Zeitgemäße Bildung: Warum Lernen ohne digitale Medien anachronistisch ist (3. Algorithmisierung)

Algorithmisierung der Gesellschaft

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Wenn Schule ihren Anteil zum Verstehen von Welt und Mensch beitragen will, sodass Schülerinnen und Schüler ihr (gesellschaftliches) Leben selbstbestimmt und verantwortlich führen können, müssen die unser Leben (immer stärker) prägenden Algorithmen zu einem Thema zeitgemäßer Bildung werden.

„Rechner und elektrische Verschaltungen können in allen Bereichen der Gesellschaft genutzt werden. Sie sind nicht auf die Vernetzung von Menschen speziali­siert; ebenso wenig dienen sie ausschließlich als Spei­cher kulturellen Wissens. Ohne sie funktioniert kein modernes Auto, kein Finanzmarkt, kein Sicherungssys­tem, keine Verkehrsleitzentrale, keine Operation und kein Krankenhaus, keine Universität und erst recht keine Fabrik mehr. Sie vorrangig als Kommunikations­medium zu erleben, ist mehr dem Vermächtnis Guten­bergs als den Realitäten geschuldet.“ (M. Giesecke)

Um Aufgaben und Wirksamkeit von Algorithmen zu verstehen, bedarf es nicht unbedingt genauer Programmierkenntnisse. Mit Hilfe etwa des PageRank-Algorithmus, seiner Weiterentwicklungen, deren Berechnungen und Funktionen, lassen sich die Einflüsse auf unser Alltagsleben anschaulich darstellen.

„Tätigkeiten, die noch vor Kurzem unzweifelhaft der menschlichen Intelligenz vorbehalten schienen, beispielsweise das Verfassen von Texten oder die Inhaltsanalyse von Bildern, übernehmen inzwischen immer häufiger Maschinen. Bereits 2010 wurde die Anwendung Stats Monkey vorgestellt, die kurze Berichte zu Baseballspielen anfertigen kann.“

„Ein anderes Beispiel sind Algorithmen, die Studentenessays benoten können, […] . Auch ohne weitere Hinweise auf vergleichbare Entwicklungen im Bereich der Bild-, Ton-, Sprach- und Filmanalyse ist schon jetzt deutlich, dass an vielen Fronten die Grenzen zwischen dem, was als kreativ, und dem, was als mechanisch verstanden wird, verschoben werden.“

„Eines der bekanntesten Beispiele für einen evolutionär entwickelten Algorithmus ist sicherlich »Google Flu Trends«. Um vorherzusagen, welche Regionen besonders von der alljährlichen Grippewelle betroffen sein werden, wertet er die geografische Verteilung von Suchanfragen für bestimmte Begriffe aus (zum Beispiel »Erkältungsmittel«). Für die Entwicklung des Programms testete Google 450 Millionen verschiedene Modelle – bis sich eines herausschälte, das lokale Grippeepidemien relativ zuverlässig ein bis zwei Wochen vor den nationalen Gesundheitsbehörden feststellen konnte.“

„Im Zuge dieser Änderungen entstehen immer neue Abstraktionsebenen, so dass der Algorithmus zusätzliche Variablen wie Ort und Zeit der Abfrage ebenso wie das bisherige erfasste Verhalten einer Person berücksichtigt, aber auch ihre Einbindung in ein soziales Umfeld und vieles mehr. 2005 nahm Google diese Personalisierung und Kontextualisierung in seinen Suchalgorithmus auf. Anfänglich konnten die Nutzer selbst wählen, ob sie diese verwenden wollten. Seit 2009 sind sie fester Bestandteil und für alle verbindlich, die über Google eine Suchanfrage starten. Bis Mitte 2013 war der Suchalgorithmus auf mindestens zweihundert Variablen angewachsen. Was relevant ist, bestimmt der Algorithmus also nicht länger primär über die Position eines Dokuments in einer dynamischen, aber für alle existenten äußeren informationellen Welt. Stattdessen weist er Inhalten nun innerhalb eines dynamischen und singulären, das heißt auf jeden einzelnen Nutzer eigens zugeschnittenen Informationskosmos einen Platz zu. Für jede Person wird eine andere Ordnung erstellt und nicht mehr nur ein Ausschnitt einer vorgängig bestehenden Ordnung angezeigt. Die Welt wird nicht mehr repräsentiert; sie wird für jeden User eigens generiert und anschließend präsentiert. Google ist nicht das einzige Unternehmen, das diesen Weg eingeschlagen hat. Von Algorithmen erstellte Ordnungen werden immer stärker darauf ausgerichtet, dem individuellen Nutzer seine eigene, singuläre Welt zu schaffen. Facebook, Partnerbörsen und andere soziale Massenmedien verfolgen diesen Ansatz noch viel radikaler als Google.“

