Was läuft?

Viel. Sehr viel. Denn nachdem die erste Unterrichtsreihe lediglich die digitale Abbildung des analogen Lehrens/Lernens war, ist nun vieles anders:

  • wp_20161110_08_43_08_proSitzordnung: Während die „alte“, ein großes „U“, eine Klassen-Gesprächs-Atmosphäre unterstützen sollte, meist aber nur großes Schweigen produzierte, sitzen jetzt vier 6er-Teams an Gruppentischen, wo rege miteinander kommuniziert wird. Denn jeweils zwei Schüler, die nebeneinander sitzen und somit gegenseitig auf den anderen Bildschirm schauen können, arbeiten an einem Thema.
  • Kollaboration: Wir arbeiten auf einem Schul-Wiki, das die gemeinsame Arbeits-Plattform darstellt, die jede/r von überall und jederzeit erreichen kann. Über OneDrive oder unsere Schul-Cloud ist ebenso gemeinsames, z.T. gleichzeitiges Bearbeiten von Dokumenten möglich. Dies ist besonders im ländlichen Raum, wo Schüler nicht mal so eben mit der Straßenbahn zum Mitschüler fahren können, hilfreich.
  • Selbständiges Lernen: Jeweils 2 Schüler arbeiten zu einem Thema, das sie eigenständig recherchieren, aufbereiten, präsentieren und reflektieren. Diese Arbeitsform drängt sich momentan (Unterrichtsreihe „Medien/Leitmedium Internet“) geradezu auf.
  • Binnendifferenzierung: Die Schüler konnten sich die Themen frei wählen oder eigenständig vorschlagen. Unsere Auswahl:
    1. Soziale Netzwerke
    • WhatsApp
    • Facebook
    • YouTube
    • Twitter
    • Instagram
    1. Suchmaschinen (insbesondere Google) und deren Funktionen
    2. Blogs
    3. Internet und Sicherheit
    • Passwörter, Datenschutz, Cybermobbing
    • Sexting, Hatespeech
    1. Das Projekt Wikipedia
    2. Amazon
    3. Online-Wörterbücher
    4. Geschichte des Internet

Grundsätzlich kann man unschwer erkennen, dass sich das Lernen verändert: Allgemein gesprochen arbeiten nicht mehr alle zur selben Zeit am selben Inhalt mit demselben Ziel, sondern alle arbeiten in Teams an unterschiedlichen Bereichen eines Themas, auch außerhalb der Unterrichtszeiten z.B. mit Hilfe kollaborativer Tools. Die Motivation und Fokussierung der Schüler sind ungewöhnlich hoch, im Unterricht beobachte ich einen regen kommunikativen Austausch, die Rückmeldungen der Eltern sind größtenteils positiv.

Wie verändert sich das Lehren? Der Anteil der „Lernbegleitung“ wird größer: Ich gebe einen (möglichst großen) thematischen Rahmen vor, informiere über notwendige Arbeitsmethoden und Tools, dann beginnt die für mich stressigste (Kontrollverlust!) Phase der Arbeit an den Projekten. Ich beantworte Fragen, verschaffe mir einen Überblick, gebe Tipps. Zwischendurch richte ich Benutzerkonten (auf unserem Schulwiki) ein, strukturiere und korrigiere dort, gebe auch hier Tipps. Schließlich beginnt die Auswertungs-Phase: In 20-minütigen Vorträgen stellen die Schülerinnen und Schüler ihr Thema vor, anschließend soll der Arbeitsprozess schriftlich dokumentiert und reflektiert werden. Beide Teile werden bewertet und ergeben eine Note.

Im Grunde ist das Projektarbeit, also nichts Neues. Allerdings ergänzt um die Möglichkeiten des Internets, gemeinsames digitales Arbeiten (auch in Echtzeit) auf Internet-Plattformen. Dabei erweist sich das auf das schulische Umfeld zugeschnittene Wiki als sehr hilfreich.

Was mir hilft: Die Teilnahmen an Veranstaltungen, die sich um die sog. „digitale Bildung“ drehen, ermöglichen relativ leicht und schnell hilfreiche Kontakte, die anschließend (im Netz) gepflegt und ausgebaut werden können. Tabletklassen, zumal mit Windows-Tablets, erfordern zwar noch avantgardistische Pionierarbeit (in etwa 140 von ca. 35000 Schulen in D), dennoch gibt es Erfahrungen inspirierender Menschen, die schon mehrere Jahre diesen Weg gehen und jene gerne teilen.

