Post-Corona: Schule neu denken

Viele Lehrerinnen und Lehrer konnten in den letzten anderthalb Jahren – trotz bedrückender Rahmenbedingungen – erweiterte Möglichkeiten des Lernens und Lehrens mit digitalen Medien kennenlernen.

Soll jetzt wieder dort angeknüpft werden, wo man sich vor dem Lockdown trennte? Es wäre fahrlässig, wenn die Erfahrungen, die zigtausende LehrerInnen sowie hunderttausende SchülerInnen in den letzten Monaten sammeln konnten, jetzt nicht ausgewertet und die Schul- und Unterrichtsentwicklung nicht weiterentwickeln würden. Millionen sind in Technik, Ausstattung und Infrastruktur geflossen – auch die medienpädagogische Fortbildung der LehrerInnen hat Fahrt aufgenommen – da ist es folgerichtig, wenn nun auch Lernen und Lehren die gewandelten Bedingungen und Möglichkeiten aufnehmen.

Mir geht es hier nicht um fundamental wichtige soziale Kompetenzen, die im isolierten Distanzunterricht nicht erworben werden können, sondern um die Frage, welchen Beitrag die Integration digitaler Medien leisten kann zu einer zeitgemäßen Weiterentwicklung von Schulen im 21. Jahrhundert.

Selbstständigkeit / Eigenverantwortung

„Meine Lust auf Präsenzunterricht hält sich in Grenzen!“ antwortet mir ein Q2-Schüler auf meine Frage nach der Stimmung bezgl. der bevorstehenden Schulöffnung. „Warum?“ „Es hat mir gut gefallen, mir meine Arbeitszeit selbst einteilen zu können!“

Was sich hier zeigt, freut mich: Offensichtlich ist er nach eigenem Bekunden in der Lage, seine Arbeitsprozesse selbstständig und erfolgreich zu organisieren – und vermutlich ist diese Fähigkeit auch eine Folge monatelangen Distanzunterrichts, der mit kreativen Formaten dazu beigetragen hat, diese Kompetenzen zu fördern.

Selbstständige, eigenverantwortliche Organisation von Arbeitsprozessen – eine wichtige Kompetenz in der Berufsausbildung und im Studium. Diese Kompetenz fördernden Aufgabenstellungen prägten vielfach die Wochen und Monate des Distanzunterrichts. Droht jetzt ein Rückfall in kleinschrittige Gleichförmigkeit, eingezwängt in das Stundenraster klassischer Prägung aus einer Zeit ohne Integration digitaler Medien?

Was in früheren Jahrzehnten reformpädagogisch angehaucht „Projektarbeit“ genannt wurde, kann mit Hilfe digitaler Medien die Selbstständigkeit und das eigenverantwortliche Lernen der SchülerInnen fördern – Beispiele dazu finden sich u.a. in diesem Blog.

Neben der zeitgleichen – am besten in eine Videokonferenz eingebettete – Zusammenarbeit ermöglichen es digitale Medien, unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten, Zeitplänen und Arbeitsorganisationen der SchülerInnen gerecht zu werden, sodass sie dazu in der Lage sind, sich z.B. an einem gemeinsam zu bearbeitenden Projekt asynchron zu beteiligen. Diese Möglichkeit knüpft unmittelbar an die fortschreitende Individualisierung unserer Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten an.

Alternative Zeitstruktur

Nun sitzen wir wieder zusammen in einem Raum, und jeder arbeitet coronabedingt mit Abstand für sich alleine. Müssen wir deshalb zur gleichen Zeit im selben Raum sitzen? Weiter gedacht: Ergibt sich durch die Integration digitaler Medien eine flexiblere Zeitstruktur von Schule? Die Arbeitsprozesse, für die Präsenz notwendig ist (face-to face-Kommunikation, Theaterspiel, handwerkliche Projekte, Sport, usw.) erfordern keine 5 Schultage pro Woche, die die Schülerinnen z.T. von 6:00 Uhr bis 17:00 Uhr auf Trab halten – hier würden auch 3 Präsenz- und 2 weitere Tage Distanzunterricht zu identischen (oder besseren!) Lernergebnissen kommen.

Vertrauen/Beziehungsarbeit und Begleitung

Möglicherweise befürchten LehrerInnen durch das oben beschriebene, von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung geprägte, Arbeitsverhalten Kontrollverluste. Natürlich muss das Alter der SchülerInnen berücksichtigt werden – je älter sie sind, desto weniger benötigen sie meistens engmaschige Führung. Nach meiner Erfahrung sind die meisten SchülerInnen nicht nur dankbar für mehr Selbstbestimmung und individuelle Freiheiten, sondern entwickeln im Laufe dieser Arbeitsprozesse mehr und mehr Souveränität im Umgang mit den Werkzeugen, die ihnen zur Verfügung stehen, wodurch ebenfalls ihre Selbstwirksamkeit im Umgang mit dem Internet gestärkt wird. Falls – und das ist der Idealfall – eine gemeinsame digitale Arbeitsplattform zur Verfügung steht, ermöglicht sie den SchülerInnen und LehrerInnen z.B. individuelles Feedback, Kommentare/Austausch zu einzelnen Arbeitsschritten bzw. dem Zeitmanagement. Das alles beansprucht die Lehrkraft zunächst zusätzlich, spielt sich aber im Laufe der Zeit ein und führt letztlich durch die persönliche Betreuung der SchülerInnen zu vertrauensvollen Beziehungen.

Alternative Prüfungsformate

Kompetenzen, die im Unterricht mit integrierten digitalen Medien erworben wurden, spielen in den klassischen und bis heute geltenden Prüfungsformaten/zentralen Abschlussprüfungen nicht nur keine Rolle, zeitgemäße und im Unterricht vermittelte Arbeitsprozesse (Verwenden des Internets als Wissensspeicher, Kooperieren) gelten als als Betrug. Hier wird, wie seit Jahrhunderten, subjektives, gelerntes Gedächtniswissen geprüft. In der Sek I/NRW kann es im Rahmen der bestehenden Prüfungsordnung zur Ersetzung einer Klassenarbeit durch ein digitales Produkt, z.B. ein Video, kommen. Das kann aber nur ein Anfang sein – wir brauchen dringend digitale Prüfungsformate, zu denen es bereits einige Ideen gibt. Konsequenz der erkannten erweiterten Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Medien im Unterricht muss auch eine Weiterentwicklung der Prüfungskultur sein, die sich in alternativen Prüfungsformaten niederschlägt.

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