Copy, paste, remix and share???

Auszug aus einem Interview des Lehrers und Bloggers Torsten Larbig mit Spiegel Online (29/05/15):

SPIEGEL ONLINE: Die Methoden des Netzes werden gerne copy, paste, remix and share abgekürzt. Passt das zu dem alten Humboldt’schen Prinzip des tiefen Verstehens, auf dem besonders das Gymnasium fußt?
Larbig: Für mich ist das kein Widerspruch. Auch das wissenschaftliche Arbeiten, auf das Gymnasium und Abitur vorbereiten sollen, besteht darin, fremdes Wissen aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Digitalisierung macht diesen Prozess dynamischer, das heißt „Copy, paste, remix and share“ ist eine Weiterentwicklung bisheriger Arbeitsweisen.

Lieber Herr Larbig,

ich schätze Ihren Einsatz für die Digitalisierung der Schule sehr, mit dieser Äußerung haben Sie ihr aber einen Bärendienst erwiesen. Soeben korrigiere ich Deutsch-Klausuren 17-jähriger Schülerinnen und Schüler der Q1 (Gymnasium, NRW). Ich stelle fest – da ich dieses „Geschäft“ seit 25 Jahren betreibe, mit ein wenig Erfahrung – dass die sprachliche Ausdrucksfähigkeit vieler, nicht aller!, sich permanent verschlechtert. Probleme damit, sagen/schreiben zu können, was sie ggf. ausdrücken möchten, prägen den Schulalltag. Wir begegnen diesem Phänomen im Deutschunterricht u.a. mit Entschleunigung, im Extremen (z.B. der Lyrik-Analyse) mit der Konzentration auf das Wort, ja, den Buchstaben, den Klang. Das Zitieren einzelner Textstellen ist dabei zentral: Zunächst muss die Textstelle als bedeutsam erkannt, markiert und grammatisch korrekt in die eigene Analyse integriert werden, bevor sie ausgewertet wird. Diese Auswertung geschieht in unmittelbar persönlicher Auseinandersetzung mit der Textstelle, die einer Wechselwirkung zwischen Ich und Text gleichkommt. Diese (mitunter anstrengende) Auseinandersetzung muss (über Jahre) geübt, vertieft und dadurch kann Sprachfähigkeit geschult werden, um Menschen zu sich selbst und einem Verständnis der Welt zu führen (und letztlich über sich selbst hinauswachsen zu können).

lacoste1Copy and paste verführt den Schüler zur (unkritischen) Übernahme fremder Gedanken und Formulierungen. Es führt zu Oberflächlichkeiten und vorschnellen Zufriedenheiten angesichts einer Textmasse, die durch ihre Fülle rasch zu einer Schein-Zufriedenheit führt. Was wir brauchen, ist die Vermittlung der Fähigkeit KRITISCHEN DENKENS, die NUR IM EIGENEN KOPF gefördert werden kann. Sie ist grundlegende Voraussetzung nicht nur dafür, dass Schüler (später) nach Vertragsabschluss keine böse Überraschung erleben, falls die Waschmaschine statt des Autos geliefert wird, sondern ebenso fundamental für die digitale Kommunikation, bei der schon ein Klick weitreichende Konsequenzen haben kann.

Ich bin auch für die Digitalisierung der Schule, aber ohne die Lehrerinnen und Lehrer geht das nicht. Und die sind mit Copy, paste, remix und share verständlicherweise (!) nicht zu überzeugen.
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! (Kant) –  Ist das nicht schon fast 240 Jahre alt?

Schluss damit!

Ich kann mich noch gut an den Aufschrei erinnern, als es um die finanzielle Unterstützung erster schulischer Projekte durch Sponsoren ging: Bloß keine Abhängigkeiten von der Wirtschaft, Bildung und Ökonomie haben nichts miteinander zu tun! Müssen wir demnächst Werbeplakate aufhängen? Der sog. „PISA-Schock“, der Bologna-Prozess, Unzufriedenheiten potentieller Arbeitgeber: Das und mehr hat uns G 8, standardisierte Prüfungsleistungen und Analysen eingebrockt, die schon früh – zu früh – die berufliche Tauglichkeit der Schüler messen, prüfen und sie in Kategorien einteilen.

Im Studium verschärft sich, was sich im Gymnasium anbahnte: die totale Verschulung, ein randvoll gepackter Stundenplan, Pflichtprogramm ohne Raum für Kür. Was bedeutet uns Bildung? Welche Auswirkungen haben 24jährige Hochschulabsolventen, fit in ihrem Fach, geschult im Konkurrenzdenken, aber ohne die Chance, soziale Kompetenzen erworben, Lebenserfahrungen gesammelt zu haben, für Betriebe?

Wie konnte aus uns (ich bin Jahrgang 1961) etwas werden? Schule war mittags vorbei, wir spielten mit denen im Dorf, die gar nicht in unserer Klasse waren, sondern andere Schulen besuchten: Somit war Schule nachmittags auch kaum ein Thema. Buden bauen, auf Bäume klettern, die Buden der anderen zerstören, Bolzen und Songs auswendig lernen: Es gab so vieles, das Spaß machte und das Leben lebenswert.  25% unentschuldigter Schulstunden in der Oberstufe bedeuteten, dass der Kurs nicht angerechnet wurde. Viele von uns fehlten demnach exakt 24% ohne Entschuldigung. Wen kümmerte das?