Ich möchte schon jetzt nie mehr anders unterrichten.

 

 

 

 

Die 1. digitale Klassenarbeit

 

win_20160929_07_58_36_pro
Gib eine Beschriftung ein

Hoch konzentriert und fokussiert auf ihren Bildschirm arbeiten die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse während ihrer ersten digitalen Klassenarbeit. Dabei haben sie es mit einem eher klassischen Thema, der Analyse einer Kurzgeschichte, zu tun.

 

 

Die Aufgabe inkl. Text sendete ich ihnen im Klassenraum per Mail, ihre fertigen Arbeiten kommen auf demselben Weg zurück: alles problemlos.

Korrigiert habe ich mit der Kommentar-Funktion von WORD. Die Kommentare enthalten das klassische Fehlerzeichen.  Angefügt habe ich den Erwartungshorizont sowie die entsprechende (maximale und erreichte) Punktzahl. Trotz der Unterstützung durch Rechtschreib- und Grammatikprüfung ist die Fehlerzahl in den Arbeiten (im Vergleich zu früheren, analogen) meistens unverändert hoch. Wer z.B. Rechtschreib- und Kommaregeln beherrscht, kann sie eben auch mithilfe der Tastatur umsetzen (und umgekehrt). Das Ergebnis der Klassenarbeit ist (im Durchschnitt) etwas besser als früher.

Die Schüler erhalten ihre Arbeit in zwei Versionen zurück: ein PDF (zum Speichern) und eine offene, zu bearbeitende Datei.

Die Korrektur findet folgendermaßen statt: Mithilfe des Erwartungshorizonts sowie der Fehlerzeichen verbessern die Schüler eine Kopie der korrigierten Arbeit, sodass ein (möglichst) fehlerfreier Text entsteht, der dann in Partnerarbeit noch einmal durchgesehen und ggf. erneut überarbeitet wird.

Schülerstimmen:

Es macht mehr Spaß mit dem Tablet zu schreiben und es geht viel schneller. Außerdem wird einem ein Fehler viel schneller angezeigt und man kann ihn direkt verbessern. Wenn man ganz viele Fehler verbessert hat, sieht es trotzdem noch ordentlich aus. Man kann sich sehr gut auf seine Arbeit konzentrieren und wird nicht so schnell abgelenkt.

Ich fand die erste Arbeit mit den Tablets super, es war einfach zu schreiben, man hatte mehr Interesse an der Klassenarbeit und ich stand nicht besonders unter Druck. Es fühlte sich (für mich) an wie eine alltägliche Situation, da ich auch gerne am PC und Tablet arbeite und mich in solchen Situationen wohl fühle.

 

 

 

Konsequenzen fürs Lernen und Lehren

Schon nach 4 Wochen Pilotprojekt Tabletklasse wird immer klarer, dass es nicht nur um die Ersetzung des Stifts durch die Tastatur gehen kann. Das Lernen selbst wird sich grundlegend verändern. Ebenso bereitet die Übersetzung des bisherigen Lehrens in die digitale Welt dem Lehrer immer mehr Kopfschmerzen: eine 1:1-Übertragung verzichtet auf alle zusätzlichen Möglichkeiten, die die digitale Lernumgebung mit sich bringt. Was entwickelt werden muss:

  • der lehrerzentrierte muss sich noch viel mehr zum lernerzentrierten Unterricht hin entwickeln
  • die Lernwege werden individueller
  • kooperative, ortsunabhängige Arbeitsformen erweitern die Lern- und Arbeitsmöglichkeiten
  • unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten innerhalb der Klasse ergänzen sich und werden ausgetauscht
  • Prüfungsformen werden vielfältiger
  • der Lehrer eröffnet Möglichkeiten – die Schülerinnen und Schüler finden eigene Wege
  • das Ziel kann sich verändern
  • alle Beteiligten lernen voneinander

Wie das ins bestehende System passt und wo neue Wege beschritten werden: Das wird sich zeigen.