„Zu diesem Zwecke werden von jedem Nutzer Profile angelegt, je ausführlicher sie sind, desto besser für die Algorithmen. Ein Profil, wie es etwa (aber nicht nur) Google erstellt, erfasst den Nutzer auf drei Ebenen: als »Wissensperson«, die sich über die Welt informiert (dazu gehört zum Beispiel das Aufzeichnen der Suchanfragen, des Surfverhaltens etc.), als »physische Person«, die sich in der Welt befindet und sich in ihr bewegt (dazu gehört zum Beispiel die Ortung über das Smartphone, Sensoren im Smart Home oder die Erfassung von Körpersignalen) und als »soziale Person«, die mit anderen Menschen interagiert (dazu gehört zum Beispiel das Verfolgen der Aktivitäten in den sozialen Massenmedien). (F. Stalder)

Wer  diese Entwicklungen erkennen, (ansatzweise) durchschauen, in ihren Konsequenzen diskutieren möchte, für den gehören die Möglichkeiten der Digitalisierung zum Fundament schulischer und persönlicher Bildung, will er sich in der heutigen Welt zurechtfinden und sie menschenwürdig gestalten.

„Algorithmen wie die von Google oder Amazon bilden den technischen Hintergrund für das Revival eines nach wie vor mechanistischen, reduktionistischen und autoritären Ansatzes“ […]

„Eine Konsequenz davon ist […] der ‚Zusammenbruch des Selbstvertrauens des Staates und die Abwertung von Konzepten wie staatlicher Autorität oder öffentlicher Dienst‘. In letzter Konsequenz drohe die Abschaffung der demokratischen Institutionen im Namen der Effizienz.“

„Das von den Autoren angestrebte Ideal ist die ‚freiheitliche Bevormundung‘. Ganz im Geiste der Kybernetik und kompatibel mit den Strukturen der Postdemokratie sollen die Menschen über die Veränderung der Umgebung in die von Experten festgelegte Richtung bewegt werden, während sie gleichzeitig den Eindruck erhalten, frei und eigenverantwortlich zu handeln.

„In den sozialen Massenmedien ist die Fähigkeit, die Umgebung zu manipulieren, höchst einseitig verteilt. Sie ist einzig und allein den Akteuren auf der Rückseite vorbehalten, und diese setzen sie dazu ein, den Profit einer kleinen Gruppe zu maximieren und deren Macht zu erweitern. Man könnte diese Gruppe als den inneren Kern des postdemokratischen Systems bezeichnen, bestehend aus den Spitzen der Wirtschaft, der Politik und der Geheimdienste.“

„Summe all dieser Entwicklungen führt, so der Rechtswissenschaftler Frank Pasquale, zur Entstehung einer Black-Box-Gesellschaft: Immer mehr soziale Prozesse werden mithilfe von Algorithmen gesteuert, deren Funktionsweise nicht nachvollziehbar ist, weil sie systematisch von der Außenwelt und damit von demokratischer Kontrolle abgeschirmt werden.[56] Die sich so immer weiter ausbreitende »Postdemokratie« ist nicht einfach eine liberale Demokratie mit einigen Problemen, die sich durch gut gemeinte Reformen beheben ließen. Es entsteht vielmehr ein neues gesellschaftliches System, in dem die vermeintlich gelockerte Kontrolle über soziales Handeln mit einer verstärkten Kontrolle über die Daten und die Strukturbedingungen des Handelns selbst kompensiert wird. In diesem System werden sowohl die virtuelle als auch die physische Welt auf bestimmte – von einigen wenigen mächtigen Akteuren festgelegte – Ziele hin verändert, ohne dass die Betroffenen eingebunden werden, ja, oftmals ohne dass sie es überhaupt bemerken können.“ (F. Stalder)

Wer mögliche politische Konsequenzen dieser Art ignoriert, verschließt die Augen vor gesellschaftlich bedeutsamen Entwicklungen und kann schulischer Bildung nicht gerecht werden. Hier eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten insbesondere für den Politik-Unterricht und die Bildung einer selbstbestimmten, verantwortungsvollen Persönlichkeit, die ihre Lebenswirklichkeit durchschauen und sie mitgestalten kann.

„Verkaufen, Vorhersagen, Verändern“ (F. Stalder)

Es ist unbestritten, dass wenige große IT-Konzerne den schulischen Markt entdeckt haben und um ihn kämpfen. Hier gilt es, jeglichem Lobbyismus i.S. einer „freien“ Bildung zu begegnen. Dies allerdings ist weniger die Aufgabe der Schülerinnen und Schüler als der Lehrerinnen und Lehrer sowie der zuständigen politischen Entscheidungsträger.

 

 

 

 

 

 

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