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Schule war ein Thema unter wichtigen anderen. Lehrer waren geborene Gegner der Schüler. Im Vergleich zu heute waren die offiziellen Abiturfeierlichkeiten lächerlich bescheiden – dafür feierten wir ausgiebig privat. Das Abiturzeugnis holte sich folgerichtig nicht jeder persönlich ab. Es wurde ja auch per Post zugestellt.

Im Studium boten sich Zeit und Raum für andere Fachrichtungen, zum Reisen, Theaterspielen, Menschen kennenlernen, die man sonst im ganzen Leben nicht mehr getroffen hätte. Abends wurden die Türen nicht zum Lernen abgeschlossen, sondern ausgehängt, um gemeinsam zu feiern.

Natürlich hat sich in den letzten 40 Jahren vieles im Berufsleben verändert. Das heutige Tempo, die Fülle an Aufgaben, eingeforderte Flexibilität, Technisierung und lebenslanges Lernen – all das konnte sich damals kaum jemand vorstellen. In einer globalisierten Wirtschaftswelt bieten diese gesteigerten Anforderungen das Fundament unseres Wohlstands. Darauf muss Schule vorbereiten, das ist richtig. Aber bitte immer mit Augenmaß: Schüler und Studenten sind in erster Linie Menschen in einer mitunter schwierigen und holprigen Entwicklungsphase. Sie brauchen Zeit, Auseinandersetzung, Orientierung, Möglichkeiten, sich (auch ohne Kosten-Nutzen-Rechnung) auf Umwege zu begeben und so reifen zu können.

„Schule – noch kein Ort der Medienbildung“

Die Schulen sind eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Ihnen wird nahegelegt, dass sie in punkto Medienkompetenz Deutschland – im internationalen Vergleich – weniger zum Bildungs- als vielmehr zum Bildungskatastrophen-Standort machen. Die International Computer and Information Literacy Study (ICIL 2013), de­ren Ergebnisse im November 2014 vorgestellt wurden, erfasste die informations- und compu­terbezogenen Kompetenzen von Jugendlichen der 8. Klasse, Lehrkräften und Schulleitungen sowie die schulischen und außerschulischen Rahmenbedingungen ihres Kompetenzerwerbs in 21 Ländern. Bei vielen Ergebnissen des Ländervergleichs finden wir Deutschland im Mittelfeld oder auf den hinte­ren Plätzen. Die Jugendlichen hätten in Sachen Medienkompetenz deutlichen Nachholbedarf und fielen gegenüber Gleichaltrigen zum Bei­spiel aus Tschechien, Kanada, Polen, Südkorea, Dänemark oder den Niederlanden ab.

(aus: A. Lauber und M. Würfel: Entmutigende Medienkompetenzförderung?! In: merz 2/2015. S. 41.)

Stimmt das? M.E. ja. Wer vermittelt Medienkompetenz? Wenn überhaupt, eher die Peer-Group als die Schule. Meine Antwort als Lehrer darauf: „Learning by doing“ – Medienkompetenz erwerben durch Medienproduktion und deren kritische Reflexion. aktuelles LogoCa. 20 Schülerinnen und Schüler (jahrgangsstufenübergreifend) arbeiten in dieser AG, die sich in vier Arbeitsbereiche (Texte, Fotos, Videos, Audios) gliedert und die Produktion medialer Veröffentlichungen im Print- und Online-Bereich unterstützt. Die AG-Mitglieder produzieren Text- und Fotobeiträge für das Schul-Jahrbuch, für Presse- und Onlineveröffentlichungen sowie Audios und Videos, z.B. Interviews mit Hilfe der (technischen) Möglichkeiten, die insbesondere die „neuen“ Kommunikationsmedien bieten. Ihre Mitglieder sind entsprechend medial interessiert / kompetent und bilden sich im Bereich der (kritischen) Nutzung „neuer“ Medien fort. Sie lernen, Online-Tools zu nutzen und setzen sich kritisch mit ihnen auseinander.
Die engere Zusammenarbeit der Mitarbeiter findet in den jeweils einzelnen Arbeitsbereichen statt, für deren Organisation jeweils leitende Personen verantwortlich sind. Jeder besitzt einen eigenen Laptop oder Tablet-PC bzw. Fotoapparat, Videokamera, Mikrofon, entsprechende Hard- und Software (BYOD). Die Schule stellt zwei hochwertige DSLR inkl. Zubehör sowie Software und weitere technische Hilfsmittel zur Verfügung.
Die AG bzw. die Mitglieder der einzelnen Arbeitsbereiche treffen sich auf verschiedenen Ebenen:
innerhalb der Schule, in den jeweiligen Arbeitsbereichen kooperieren / diskutieren sie z.B. über soziale Netzwerke, z.B. WhatsApp bzw. Facebook, ggf. per Mail, Google Drive, usw. Die gesamte Gruppe trifft sich unregelmäßig zu Schulungen, die alle Arbeitsbereiche betreffen, z.B. zu den Themen Google Drive als gemeinsame Arbeitsplattform, Urheberrecht, Datenschutz, praktische Medienarbeit (Schreib-Workshops, Photoshop, YouTube). Auf diesem Weg gewinnen die Teilnehmer an Medienkompetenz, vermittelt durch das Arbeiten mit und Produzieren von Medien: Mediengestaltung verstehen und reflektieren. IST DAS DER (RICHTIGE) WEG?