Die ersten 10 Tage Tabletklasse…

… liegen hinter uns:

  • Hohe Erwartungen der Schülerinnen und Schüler, knisternde Spannung, volle Konzentration
  • Technisch stimmt der schulische Rahmen: Verbindungsmöglichkeiten aller Schüler über Beamer (Miracast) mit der Leinwand – Soundsystem – WLAN-Zugang – Verdunkelungsmöglichkeit
  • Wenige individuelle technische Probleme durch unterschiedlich geübte Schüler – schnell beginnt interne Teamarbeit und Unterstützung
  • Ich ertappe mich bei Anfänger-Fehlern: Die Stunden sind  überfrachtet, zu wenig didaktische Reduktion
  • Binnendifferenzierung verselbständigt sich durch individuelle  Lösungswege, z.B. bei Recherche-Aufgaben
  • Die Aufnahme eines Audios als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Kurzgeschichten“ (Kl. 8)  ermöglicht alternativen Zugang zum Text
  • Offline arbeiten mit LibreOffice oder online mit Word Mobile? Beides läuft gleichzeitig
  • Fokussierte Konzentration aller Schülerinnen und Schüler auf die Leinwand beim gemeinsamen Lesen eines Textes aus dem digitalen Schulbuch
  • Gemeinsames Arbeiten an einem Dokument
  • Schon jetzt zeigt sich: Noch mehr Konzentration und Ordnung als in der analogen Welt, übersichtliche Strukturen sind nötig, um fixierte Ergebnisse später auch wiederzufinden
  • Die Möglichkeit, Videos, Fotos mehrfach (gemeinsam und individuell) genau zu untersuchen, bewirkt detailliertere Wahrnehmungen
  • Alle Texte sind gut lesbar!

Mehr Medienkompetenz als gedacht

In der letzten Deutsch-Stunde (Kl. 7) haben Gruppen zu vier Schülern jeweils ein Standbild erstellt. Grundlage war die Lektüre „Die Welle“ von Morton Rhue. Eine vorgegebene, 3-seitige Textstelle war bearbeitet und inhaltlich besprochen worden, die Schülergruppen hatten sich für die Darstellung unterschiedlicher Szenen auf einem Standbild entschieden.  Wie in allen bisherigen Unterrichtsstunden, in denen das Tablet eingesetzt wurde, waren Konzentration und Motivation außerordentlich hoch und dicht. Die Reflexionsphase am Ende der Doppelstunde brachte folgende Ergebnisse:

Was haben wir gelernt?

  • sich zu organisieren
  • Ideen zu diskutieren
  • dass man durch veränderte Mimik und Gestik ein ganzes Bild verändern kann
  • dass der Hintergrund zum Geschehen passen muss
  • dass jede Rolle wichtig ist
  • dass jeder seine eigene Art hat, Dinge umzusetzen
  • dass man die richtige Perspektive finden muss
  • dass man für das perfekte Bild mehrere Versuche benötigt
  • dass Zusammenarbeit wichtig ist
  • dass Kritik das Bild verbessern kann

Zu meiner Überraschung sind das deutlich mehr Lerneffekte im Bereich der Medienkompetenz, als gedacht. Bleibt abzuwarten, inwieweit sich diese Kompetenzen auf das Textverständnis auswirken werden.

Lass das die Maschine machen!

WIN_20160607_14_02_29_Pro

Welchen didaktischen Mehrwert hat die R- und Gr-Prüfung

eines Textverarbeitungs-Programms?

Der einer Hausaufgabe eines Siebtklässlers entnommene Satz, wie er oben zu sehen ist, bleibt im Allgemeinen so fehlerhaft. Es sei denn, eine rechtschreibkundige Person korrigiert ihn, was selten vorkommt.

Derselbe Satz digital formuliert, etwa mit LibreOffice, wird von der integrierten R- und Gr-Prüfung korrigiert, dem Schüler werden Vorschläge gemacht, aus denen er auswählen kann. Folgende 6 Arbeitsschritte bietet das Programm für diesen Satz an:

2016-06-06

2016-06-06 (3)

2016-06-06 (1)

2016-06-06 (2)

2016-06-06 (4)

2016-06-06 (5)

Von 9 Fehlern können in diesem Satz demnach – wenn der Schüler sich für die richtigen Varianten entscheidet – 5 korrigiert werden. Die Korrektur des 2. Fehlers ist falsch, 3 weitere Fehler werden vom Programm nicht erkannt.

Ist das jetzt ein Vorteil, verbirgt sich dahinter didaktischer Mehrwert? Ich meine: Ja! Immerhin kann ein Teil der Fehler korrigiert werden, der Schüler muss sich entscheiden – darin kann der Lernprozess bestehen. Die Alternative steht oben, im handgeschriebenen Satz.

