06-06 (5)

Von 9 Fehlern können in diesem Satz demnach – wenn der Schüler sich für die richtigen Varianten entscheidet – 5 korrigiert werden. Die Korrektur des 2. Fehlers ist falsch, 3 weitere Fehler werden vom Programm nicht erkannt.

Ist das jetzt ein Vorteil, verbirgt sich dahinter didaktischer Mehrwert? Ich meine: Ja! Immerhin kann ein Teil der Fehler korrigiert werden, der Schüler muss sich entscheiden – darin kann der Lernprozess bestehen. Die Alternative steht oben, im handgeschriebenen Satz.

Es ist viel passiert: Tablet-Projekt

Seit über einem halben Jahr arbeiten wir an der Erweiterung unseres Medienkonzepts: Die Zeit ist reif für unser erstes schulisches Tablet-Projekt, wir starten im nächsten Schuljahr.

Bild1

  • Das Konzept steht
  • Die Entscheidung für Windows ist gefallen
  • Das Elternvotum: einstimmig
  • Das Modell: TrekStor SurfTab duo W1 VolksTablet, 39343 (mit Tastatur), Windows 10
  • Schuleigene Cloud
  • WLAN-Anschluss und kabellose Verbindung mit dem Beamer
  • Unabhängigkeit – keine Verträge mit außerschulischen Firmen
  • Unterstützung durch die Schulleitung, enge Kooperation mit der Netzwerk-AG
  • Interessierte Lehrer im W-Team
Wir starten mit einer Klasse 8 (Gymnasium), alle Schüler kaufen sich ein und dasselbe Gerät selbst. Somit sind etwaige Garantieansprüche leichter realisierbar. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten mit demselben Gerät. Das Pilotprojekt dauert zwei Jahre – währenddessen werten wir intern den (vermuteten) didaktischen Mehrwert aus, um ihn anschließend grundlegend zu evaluieren. Am liebsten wäre mir hierzu noch eine außerschulische Institution. Gearbeitet wird mit dem Tablet in fast allen Fächern, aber nicht durchgängig. Heft/Stift werden nicht ausgetauscht, sondern ergänzt. Word, PowerPoint, Excel online, OneDrive und OneNote – neue Tools unserer schulischen Arbeit. Die Motivation ist sehr hoch, einige Schüler haben sich das Gerät schon vorab gekauft, um sich einzuarbeiten.
Die zwei Jahre der Pilotphase stelle ich mir äußerst spannend vor: Es wird ein Nehmen und Geben im Klassenraum, eine neue Art der Kooperation. Grundlegendes (Ordnung, Struktur) wird weiterhin fundamental bleiben, zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnen insbesondere Spielräume für individuelles Lernen, digitales Lernen wird alltäglich.

Kooperatives Arbeiten auf einer Online-Plattform

Seit 3 Wochen sammeln wir Erfahrungen mit der gemeinsamen Arbeit an  Online-Dokumenten. Im Deutsch-Leistungskurs (Q 1) ging es zunächst um die Sammlung von Themenvorschlägen und Textintentionen zum Werk Büchners, Woyzeck. Im Deutsch-Grundkurs (Q 2) wurden Vor- und Nachteile von Anglizismen in der deutschen Sprache (in Gruppen) zusammengestellt und auf der Plattform formuliert. In beiden Kursen wurde sowohl im als auch außerhalb des Unterricht  gearbeitet, fast ausschließlich mit Handys. Daran schlossen sich jeweils Reflexions-Phasen der Schülerinnen und Schüler an, deren Inhalte ich hier wiedergebe:

  • Einfache und schnelle Bedienung
  • Ordnen und Korrigieren notwendig
  • Zahlreiche Ideen tragen gut dazu bei zentrale Aspekte zusammenzustellen
  • Beiträge bieten Hilfe bei Formulierungen und Verständnisproblemen
  • Wenn beispielsweise bei Hausaufgaben jemand alles schreibt, gibt es oftmals für andere nichts mehr hinzuzufügen
  • Die Online-Zusammenarbeit funktioniert gut und das gemeinsame Austauschen ebenfalls, jedoch finde ich auch dass man die Hausaufgaben schlecht mit Hilfe dieser Plattform bewerten kann, da  eigene Ideen zuvor schon von jemand anderem fixiert wurden, und da es auch einige gibt, die Probleme damit haben, überhaupt auf diese Seite zugreifen zu können
  • Vorteil, dass man auch mobil, also z.B. unterwegs, lernen kann und an keinen Ort gebunden ist
  • Die Plattform hat in jeder Hinsicht Vorteile. Dem Gegenargument, die Äußerung mancher Beiträge würden andere ausbremsen, kann ich nicht zustimmen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst
  • Gute Alternative zum Sammeln von Ergebnissen
  • Prinzipiell sinnvoll, um viele Informationen schnell zu verbreiten und zu sammeln, jedoch viel Aufwand, besonders zu Beginn, da sich eben doch nicht alle mit solchen Methoden auskennen/sich selbst einarbeiten können
  • Mit dieser Methode sammelt man ungefilterte Informationen, die präzisiert und korrigiert werden müssen
  • Gute Methode um Ergebnisse langfristig zu sichern; eine schnelle und einfache Reproduktion der Ergebnisse ist jederzeit möglich
  • Motivationsschub: Jedes Gruppenmitglied möchte schreiben!
  • Schnelles Sammeln von Infos, jedoch weniger Kommunikation
  • Zeitsparende Alternative, aber Stichpunkte müssen eventuell im Unterricht erläutert oder präzisiert werden, damit jeder weiß, was gemeint ist

Verhalten überprüfen: Geht nicht? Geht doch! – Tablets im Deutschunterricht

Webbewerb (2)Im Rahmen des Themas Kommunikationsmodelle stellten Schülerinnen und Schüler der EF (Jgst. 10) ein Rollenspiel vor. Im „normalen“ Unterricht ist eine detaillierte Überprüfung dieser einmaligen Vorstellung nicht möglich. Darauf kann man aber gerade im Zusammenhang mit Kommunikationsmodellen nur schwer verzichten, da unterschiedliche Parameter überprüft werden müssen. Im Unterricht mit Tablets werden diese Grenzen aufgehoben. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Möglichkeit sich bei der Vorstellung zu filmen, sodass bei der (auf ein IWB projizierten) Präsentation beliebig vor- und zurückgespult werden konnte, um die Kommunikation im Detail analysieren zu können. Dies ist für den Unterricht überaus gewinnbringend, da einzelne Parameter genau beobachtet, Probleme oder Verständnisschwierigkeiten der jeweiligen Kommunikationsmodelle am konkreten Beispiel aber auch noch einmal erklärt werden können. Zudem fördert der Einsatz der Tablets die arbeitsteilige Gruppenarbeit, da sich unterschiedliche Gruppen mit verschiedenen Filmsequenzen beschäftigen und diese genau analysieren können. Die ausführlichen Analysen können später zusammengetragen werden. Dabei profitieren alle Schülerinnen und Schüler von dieser Ausführlichkeit, die ohne ein wiederholtes Vor- und Zurückspulen nicht möglich wäre. Die Schülerinnen und Schüler hatten sehr viel Spaß daran, da sie ihre eigene Kommunikation „live“ überprüfen konnten.
Am Ende dieser Unterrichtsreihe erhielten sie den Arbeitsauftrag, einen (analogen) Text zu lesen, diesen auf Formen der Kommunikation zu überprüfen und die Kommunikationsarten in Form von Standbildern oder Videos darzustellen. An dieser Stelle wurden analoge und digitale Medien miteinander verknüpft. Dies korrespondiert nicht nur mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, sondern diese Form des produktions- und handlungsorientierten Unterrichts unterstützt zudem zahlreiche Lerntypen (Sehen, Lesen, Hören, Fühlen). Die Schülerinnen und Schüler verkörpern im wahrsten Sinne des Wortes die Kommunikationsart zu diesem Zeitpunkt. Zudem identifizieren sie sich mit dem Lerngegenstand, da sie selber ein Teil davon sind. Tablets (und andere digitale Medien) haben den erheblichen Vorteil, dass Momentaufnahmen gespeichert und wiederholt analysiert werden können. Ohne diese Medien ist der Moment schnell Vergangenheit.

Jennifer Becker, Referendarin am Bischöflichen Clara-Fey-Gymnasium Schleiden