Es ist viel passiert: Tablet-Projekt

Seit über einem halben Jahr arbeiten wir an der Erweiterung unseres Medienkonzepts: Die Zeit ist reif für unser erstes schulisches Tablet-Projekt, wir starten im nächsten Schuljahr.

Bild1

  • Das Konzept steht
  • Die Entscheidung für Windows ist gefallen
  • Das Elternvotum: einstimmig
  • Das Modell: TrekStor SurfTab duo W1 VolksTablet, 39343 (mit Tastatur), Windows 10
  • Schuleigene Cloud
  • WLAN-Anschluss und kabellose Verbindung mit dem Beamer
  • Unabhängigkeit – keine Verträge mit außerschulischen Firmen
  • Unterstützung durch die Schulleitung, enge Kooperation mit der Netzwerk-AG
  • Interessierte Lehrer im W-Team
Wir starten mit einer Klasse 8 (Gymnasium), alle Schüler kaufen sich ein und dasselbe Gerät selbst. Somit sind etwaige Garantieansprüche leichter realisierbar. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten mit demselben Gerät. Das Pilotprojekt dauert zwei Jahre – währenddessen werten wir intern den (vermuteten) didaktischen Mehrwert aus, um ihn anschließend grundlegend zu evaluieren. Am liebsten wäre mir hierzu noch eine außerschulische Institution. Gearbeitet wird mit dem Tablet in fast allen Fächern, aber nicht durchgängig. Heft/Stift werden nicht ausgetauscht, sondern ergänzt. Word, PowerPoint, Excel online, OneDrive und OneNote – neue Tools unserer schulischen Arbeit. Die Motivation ist sehr hoch, einige Schüler haben sich das Gerät schon vorab gekauft, um sich einzuarbeiten.
Die zwei Jahre der Pilotphase stelle ich mir äußerst spannend vor: Es wird ein Nehmen und Geben im Klassenraum, eine neue Art der Kooperation. Grundlegendes (Ordnung, Struktur) wird weiterhin fundamental bleiben, zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnen insbesondere Spielräume für individuelles Lernen, digitales Lernen wird alltäglich.

Kooperatives Arbeiten auf einer Online-Plattform

Seit 3 Wochen sammeln wir Erfahrungen mit der gemeinsamen Arbeit an  Online-Dokumenten. Im Deutsch-Leistungskurs (Q 1) ging es zunächst um die Sammlung von Themenvorschlägen und Textintentionen zum Werk Büchners, Woyzeck. Im Deutsch-Grundkurs (Q 2) wurden Vor- und Nachteile von Anglizismen in der deutschen Sprache (in Gruppen) zusammengestellt und auf der Plattform formuliert. In beiden Kursen wurde sowohl im als auch außerhalb des Unterricht  gearbeitet, fast ausschließlich mit Handys. Daran schlossen sich jeweils Reflexions-Phasen der Schülerinnen und Schüler an, deren Inhalte ich hier wiedergebe:

  • Einfache und schnelle Bedienung
  • Ordnen und Korrigieren notwendig
  • Zahlreiche Ideen tragen gut dazu bei zentrale Aspekte zusammenzustellen
  • Beiträge bieten Hilfe bei Formulierungen und Verständnisproblemen
  • Wenn beispielsweise bei Hausaufgaben jemand alles schreibt, gibt es oftmals für andere nichts mehr hinzuzufügen
  • Die Online-Zusammenarbeit funktioniert gut und das gemeinsame Austauschen ebenfalls, jedoch finde ich auch dass man die Hausaufgaben schlecht mit Hilfe dieser Plattform bewerten kann, da  eigene Ideen zuvor schon von jemand anderem fixiert wurden, und da es auch einige gibt, die Probleme damit haben, überhaupt auf diese Seite zugreifen zu können
  • Vorteil, dass man auch mobil, also z.B. unterwegs, lernen kann und an keinen Ort gebunden ist
  • Die Plattform hat in jeder Hinsicht Vorteile. Dem Gegenargument, die Äußerung mancher Beiträge würden andere ausbremsen, kann ich nicht zustimmen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst
  • Gute Alternative zum Sammeln von Ergebnissen
  • Prinzipiell sinnvoll, um viele Informationen schnell zu verbreiten und zu sammeln, jedoch viel Aufwand, besonders zu Beginn, da sich eben doch nicht alle mit solchen Methoden auskennen/sich selbst einarbeiten können
  • Mit dieser Methode sammelt man ungefilterte Informationen, die präzisiert und korrigiert werden müssen
  • Gute Methode um Ergebnisse langfristig zu sichern; eine schnelle und einfache Reproduktion der Ergebnisse ist jederzeit möglich
  • Motivationsschub: Jedes Gruppenmitglied möchte schreiben!
  • Schnelles Sammeln von Infos, jedoch weniger Kommunikation
  • Zeitsparende Alternative, aber Stichpunkte müssen eventuell im Unterricht erläutert oder präzisiert werden, damit jeder weiß, was gemeint ist

Verhalten überprüfen: Geht nicht? Geht doch! – Tablets im Deutschunterricht

Webbewerb (2)Im Rahmen des Themas Kommunikationsmodelle stellten Schülerinnen und Schüler der EF (Jgst. 10) ein Rollenspiel vor. Im „normalen“ Unterricht ist eine detaillierte Überprüfung dieser einmaligen Vorstellung nicht möglich. Darauf kann man aber gerade im Zusammenhang mit Kommunikationsmodellen nur schwer verzichten, da unterschiedliche Parameter überprüft werden müssen. Im Unterricht mit Tablets werden diese Grenzen aufgehoben. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Möglichkeit sich bei der Vorstellung zu filmen, sodass bei der (auf ein IWB projizierten) Präsentation beliebig vor- und zurückgespult werden konnte, um die Kommunikation im Detail analysieren zu können. Dies ist für den Unterricht überaus gewinnbringend, da einzelne Parameter genau beobachtet, Probleme oder Verständnisschwierigkeiten der jeweiligen Kommunikationsmodelle am konkreten Beispiel aber auch noch einmal erklärt werden können. Zudem fördert der Einsatz der Tablets die arbeitsteilige Gruppenarbeit, da sich unterschiedliche Gruppen mit verschiedenen Filmsequenzen beschäftigen und diese genau analysieren können. Die ausführlichen Analysen können später zusammengetragen werden. Dabei profitieren alle Schülerinnen und Schüler von dieser Ausführlichkeit, die ohne ein wiederholtes Vor- und Zurückspulen nicht möglich wäre. Die Schülerinnen und Schüler hatten sehr viel Spaß daran, da sie ihre eigene Kommunikation „live“ überprüfen konnten.
Am Ende dieser Unterrichtsreihe erhielten sie den Arbeitsauftrag, einen (analogen) Text zu lesen, diesen auf Formen der Kommunikation zu überprüfen und die Kommunikationsarten in Form von Standbildern oder Videos darzustellen. An dieser Stelle wurden analoge und digitale Medien miteinander verknüpft. Dies korrespondiert nicht nur mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, sondern diese Form des produktions- und handlungsorientierten Unterrichts unterstützt zudem zahlreiche Lerntypen (Sehen, Lesen, Hören, Fühlen). Die Schülerinnen und Schüler verkörpern im wahrsten Sinne des Wortes die Kommunikationsart zu diesem Zeitpunkt. Zudem identifizieren sie sich mit dem Lerngegenstand, da sie selber ein Teil davon sind. Tablets (und andere digitale Medien) haben den erheblichen Vorteil, dass Momentaufnahmen gespeichert und wiederholt analysiert werden können. Ohne diese Medien ist der Moment schnell Vergangenheit.

Jennifer Becker, Referendarin am Bischöflichen Clara-Fey-Gymnasium Schleiden

Sie ist gerichtet! Ist gerettet! – Tablets im Deutschunterricht

Der nächste Versuch auf dem Weg einer Konzeptionierung zukünftiger Arbeit mit Tablets in der Schule:

Faust I ist Pflichtlektüre im Deutschunterricht der Q1. Im Leistungskurs sind die Schwierigkeiten mit der Analyse des Textes allgegenwärtig: Thematik und Sprache erweisen sich als sperrig, vorsichtig ausgedrückt. Am Ende der Unterrichtsreihe soll die Arbeit mit dem Tablet einen motivierenden Alternativzugang zum Text ermöglichen: Gestik und Mimik, Gruppendynamik  bringen das Textverständnis zum Ausdruck, als Ergänzung zur sprachlichen Formulierung.

In Gruppen werden Textauszüge selbständig ausgewählt und zunächst inhaltlich, sprachlich sowie formal analysiert. Daran anknüpfend soll ein dem Schwerpunkt des Textes angemessenes Standbild produziert, überarbeitet und optimiert werden. Die Auswertung der Standbilder findet schließlich im gesamten Kurs statt, indem die Bilder über Beamer auf eine weiße Wand (hier ein IWB, außerdem notwendig: WLAN oder Router, Apple TV o. Ä.) projiziert werden. Die Schüler erörtern die Gründe für ihre Gesten und den Bildaufbau vor der Gruppe. Die Ergebnisse sind ebenso auffällig gut wie die Motivation der Schüler hoch ist: Im anschließenden Reflexionsgespräch zeigen sich klare Vorstellungen der Schüler von den Vorteilen der Tablets (Optimierbarkeit und Reproduzierbarkeit der Standbilder, selbständige Erkenntnis eigener Verbesserungsmöglichkeiten durch  den Blick auf sich selbst, mediale Aufbereitung des Fotos). Hier das Ergebnis der Gruppe, die sich für die Schlussszene aus „Kerker“ entschieden hat:

Kerker[…]
Faust:
Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!
Margarete:
Tag! Ja, es wird Tag! der letzte Tag dringt herein;
Mein Hochzeittag sollt es sein!
Sag niemand, daß du schon bei Gretchen warst.
Weh meinem Kranze!
Es ist eben geschehn!
Wir werden uns wiedersehn;
Aber nicht beim Tanze.
Die Menge drängt sich, man hört sie nicht.
Der Platz, die Gassen
Können sie nicht fassen.
Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht.
Wie sie mich binden und packen!
Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt.
Schon zuckt nach jedem Nacken
Die Schärfe, die nach meinem zückt.
Stumm liegt die Welt wie das Grab!
Faust:
O wär ich nie geboren!
Mephistopheles (erscheint draußen) :
Auf! oder ihr seid verloren.
Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern!
Mein Pferde schaudern,
Der Morgen dämmert auf.
[…]
Margarete:
Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!
Mephistopheles (zu Faust):
Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.
Margarete:
Dein bin ich, Vater! Rette mich!
Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
Heinrich! Mir graut’s vor dir.
Mephistopheles:
Sie ist gerichtet!
Stimme (von oben):
Ist gerettet!

(aus J. W. v. Goethe: Faust I, VV. 4579 – 4612)

Ständig vor der Linse

  • Ein Reiseführer aus den 80ern, ein Bildband aus den 70ern:  Mein achtjähriger Sohn fragt erstaunt, was das denn sei. Ihm fallen sofort das Alter, die Machart, die ungewohnt schlechte Qualität der Bilder ins Auge. Die hier abgebildeten Menschen jedoch scheinen unbekümmert, unbeobachtet vor allem, sie  geben sich natürlich, wenig fotogen, sind einfach mit ihrem Leben beschäftigt. Und heute? Jugendliche inszenieren sich permanent. Überall lauert die Kamera. Sobald eine erblickt wird: die eingeübte Pose, das aufgesetze Gesicht, zigfach optimiert vor dem Spiegel, bis sie gefallen. Wie unbeschwert doch die Zeit vor 30, 40 Jahren! Wie viel Raum für Privatheit, Unentdecktes, Geheimnisvolles. Die ständige Präsenz, die stete Möglichkeit der Veröffentlichung, die permanente Bereitschaftsstellung: Was machen sie mit den Jugendlichen?

Kleiner Feldversuch: Analoges vs. digitales Bearbeiten eines Textes

IMG_0118Heute habe ich in einem Oberstufen-Kurs (Jahrgangstufe 11) einen kleinen Versuch gestartet: Die 20-minütige Bearbeitungsphase eines Textes (in 5-er Gruppen) sollte wahlweise analog bzw. digital geschehen, und zwar mit dem Handy der Schülerinnen und Schüler. Arbeitsauftrag: Fasst die Hauptaussagen des Textes in euren Worten zusammen! Nach anfänglichem Staunen lief alles rasch an: Der Text wurde heruntergeladen (schulinterner Server), das Öffnen bereitete nach dem Herunterladen einer zuständigen App kaum noch Probleme, das Lesen gelang reibungslos. Aber schon in dieser Phase fragten einige nach weiteren (analogen) Kopien, die sie lieber bearbeiten wollten, weil das Markieren, Unterstreichen, Notieren problematisch, wenn überhaupt möglich war. Je nach Kenntnissen und Fähigkeiten der jeweiligen Apps gelang es nur wenigen, den Text, ähnlich, wie es analog möglich ist, zu bearbeiten. In der anschließenden Reflexionsphase äußerten sich die Schüler grundsätzlich positiv zum Einsatz mobiler Endgeräte: leichte Lesbarkeit, leichterer Ranzen, Multifunktionalität, Vorbereitung auf das spätere digitale Berufsleben. Negativ angemerkt wurde die problematische bis unmögliche Bearbeitung des Textes mit dem Handy.

FAZIT: Das mobile Endgerät Handy taugt  nur zum Lesen eines Textes, kaum zum adäquaten  Bearbeiten. Dazu müssen die Geräte schon über größere Displays und bessere Arbeitsmöglichkeiten  (Tablets bzw. Laptops) verfügen.

1. Schritt in Richtung Medienscouts

Welches Konzept eignet sich am besten zur Förderung der Medienkompetenz möglichst vieler Schülerinnen und Schüler? Welcher renommierte Partner bietet ein solches Konzept für unsere Schule (Gymnasium NRW, kirchlicher Schulträger, ländliche Region, ca. 1000 Schüler) an? Diese Frage beschäftigte mich während der Sommerferien. Überzeugt hat mich letztlich der Peer-to-Peer-Ansatz des LfM-Projekts Medienscouts NRW:

http://www.medienscouts-nrw.de/

Die Schüler als Ansprechpersonen in Sachen Medien auszubilden, scheint mir vielversprechender als eine (die Beteiligten verpflichtende) Implementation ins schulinterne Curriculum, wie sie andere  Projekte vorsehen. Die technischen und personellen Voraussetzungen sind vorhanden, sodass der 1. Workshop zum Thema „Internet und Sicherheit“ an einem freien Samstag von 9 – 16.00 Uhr in der Schule stattfinden konnte. 12 Teilnehmer – Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7-11 – brachten ihr eigenes Equipment (Laptop/Tablet und Handys) mit – vorteilhaft insbesondere, weil die Arbeit mit dem eigenen Gerät somit ganz automatisch nicht nur dem (gewohnten) Konsumieren, sondern auch der Einübung ins Produzieren diente. Gespannt und freudig erwartend waren alle gekommen, daran änderte auch die Schulumgebung und der WS-Leiter, der einigen auch als Lehrer bekannt ist, nichts.

Nachdem der einleitende Film mit den Aufgaben eines Medienscouts vertraut gemacht hatte, breitete sich Unsicherheit aus: „Wir sollen Ansprechpersonen sein für die ganze Schule? Wie soll das gehen?“

Die Erarbeitung der Themen, u.a. Technischer Schutz, Passwörter, Mail / Spam, Wikipedia, Datenschutz / Privatsphäre, Chat, YouTube, Werbung / Abzocke, Pornografie und Urheberrecht, geschah in Kleingruppen und oftmals arbeitsteilig, verbaler Austausch war selbstverständlich, Unterstützung über Altersgrenzen hinweg (in beide Richtungen) wohltuend und effizient. Zwei Personen hatten technische Schwierigkeiten.Auch ihnen wurde wie selbstverständlich geholfen.

DSC_0539 Kern des Workshops stellte die Vorbereitung der Präsentationen der einzelnen Gruppen dar. Den Vorschlag im Arbeitsmaterial, analoge Plakate zu erstellen, ersetzte ich kopfschüttelnd durch die digitale Variante. Das ansonsten akribisch vorbereitete und sehr detaillierte Material bedarf bezgl. des Lehrerhandbuchs „Knowhow für junge User“ nach 8 Jahren (!) unbedingt einer Auffrischung – die ist aber, laut Auskunft von Klicksafe, für den Herbst vorgesehen. Die Organisation der Arbeit in den Gruppen verlief m.E., im Vergleich mit „normalem Unterricht“, reibungsloser und selbstverständliicher.  Gearbeitet wurde fast ausschließlich mit den digitalen Dateien der Medienscouts-Webseite, die ebenso zur Verfügung gestellten Ausdrucke erwiesen sich als überflüssig. Gruppendynamisch stellte sich rasch jahrgangsstufenübergreifend eine offene und freundliche Atmosphäre ein.

Die Auswertung der 12 Sachthemen war ergiebig, aber auch sehr umfassend und daher anstrengend. DSC_0579Letztlich kann es aufgrund der Fülle der zu behandelnden Themenbereiche wohl nur auf „Experten-Medienscouts“, die sich in jeweils einem Themenfeld gut auskennen, hinauslaufen.

Und die für diese Themen dann Ansprechpersonen sind bzw. selbst ausbilden können. Bis dahin bedarf es sicherlich einer permanenten Vertiefung und Weiterbildung innerhalb der Themen.

Das Feedback sieht folgendermaßen aus: 45% bewerten den WS mit sehr gut, 27% jeweils mit sehr gut-gut bzw. gut. Damit bin ich zufrieden und freue mich auf den nächsten Workshop zum Thema „Social communities“, der mir besonders am Herzen liegt.

02

Copy, paste, remix and share???

Auszug aus einem Interview des Lehrers und Bloggers Torsten Larbig mit Spiegel Online (29/05/15):

SPIEGEL ONLINE: Die Methoden des Netzes werden gerne copy, paste, remix and share abgekürzt. Passt das zu dem alten Humboldt’schen Prinzip des tiefen Verstehens, auf dem besonders das Gymnasium fußt?
Larbig: Für mich ist das kein Widerspruch. Auch das wissenschaftliche Arbeiten, auf das Gymnasium und Abitur vorbereiten sollen, besteht darin, fremdes Wissen aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Digitalisierung macht diesen Prozess dynamischer, das heißt „Copy, paste, remix and share“ ist eine Weiterentwicklung bisheriger Arbeitsweisen.

Lieber Herr Larbig,

ich schätze Ihren Einsatz für die Digitalisierung der Schule sehr, mit dieser Äußerung haben Sie ihr aber einen Bärendienst erwiesen. Soeben korrigiere ich Deutsch-Klausuren 17-jähriger Schülerinnen und Schüler der Q1 (Gymnasium, NRW). Ich stelle fest – da ich dieses „Geschäft“ seit 25 Jahren betreibe, mit ein wenig Erfahrung – dass die sprachliche Ausdrucksfähigkeit vieler, nicht aller!, sich permanent verschlechtert. Probleme damit, sagen/schreiben zu können, was sie ggf. ausdrücken möchten, prägen den Schulalltag. Wir begegnen diesem Phänomen im Deutschunterricht u.a. mit Entschleunigung, im Extremen (z.B. der Lyrik-Analyse) mit der Konzentration auf das Wort, ja, den Buchstaben, den Klang. Das Zitieren einzelner Textstellen ist dabei zentral: Zunächst muss die Textstelle als bedeutsam erkannt, markiert und grammatisch korrekt in die eigene Analyse integriert werden, bevor sie ausgewertet wird. Diese Auswertung geschieht in unmittelbar persönlicher Auseinandersetzung mit der Textstelle, die einer Wechselwirkung zwischen Ich und Text gleichkommt. Diese (mitunter anstrengende) Auseinandersetzung muss (über Jahre) geübt, vertieft und dadurch kann Sprachfähigkeit geschult werden, um Menschen zu sich selbst und einem Verständnis der Welt zu führen (und letztlich über sich selbst hinauswachsen zu können).

lacoste1Copy and paste verführt den Schüler zur (unkritischen) Übernahme fremder Gedanken und Formulierungen. Es führt zu Oberflächlichkeiten und vorschnellen Zufriedenheiten angesichts einer Textmasse, die durch ihre Fülle rasch zu einer Schein-Zufriedenheit führt. Was wir brauchen, ist die Vermittlung der Fähigkeit KRITISCHEN DENKENS, die NUR IM EIGENEN KOPF gefördert werden kann. Sie ist grundlegende Voraussetzung nicht nur dafür, dass Schüler (später) nach Vertragsabschluss keine böse Überraschung erleben, falls die Waschmaschine statt des Autos geliefert wird, sondern ebenso fundamental für die digitale Kommunikation, bei der schon ein Klick weitreichende Konsequenzen haben kann.

Ich bin auch für die Digitalisierung der Schule, aber ohne die Lehrerinnen und Lehrer geht das nicht. Und die sind mit Copy, paste, remix und share verständlicherweise (!) nicht zu überzeugen.
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! (Kant) –  Ist das nicht schon fast 240 Jahre alt?